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Workshop in Berlin : Wie kolonialistisch sind Naturkundemuseen?

Die rühmliche Ausnahme macht ein Forschungsprojekt zur Herkunft der Dinosaurierskelette im Berliner Naturkundemuseum, das demnächst publiziert wird. Die Fundstelle am Tendaguru in Tansania, damals Deutsch-Ostafrika, wurde 1908 durch einen Verwaltungsakt zu Kronland erklärt, wodurch die Saurier in deutschen Besitz übergingen. Heute fordern politische Vertreter der Region die Knochen zurück. Die Zentralregierung ihrerseits hintertreibt das Vorhaben mit der Begründung, in Tansania gebe es keine geeigneten Museen zur Aufbewahrung der Funde.

Kritik am christlichen Wissensmonopol

Das ist keine Schutzbehauptung. In vielen afrikanischen Ländern fehlt es an Museen, welche die nationale Kultur- und Naturgeschichte erzählen könnten, und wo es sie gibt, sind sie regelmäßig unterfinanziert. Das Naturkundemuseum in Ife, Nigeria, 1957 von Kenneth Murray begründet, wurde erst gut fünfzig Jahre später mit Unterstützung eines Privatfonds fertiggestellt (Lucky Ugbudian, Ndufu Alike Ikwo). Heute zählt es eine halbe Million Besucher im Jahr. So wie das nigerianische sind viele andere Naturkundemuseen auf Kooperationen mit westlichen Institutionen angewiesen, etwa bei Forschungs- und Restaurierungsvorhaben. Die finanzielle Abhängigkeit mindert wiederum die Motivation, europäische und amerikanische Partner etwa mit Rückgabeforderungen zu behelligen. Mit der schlagartigen revolutionären Dekolonisierung der Museen könnte es also noch eine Weile dauern. Die Macht- und Wissensverhältnisse, sie sind nicht so.

Einige Vordenker der neuen Museumsdidaktik wollen deshalb zuerst die westliche Deutungshoheit in der Naturgeschichte brechen. Die christliche Symbolik etwa in der Darstellung von Abstammungslinien („Baum des Lebens“) soll zugunsten „nichthierarchischer“ Modelle verschwinden (Fritha Langerman, Kapstadt), die Vorgängigkeit „indigenen Wissens“ sichtbar gemacht werden (Martha Fleming/Dominik Hünniger, Göttingen). Einem Publikum, das sich nicht mit paläontologischen Schaubildern aufhalten, sondern in multimedial aufgerüstete Regenwald-Installationen eintauchen will, wäre mit dieser musealen Aufwertung von Magie und Ritus sicher gedient. Die Naturkunde als Wissenschaft freilich muss sich weiterhin mit den alten Fragen der Klassifizierung, Benennung und Pflege von Objekten abmühen, wie Sylke Frahnert (Berlin) in ihrem Vortrag klarstellte – nicht weil sie ein christliches Wissensmonopol hütet, sondern weil ihre Schätze sonst nicht allgemein zugänglich wären.

Sylke Frahnert betreut gut zweihunderttausend Vogelpräparate im Naturkundemuseum. Die ältesten wurden vor 1812 in Brasilien erworben, die jüngsten um 1990 in Indien. Bei der Digitalisierung werden die alten Kolonialnamen in den Objektbiographien getilgt, was nicht wenige Teilnehmer des Workshops bedauerten. Die Dekolonisierung ist ein zweischneidiges Schwert: Indem sie die Sammlungen bereinigt, raubt sie ihnen einen Teil ihrer Geschichte.

Wie aber soll nun die Selbstaufklärung der Naturkundemuseen vonstattengehen? Die deutsch-französische Historikerin Bénédicte Savoy machte bei der Podiumsdiskussion einen interessanten Vorschlag: Statt das koloniale Erbe zu verschweigen, müsse man es in den Mittelpunkt stellen. Beispielsweise in Gestalt der abgeschnittenen Elefantenfüße, die den Wissenschaftlern einst als Papierkörbe dienten und heute noch zu Hunderten in den Magazinen liegen. „Dann dekolonisiert das Publikum das Ganze sofort.“ Das möchte man sehen.

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