https://www.faz.net/-gqz-9m027

Wozu Wirtschaftsethik? : Botschaften aus der Win-win-Zone

  • -Aktualisiert am

Birger Priddat von der Universität Witten-Herdecke hat Seele in der „Information Philosophie“ entgegnet, Wirtschaft und Wirtschaftsethik stünden in einem Verhältnis der Rivalität zweier verschiedener Vernunftdimensionen. Die Ethik habe gar keine eigene Adresse in der Wirtschaft, sie fungiere nur als Platzhalter für „noch nicht ins Organisatorische oder Rechtliche gefügte Verhältnisse“. Für die ethische Regulierung der Wirtschaft sei die Konkurrenz aus der Soziologie, den Rechtswissenschaften und der Ökonomie besser gerüstet. Sie alle arbeiteten doch darauf hin, Regeln zu entwerfen, die das Ökonomische irgendwie kanalisieren und beherrschbar halten sollten.

Impulse aus den empirischen Moralwissenschaften

Wolle die Wirtschaftsethik ihrer Marginalisierung durch die erfolgreichere Konkurrenz entgehen, müsste sie die Selbstwahrnehmung der Ökonomie angreifen. Hier erst begönne eine philosophische Reflexion, so Priddat, die beides wäre: „eine Reflexion der Geltungsbedingungen der Ökonomie und zudem eine Reflexion der regulativen Anspruchshaltungen der Ethik selbst“.

Ingo Pies, der in Halle-Wittenberg Wirtschaftsethik lehrt, geht sogar noch weiter und erwartet Impulse für die Theoriebildung seines Faches nicht aus der Philosophie, sondern aus den empirischen Moralwissenschaften. Pies sieht aus Disziplinen wie der Primatenforschung, der Anthropologie und der Theorie und Geschichte kultureller Evolution eine Welle neuer Erkenntnisse auf uns zurollen. Schaut man sich die von Pies hierzu angeführten Autoren an – beispielsweise die Kulturanthropologen Christopher Boehm, Joseph Henrich, Peter Turchin und Michael Tomasello, die Psychologen Joshua Greene, Jonathan Haidt, Steven Pinker oder den Evolutionsbiologen Frans de Waal –, dann fällt auf, dass für Pies von deutschsprachigen Autoren anscheinend keine Impulse zu erwarten sind.

Auch der Münchener Wirtschaftsethiker Christoph Lütge, dessen Institut mit 6,5 Millionen Euro von Facebook die ethischen Implikationen der Künstlichen Intelligenz erforschen soll, setzt auf die Weiterentwicklung der Wirtschaftsethik von außen, allerdings nur, weil bei der internationalen Akkreditierung von MBA-Studiengängen ausdrücklich auch nach Wirtschaftsethik gefragt werde. Lütge kritisierte die Zurückhaltung der großen staatlichen Fakultäten in Deutschland bei der internationalen Akkreditierung ihrer Studiengänge. Wirtschaftsethik, so Lütge, sei mittlerweile stärker an den privaten Business Schools als an den Universitäten vertreten.

Michaela Haase von der Freien Universität Berlin sieht die Vorgaben der Akkreditierer skeptischer als Lütge. Die Business Schools könnten von ihren Stakeholdern sicher dazu befragt werden, wie sie ihre Absolventen mit „critical thinking“ auf den Umgang mit Konflikten zwischen ethischen und ökonomischen Werten vorbereiten. Doch die Wirtschaftsethik würde selbst dann nicht überflüssig, wenn sich der Zustand der Welt verbessert hätte, und die ökonomische Theorie nicht mehr im Zentrum krisenbedingter Kritik stünde.

Weitere Themen

Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

Topmeldungen

Eurofighter-Absturz : Nur ein paar Meter vom Kindergarten entfernt

Ein Schock für die Menschen in Nossentiner Hütte, ein Schock für die Luftwaffe: Was über den Absturz der Eurofighter bislang bekannt ist – und wie die Bevölkerung reagiert. Ein Besuch vor Ort.
Interims-Führung: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.) am Montag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.