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Workshop in Berlin : Wie kolonialistisch sind Naturkundemuseen?

Hier stehen echte Werte auf dem Spiel: Aber mit einer Rückgabe der Dinosaurierskelette im Lichthof des Berliner Naturkundemuseums an Tansania ist wohl nicht zu rechnen. Bild: SZ Photo

Wer Menschheitserbe sagt, will betrügen – oder oft wenigstens die Umstände der Erwerbung verschleiern: Die Debatte um koloniale Provenienzen erreicht jetzt auch die Naturkundemuseen.

          Naturwissenschaftliche Tagungen sind nicht für überkochende Emotionalität bekannt. Wenn deshalb am Ende eines Workshops über die „Politics of Natural History“, also die politische Seite der Naturgeschichte, vielen Teilnehmern das Lächeln im Gesicht gefriert, muss es ans Eingemachte gegangen sein. In diesem Fall und an diesem Ort, einem Konferenzsaal der TU Berlin, war es die Historikerin Manuela Bauche, die den wunden Punkt der Veranstaltung getroffen hatte, indem sie deren Untertitel – „How to decolonize the Natural History Museum?“ – beim Wort nahm. Dekolonisierung, sagte die Referentin, sei kein kuratorischer Spaziergang, sondern ein revolutionärer Prozess, der auch zur Schließung von Museen führen könne. Selbst die Kriterien der Objektkataloge müssten in Frage gestellt werden. Schließlich sei, bevor die Kolonisatoren aus Europa kamen, alles darin Erfasste „Teil des Lebens“ gewesen; jetzt sei es nur noch Teil der Naturgeschichte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wie kolonialistisch sind Naturkundemuseen? Bis ins Mark, lautete die Antwort des Workshops, veranstaltet von der TU, der Humboldt-Universität, der Leibniz-Gesellschaft und dem Berliner Museum für Naturkunde. Schon die ersten naturkundlichen Sammlungen, die aus den Wunderkammern des Barocks erwuchsen, enthielten zum größten Teil Objekte „aus kolonialen Kontexten“, wie es heute heißt. Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert exportierten die Kolonialmächte England und Frankreich ihren Museumsbegriff dann auch in die von ihnen beherrschten Regionen (Ayesha Keshani, London). In Südafrika, das gegenüber seiner schwarzen Bevölkerung selbst als Kolonialmacht auftrat, trieb die paläontologische Einbettung eines um die Überlegenheit der weißen Rasse kreisenden Geschichtsbilds besonders krasse Blüten. In Dioramen, die Lebendabgüsse von Buschmännern mit Leitfossilien und indigener Flora kombinierten, wurden die Afrikaner in die Naturgeschichte zurückversetzt (Ciraj Rassool, Kapstadt). Erst mit dem Ende der Apartheid in den neunziger Jahren wich das alte Narrativ einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Die seit 1924 gefundenen Überreste des Australopithecus africanus wurden zu Belegen einer allgemeinen Sozial- und Kulturgeschichte der Menschheit umgedeutet.

          Wenig Interesse an Provenienzen

          Auf andere Weise umstritten sind die Knochen des Java-Menschen, die der Anthropologe Eugène Dubois 1891 im damals zum niederländischen Kolonialreich gehörenden Indonesien entdeckte. Heute werden sie hinter Panzerglas in einem Safe des Naturalis-Museums in Leiden gezeigt. Seit den fünfziger Jahren hat der indonesische Staat die Funde mehrmals erfolglos zurückgefordert (Fenneke Sysling/Caroline Drieënhuysen, Utrecht). Die Ansprüche seien Unsinn, die Objekte legal erworbenes Naturerbe, hieß es aus Museums- wie Politikerkreisen.

          Offensichtlich dient der Erbe-Begriff, der in jüngster Zeit häufig in Museumsrichtlinien zum Umgang mit Rückgabeforderungen auftaucht („kulturelles und natürliches Erbe“, „naturkundliches Erbe“), auch der Verschleierung von Erwerbungsgeschichten (Ina Heumann, Berlin). Wer diese Geschichten ergründen will, löst bei den betroffenen Naturkundlern oft Abwehrreflexe aus. Hier herrscht nach wie vor eine Arbeitskultur, die auf objektivierbare Resultate setzt und an Provenienzen wenig Interesse hat, wie der Biologe Michael Ohl, der selbst als Museumskurator gearbeitet hat, bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Workshops ausführte.

          Die rühmliche Ausnahme macht ein Forschungsprojekt zur Herkunft der Dinosaurierskelette im Berliner Naturkundemuseum, das demnächst publiziert wird. Die Fundstelle am Tendaguru in Tansania, damals Deutsch-Ostafrika, wurde 1908 durch einen Verwaltungsakt zu Kronland erklärt, wodurch die Saurier in deutschen Besitz übergingen. Heute fordern politische Vertreter der Region die Knochen zurück. Die Zentralregierung ihrerseits hintertreibt das Vorhaben mit der Begründung, in Tansania gebe es keine geeigneten Museen zur Aufbewahrung der Funde.

          Kritik am christlichen Wissensmonopol

          Das ist keine Schutzbehauptung. In vielen afrikanischen Ländern fehlt es an Museen, welche die nationale Kultur- und Naturgeschichte erzählen könnten, und wo es sie gibt, sind sie regelmäßig unterfinanziert. Das Naturkundemuseum in Ife, Nigeria, 1957 von Kenneth Murray begründet, wurde erst gut fünfzig Jahre später mit Unterstützung eines Privatfonds fertiggestellt (Lucky Ugbudian, Ndufu Alike Ikwo). Heute zählt es eine halbe Million Besucher im Jahr. So wie das nigerianische sind viele andere Naturkundemuseen auf Kooperationen mit westlichen Institutionen angewiesen, etwa bei Forschungs- und Restaurierungsvorhaben. Die finanzielle Abhängigkeit mindert wiederum die Motivation, europäische und amerikanische Partner etwa mit Rückgabeforderungen zu behelligen. Mit der schlagartigen revolutionären Dekolonisierung der Museen könnte es also noch eine Weile dauern. Die Macht- und Wissensverhältnisse, sie sind nicht so.

          Einige Vordenker der neuen Museumsdidaktik wollen deshalb zuerst die westliche Deutungshoheit in der Naturgeschichte brechen. Die christliche Symbolik etwa in der Darstellung von Abstammungslinien („Baum des Lebens“) soll zugunsten „nichthierarchischer“ Modelle verschwinden (Fritha Langerman, Kapstadt), die Vorgängigkeit „indigenen Wissens“ sichtbar gemacht werden (Martha Fleming/Dominik Hünniger, Göttingen). Einem Publikum, das sich nicht mit paläontologischen Schaubildern aufhalten, sondern in multimedial aufgerüstete Regenwald-Installationen eintauchen will, wäre mit dieser musealen Aufwertung von Magie und Ritus sicher gedient. Die Naturkunde als Wissenschaft freilich muss sich weiterhin mit den alten Fragen der Klassifizierung, Benennung und Pflege von Objekten abmühen, wie Sylke Frahnert (Berlin) in ihrem Vortrag klarstellte – nicht weil sie ein christliches Wissensmonopol hütet, sondern weil ihre Schätze sonst nicht allgemein zugänglich wären.

          Sylke Frahnert betreut gut zweihunderttausend Vogelpräparate im Naturkundemuseum. Die ältesten wurden vor 1812 in Brasilien erworben, die jüngsten um 1990 in Indien. Bei der Digitalisierung werden die alten Kolonialnamen in den Objektbiographien getilgt, was nicht wenige Teilnehmer des Workshops bedauerten. Die Dekolonisierung ist ein zweischneidiges Schwert: Indem sie die Sammlungen bereinigt, raubt sie ihnen einen Teil ihrer Geschichte.

          Wie aber soll nun die Selbstaufklärung der Naturkundemuseen vonstattengehen? Die deutsch-französische Historikerin Bénédicte Savoy machte bei der Podiumsdiskussion einen interessanten Vorschlag: Statt das koloniale Erbe zu verschweigen, müsse man es in den Mittelpunkt stellen. Beispielsweise in Gestalt der abgeschnittenen Elefantenfüße, die den Wissenschaftlern einst als Papierkörbe dienten und heute noch zu Hunderten in den Magazinen liegen. „Dann dekolonisiert das Publikum das Ganze sofort.“ Das möchte man sehen.

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