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Wozu Wirtschaftsethik? : Botschaften aus der Win-win-Zone

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Wirtschaftsnah: Der Aldi-Süd-Hörsaal an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes Bild: Franziska Gilli

Die Wirtschaftsethik kommt zunehmend ohne echte Ethiker aus, behauptet ein Philosoph. Schlimmer noch, sie diene sich dem Kommerz an. Was ist dran an diesen Vorwürfen?

          Wer braucht eigentlich die Wirtschaftsethik? Man könnte sagen: jeder, dem an einer wertgeleiteten Regulierung des wirtschaftlichen Handelns gelegen ist. Und der zugleich davon überzeugt ist, dass sich die Wirtschaft nicht am besten selbst reguliert oder dass andere Ordnungssysteme wie Recht und Politik das nicht viel besser können. Der in Lugano lehrende Wirtschaftsethiker Peter Seele hat an der besonderen Kompetenz der Wirtschaftsethik Zweifel: In mehreren Artikeln – beispielsweise anhand von Stellenausschreibungen und den Profilen von Fachzeitschriften – hat er aufgewiesen, dass die Wirtschaftsethik zunehmend ohne echte Ethiker auskommt.

          In der Zeitschrift „Information Philosophie“ (Heft 4/2017) hat Seele der Wirtschaftsethik darum vorgeworfen, sie sei „zu einem Teil der Management-Theorie geworden“ und habe sich dem wirtschaftlichen Selbstzweck des finanziellen Erfolgs untergeordnet. Der Philosoph bedauert diese von ihm behauptete Unterwanderung und sieht auch die deutsche Ausrichtung des Faches auf einem solchen Irrweg. Wirtschaftsethik sei nicht das Messen der finanziellen Vorteile von Unternehmen, die sich für Ethik und Nachhaltigkeit engagierten. Oder noch schlimmer: Forschung, die sich mit der Frage befasse, wie ethische Botschaften die Zahlungsbereitschaft von Kunden erhöhen. Doch auf die Frage, was ein solches „Fehlen von Philosophie in der Ausbildung der von Wirtschaftsstudenten für deren Verständnis von Wirtschaft für Folgen“ habe, gab Seele zur Antwort: „Im günstigsten Falle keine.“

          Seeles Antwort verrät die Schwäche seines eigenen Faches. Entweder nähert sich die Wirtschaftsethik zu sehr der Wirtschaft an. Dazu kommt es beispielsweise dann, wenn Bewerber auf Lehrstühle für Wirtschaftsethik Erfahrungen im Management oder in der Wirtschaft nachweisen müssen. Weil sie sonst ja wohl nichts von Wirtschaft verstünden? Das ist so, als müsste ein Professor für philosophische Ästhetik zunächst seine Fähigkeiten in der Ölmalerei oder im Ausdruckstanz vorführen. Wenn das Fach solche Zumutungen von sich abhält und stattdessen seine Zuständigkeit für das „Grundsätzliche“ reklamiert, stellt sich andererseits die Frage, worin noch seine spezielle Nützlichkeit für die Wirtschaft besteht.

          Das Ökonomische beherrschen

          „Die Fähigkeit zu denken und zu reflektieren steht jedem vernunftbegabten Menschen in gleichem Maße zur Verfügung“, doziert Seele. Warum brauchen dann gerade Wirtschaftsstudenten eine Extraausbildung darin? Weil sie später mehr Schaden anrichten können als Jura-, Politik- oder Medizinstudenten? Wenn Seele behauptet, die Philosophie „helfe durch ihre Fokussierung auf grundsätzliche Fragen der Ethik, Logik oder Ästhetik“ gegen eine „Verengung des Urteilsvermögens unter Ausblendung gesellschaftlicher Konsequenzen“, dann klingt das nach einer Trivialisierung dieser sehr kleinen Gemeinsamkeit.

          Wer zweifelhafte Interessen im Schilde führt, wer wie Facebook viel Geld mit Künstlicher Intelligenz verdienen will, der brauchte sich vor den Hilfestellungen einer solchen fürs Grundsätzliche zuständigen Wirtschaftsethik sicher nicht zu fürchten. Der Skandal liegt dabei nicht nur in Allianzen wie jüngst die der TU München mit Facebook, sondern noch mehr in der Legitimation des Faches durch die Skandale der Wirtschaft. Je mehr Finanzkrise, so Seele, desto mehr Nachfrage erfahre die Wirtschaftsethik. Das sei zwar „schlecht für die Welt“, aber immerhin gut für die „Reifung der Disziplin“. Die Krisenprofiteure der Wirtschaftsethiker „bewirtschafteten“ die Krise mit dem „Versprechen ihrer Heilung“, so Seele. Wenn das keine Win-win-Situation ist!

          Birger Priddat von der Universität Witten-Herdecke hat Seele in der „Information Philosophie“ entgegnet, Wirtschaft und Wirtschaftsethik stünden in einem Verhältnis der Rivalität zweier verschiedener Vernunftdimensionen. Die Ethik habe gar keine eigene Adresse in der Wirtschaft, sie fungiere nur als Platzhalter für „noch nicht ins Organisatorische oder Rechtliche gefügte Verhältnisse“. Für die ethische Regulierung der Wirtschaft sei die Konkurrenz aus der Soziologie, den Rechtswissenschaften und der Ökonomie besser gerüstet. Sie alle arbeiteten doch darauf hin, Regeln zu entwerfen, die das Ökonomische irgendwie kanalisieren und beherrschbar halten sollten.

          Impulse aus den empirischen Moralwissenschaften

          Wolle die Wirtschaftsethik ihrer Marginalisierung durch die erfolgreichere Konkurrenz entgehen, müsste sie die Selbstwahrnehmung der Ökonomie angreifen. Hier erst begönne eine philosophische Reflexion, so Priddat, die beides wäre: „eine Reflexion der Geltungsbedingungen der Ökonomie und zudem eine Reflexion der regulativen Anspruchshaltungen der Ethik selbst“.

          Ingo Pies, der in Halle-Wittenberg Wirtschaftsethik lehrt, geht sogar noch weiter und erwartet Impulse für die Theoriebildung seines Faches nicht aus der Philosophie, sondern aus den empirischen Moralwissenschaften. Pies sieht aus Disziplinen wie der Primatenforschung, der Anthropologie und der Theorie und Geschichte kultureller Evolution eine Welle neuer Erkenntnisse auf uns zurollen. Schaut man sich die von Pies hierzu angeführten Autoren an – beispielsweise die Kulturanthropologen Christopher Boehm, Joseph Henrich, Peter Turchin und Michael Tomasello, die Psychologen Joshua Greene, Jonathan Haidt, Steven Pinker oder den Evolutionsbiologen Frans de Waal –, dann fällt auf, dass für Pies von deutschsprachigen Autoren anscheinend keine Impulse zu erwarten sind.

          Auch der Münchener Wirtschaftsethiker Christoph Lütge, dessen Institut mit 6,5 Millionen Euro von Facebook die ethischen Implikationen der Künstlichen Intelligenz erforschen soll, setzt auf die Weiterentwicklung der Wirtschaftsethik von außen, allerdings nur, weil bei der internationalen Akkreditierung von MBA-Studiengängen ausdrücklich auch nach Wirtschaftsethik gefragt werde. Lütge kritisierte die Zurückhaltung der großen staatlichen Fakultäten in Deutschland bei der internationalen Akkreditierung ihrer Studiengänge. Wirtschaftsethik, so Lütge, sei mittlerweile stärker an den privaten Business Schools als an den Universitäten vertreten.

          Michaela Haase von der Freien Universität Berlin sieht die Vorgaben der Akkreditierer skeptischer als Lütge. Die Business Schools könnten von ihren Stakeholdern sicher dazu befragt werden, wie sie ihre Absolventen mit „critical thinking“ auf den Umgang mit Konflikten zwischen ethischen und ökonomischen Werten vorbereiten. Doch die Wirtschaftsethik würde selbst dann nicht überflüssig, wenn sich der Zustand der Welt verbessert hätte, und die ökonomische Theorie nicht mehr im Zentrum krisenbedingter Kritik stünde.

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