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Zu hohe Mieten für Studenten : Finanzämter zu Wohnheimen

Paula Aguilar Sievers und Luca Horoba Bild: Daniel Pilar

Weil die Mieten steigen, kämpfen Münsters Studenten um neuen Wohnraum. Einige müssen nun in eine Notunterkunft ziehen. Mit ihrem Problem sind sie nicht allein.

          Mit dem fast abgebrannten Glimmstengel in der Hand zeigt Luca Horoba auf das Objekt seiner Begierde. „Das ist das Schätzchen“, sagt der Vierundzwanzigjährige. Und dieses Schätzchen dürfte tatsächlich einiges wert sein, steht es doch in bester Lage in einer aufstrebenden Stadt. Nur einen Straßensprung entfernt liegt die Altstadt, liegt auch die Kreuzstraße mit ihren zahlreichen Lokalen, wie dem Himmel und Hölle, der Ziege, dem Blauen Haus und der ältesten Studentenkneipe, der Cavete.

          Horobas Schätzchen, das ist das alte Finanzamt von Münster, das schon vor dem Zweiten Weltkrieg existierte. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise wurde es als Unterkunft umfunktioniert. Seit etwa einem Jahr steht es nun leer. Klar, dass die Studenten es gerne als Wohnheim umfunktionieren würden. Doch das Haus gehört dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB), dem landeseigenen Immobiliendienstleister Nordrhein-Westfalens. Und dieser muss es seinen eigenen Kunden, also Behörden anbieten.

          Was nach einer Lokalposse klingt, ist weit mehr als das. Es geht um den Kampf um Wohnraum. Denn der ist nicht nur in Münster knapp geworden, seitdem viele Städte neue Bevölkerungsgruppen wie Magneten anziehen. Der Wohnraummangel hat die Mittelschicht erreicht. Und Studenten, die keine Eltern mit weit geöffnetem Portemonnaie haben. Während in manchen ländlichen Regionen Leerstand um sich greift, geht der Wohnraum in vielen Städten langsam aus.

          Viele Studenten müssen pendeln

          In München ist die Situation seit Jahren am schlimmsten. Doch auch kleinere Städte leiden. Dazu zählt die Universitätsstadt Münster. Die Studenten bekommen die steigenden Mieten zu spüren, gleichzeitig sind sie aber auch Teil des Problems, weil sie die Mieten in die Höhe treiben. Denn in den vergangenen Jahren sind die Studentenzahlen weit nach oben geschossen. Auch in Münster. Studierten hier 2008 noch etwa 48 000 Studenten, waren es zuletzt schon mehr als 61 000. Jeder fünfte Einwohner geht also an eine der Hochschulen.

          Das „Schätzchen“: Aus dem alten Finanzamt wollen Münsters Studenten ein Wohnheim machen.

          Dass der Wohnraum weiterhin bezahlbar bleibt, dafür kämpft Luca Horoba gemeinsam mit Paula Aguilar Sievers. Beide sind Referenten des Asta für Soziales und Wohnraum. Ihr Plenarraum liegt in zentraler Lage, in einem kleinen, altehrwürdigen Backsteinhäuschen, direkt vor dem Fürstbischöflichen Schloss. „Wir haben es lange kommen sehen“, sagt die zwanzig Jahre alte Aguilar Sievers: die steigenden Studentenzahlen, den Wohnraummangel, die hohen Mieten. „Wir bekommen viele Mails von Leuten, die nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Wir waren in der O-Woche bei vielen Erstis, in Vorlesungen, haben uns vorgestellt und ein paarmal nachgefragt, wer noch keine Wohnung gefunden hat. Teilweise haben sich da gefühlt dreißig Prozent gemeldet. Das ist wirklich sehr traurig. Was nun passiert, ist Folgendes: Wer nicht so viel Geld für eine Wohnung zahlen kann, zieht nach außerhalb.“ Innerhalb der Stadt wohnten nur noch diejenigen, die es sich leisten können. Jeder dritte Student, so eine Schätzung der Stadt, pendelt.

          Der Wohnraummangel ist vor allem für Zugezogene ein Problem

          Verschärft wird die Lage auf dem Wohnungsmarkt vielerorts dadurch, dass die meisten Fächer nur im Wintersemester starten, die Studenten daher im Herbst an die Universitäten strömen – und dadurch den Wohnungsmarkt überschwemmen. Bloß gehen die älteren Semester nicht alle gleichzeitig. Erst im späten Frühjahr entspanne sich die Situation wieder, sagt Horoba. Vor allem internationale Studenten würden darunter leiden. Aber auch wer aus Dresden oder München nach Münster zieht, muss erst einmal schauen, wo er bleibt. Der indische Student Dhruv Singha sagt beispielsweise, er habe schon in New York, Südamerika und Paris gewohnt. „In einer solchen Situation wie in Münster war ich noch nicht.“ Wobei er da in Paris viel Glück gehabt haben dürfte. Früher, sagt Horoba, habe man schon mal fünfzehn WG-Castings durchlaufen müssen. Mittlerweile seien es eher mehr als zwanzig – bei hundert Bewerbungen. „Das ist ein Würfelspiel.“

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