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Wissenschaftsintellektuelle : Warum nicht das Schlimmste verhindern?

  • -Aktualisiert am

Sartres langer Schatten: der exemplarische Intellektuelle des zwanzigsten Jahrhunderts am Strand in Litauen Bild: ©Antanas Sutkus/Galerie Albrecht Berlin

Mit steilen Thesen in die Zukunft oder mit kühlem Blick auf Reformkurs: Der Wissenschaftsintellektuelle ist wieder als Deuter der Gegenwart gefragt. Doch in der Politik stößt kluger Rat auf taube Ohren.

          Intellektuelle sind die lebendigsten Totgesagten der Geistesgeschichte. Gerade in der Wissenschaft schien ihre Zeit mit der Allgegenwärtigkeit von Experten abgelaufen. Nun, im Zeichen sozialer Spannungen und populistischer Politik, ist ihre Stimme wieder gefragt. Allerdings unterscheiden sich die Bedingungen ihres öffentlichen Engagements stark, wie ein Vergleich zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich zeigt.

          1987 stimmte der amerikanische Historiker Russell Jacoby einen Abgesang auf den Intellektuellen an. „Unabhängige Intellektuelle, die für den gebildeten Leser geschrieben haben, sterben aus“, schrieb er in seinem Buch „The Last Intellectuals“. Mit dem Intellektuellen sah Jacoby auch ein gebildetes Publikum, das „seriöse Bücher, Magazine und Zeitungen liest“, dahinschwinden. Als Hauptursache für das Intellektuellensterben machte er die Universitäten aus, die das geistige Leben aus den Städten saugten, indem sie junge Denker zu Campusdauerbewohnern machten. Für Jacoby war der akademische Gelehrte des unabhängigen Intellektuellen Tod.

          Dreizehn Jahre später hatte Jacoby anlässlich der Zweitausgabe seines Buches Gelegenheit, auf seine Zeitdiagnose von 1987 zurückzukommen. Er habe, konzedierte er im neuen Vorwort, „die Explosion von universitär verankerten Intellektuellen, die das politische und kulturelle Leben bereichern“, nicht voraussehen können. Hatten sich Intellektuelle mit Professorentitel zwischen 1987 und 2000 explosionsartig vermehrt? Wohl kaum. Sie hatten im öffentlichen Leben der Vereinigten Staaten schon zuvor eine starke Präsenz und dürften diese erst jüngst, beflügelt von der Aufmerksamkeitsökonomie digitaler Medien und vom Antiakademismus Donald Trumps, ausgebaut haben. Dennoch gehört Jacoby zu den wenigen, die frühzeitig erfasst haben, dass die Figur des Intellektuellen einem fundamentalen Wandel unterliegt. Er hat ihn nur falsch beschrieben.

          Grenzgängerintellektuelle

          Amerikanische Professorenintellektuelle gibt es heute in vielen Varianten, und mittlerweile leisten sogar traditionelle Mahner und Warner wie der Historiker Timothy Snyder Aufklärungsarbeit via Youtube. Besonders bedeutsam für die Vereinigten Staaten sind jedoch zwei Intellektuellentypen: Professorenjournalisten und Expertenprediger.

          Der Typus des Professorenjournalisten knüpft an jene Figur an, von der Jacoby glaubte, sie sei dem Untergang geweiht: dem Grenzgänger zwischen Journalismus und Wissenschaft. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er sich, wie es einer von Jacobys Helden, der Soziologe Daniel Bell, einst formulierte, in Generalisierungen spezialisiert. Die meisten Intellektuellen dieser Art haben Geistes- oder Sozialwissenschaften studiert. In der Nachkriegszeit war es noch möglich, dass sie sich zuerst einen Namen als Journalisten machten, bevor sie an die Universität zurückkehrten. Bell war schon einundvierzig, als er 1960 promovierte und die Professorenlaufbahn einschlug. Zwei Jahrzehnte später trieb der Literaturwissenschaftler Louis Menand seine journalistische und akademische Karriere parallel voran, und nochmals zwanzig Jahre später sicherte sich die Historikerin Jill Lepore zuerst einen Lehrstuhl, bevor sie ein festes journalistisches Standbein aufbaute. Menand wie Lepore gelangten auf unterschiedlichen Routen zum gleichen Ziel: Sie haben heute Professuren in Harvard und sind festangestellte Autoren des „New Yorker“.

          Die im Vergleich zu früher stärkere akademische Rückbindung von Professorenjournalisten hat ihre Hauptursache in der universitären Karriere. Wer es heute in der Forschung zu etwas bringen will, kann sich aufgrund der unerbittlichen Konkurrenz keinen längeren Abstecher in den Journalismus mehr leisten. Jacobys Sorge jedoch, akademische Intellektuelle verlören ihre Unabhängigkeit und verlernten das Schreiben, ist von amerikanischen Professorenjournalisten laufend widerlegt worden.

          Aufschlussreich ist das Beispiel Jill Lepores. Es zeigt, dass die Doppelfunktion gerade in der polarisierten Öffentlichkeit von heute einen Zugewinn an Souveränität und Freiheit bringen kann. Lepore gelingt das Kunststück, sich bei kontroversen Themen zwischen dem liberalen und konservativen Lager zu platzieren, an beiden fundierte Kritik zu üben und von beiden ernst genommen zu werden. Im „New Yorker“ tat sie es jüngst mit einer provokanten Analyse zum Siegeszug der Opferrechtsbewegung vor Gericht, den sie auf eine unheilige Koalition aus „traumazentriertem Feminismus“ und rachedurstigem Konservatismus zurückführte.

          Ebenso schafft es Lepore in ihrem kürzlich erschienenen Buch über die Geschichte Amerikas, „These Truths“, die von rechts wie links zelebrierte Verweigerung, Dissens auszuhalten und Debatten zu führen, nachzuzeichnen, ohne selber in die Polarisierungsmühle zu geraten. Entscheidend dafür ist, dass Lepore als Kennerin der nationalen Konfliktgeschichte schreibt, aus der heraus sie die aktuelle Polarisierung zugleich erklären und für sich entschärfen kann. Was sonst kaum mehr geht, scheint in der Rolle der Professorenjournalistin noch möglich zu sein: eine engagierte Existenz über den Niederungen des ideologischen Grabenkampfs.

          Expertenprediger

          Professorenjournalisten haben jedoch wenig Gestaltungsmacht, was sich gerade im Vergleich mit wissenschaftlichen Intellektuellen des zweiten Typs zeigt. Bei Expertenpredigern handelt es sich um Wissenschaftler, die in ihrer Disziplin Spitzenforscherstatus erlangt haben und diesen anschließend in öffentliche Autorität ummünzen, um mit „großen Ideen“ aus dem Umkreis ihrer Forschung die Welt zu verändern. Expertenprediger spezialisieren sich nicht in Generalisierungen, sie generalisieren vielmehr ihre Spezialisierung, indem sie die Perspektiven, Methoden und Normen ihres Faches über dessen Grenzen hinaus anwenden. Die erfolgreichsten Exemplare dieser Spezies sind Ökonomen wie Jeffrey Sachs oder Joseph Stiglitz und Betriebswirte wie Clayton Christensen oder Erik Brynjolfsson.

          Die Wirtschaftswissenschaften sind für die Ausübung der Rolle ideal: Erstens verleiht ihr durch quantitative Leistungsmessung unterfütterter Starkult Expertenpredigern mediale Aufmerksamkeit, zweitens verleitet ihr hegemonialer Geltungsanspruch zu disziplinär geeichten Welterklärungsversuchen, drittens lässt ihr technokratischer Optimismus den Weg von der Analyse zur Anwendung kurz erscheinen, und viertens ermöglichen ihre Prognosemodelle und Trendanalysen den Auftritt als Propheten – eine Funktion, in der zugleich Gestaltungsmacht und Geschäftspotential steckt.

          Tatsächlich definieren sich Rang und Einfluss von Expertenpredigern wesentlich über das Einkommen. Wer etwas zählt, lässt sich sechsstellige Buchvorschüsse und fünfstellige Vortragshonorare zahlen. Die herkömmliche Anerkennungslogik ist auf den Kopf gestellt: Hatten sich klassische Intellektuelle von Zola bis Sartre durch ein selbstgefährdendes Eingreifen unter Ablehnung jedes finanziellen Nutzenkalküls ausgezeichnet, so profilieren sich heutige Expertenprediger durch den größtmöglichen return on investment. Der Intellektuelle wird zur personifizierten Marke.

          Marktplätze der Ideen

          Die für die Ausübung der Rolle wichtigste Institution hinter einem Expertenprediger ist denn auch nicht die Universität, sondern die Agentur, die das öffentliche Engagement so einträglich wie möglich gestaltet. Sie muss ihre professoralen Klienten in TED-Talks, Fernsehshows und Firmenseminare einschleusen, und sie muss dafür sorgen, dass ihre großen Ideen für eine bessere Zukunft attraktiv verpackt und leicht verdaulich verabreicht werden. Für differenzierte Analysen gibt es wenig und für grundsätzliche Kritik kaum Platz; dafür umso mehr für radikale Lösungsvorschläge. Expertenprediger sind die Tele-Evangelists der Wissenschaft.

          Um einen Eindruck zu erhalten, wie dominant Expertenprediger in der amerikanischen Öffentlichkeit auftreten, bietet sich das Buch „The Ideas Industry“ des Politikwissenschaftlers Daniel Drezner an. Das Problem mit seiner Analyse ist nur, dass sie Anleihen beim gleichen Großsprechvokabular macht, mit dem Expertenprediger selbst auftrumpfen. Er nennt Expertenprediger „thought leaders“, erstellt ein Ranking der einflussreichsten außenpolitischen Vordenker und redet beständig vom „marketplace of ideas“, als setzten sich Expertenprediger einem marktförmig organisierten Ideenwettbewerb aus. Gerade das tun sie nicht, wenn sie ihre wissenschaftliche Persona in eine kommerzielle Marke verwandeln, denn nun geht es weniger um die Qualität von Ideen als um den Zugang zu den Fleischtöpfen der Finanz- und Hightech-Industrie.

          Expertenprediger sind die Hoftheologen der Ost- und Westküsten-Plutokratie oder, wie es der Historiker David Sessions in Anspielung auf Antonio Gramsci ausdrückte, „the organic intellectuals of the one percent“. Mit ihren „großen Ideen“ zur Weltverbesserung verleihen sie den unternehmerischen Visionen und zivilisatorischen Illusionen von Silicon-Valley- und Hedgefonds-Milliardären Glanz und Würde und immunisieren sich zugleich gegen Kritik aus der Wissenschaft.

          Erik Brynjolfsson kann digitale Technologien als präzedenzlose Produktivitätstreiber mit unvorstellbaren Automatisierungseffekten anpreisen, ohne sich um stichhaltige Belege für seine Aussagen kümmern zu müssen. Noch spektakulärer ist die Diskrepanz zwischen öffentlichem Erfolg und empirischer Evidenz bei Clayton Christensen, dem „one trick pony“ unter den Expertenpredigern. Sein Konzept der „disruptiven Innovation“, dem zufolge Jungunternehmen mit schlechteren, aber billigeren Produkten etablierte Konzerne in den Ruin treiben können, ist zum universalen Erklärungsansatz für den Erfolg der Silicon-Valley-Giganten geworden. Dabei vermag es die Wachstumsmechanismen digitaler Plattformen gar nicht zu erfassen. Umso besser aber fügt es sich in den kalifornischen Hightech-Messianismus der kreativen Zerstörung ein. Christensen weitete das Konzept auf die Hochschulbildung und das Gesundheitswesen aus, seine Jünger sprachen von der Disruption der Politik und fanden den Disruptor-in-Chief in Donald Trump. Nun ist es überall.

          Ein dummer Bruder im Geiste

          Der Fall Christensen zeigt auch, wie wenig öffentliche Kritik an Expertenpredigern bewirken kann. Es war Jill Lepore, die 2014 im „New Yorker“ das Konzept der disruptiven Innovation als folgenreichen Irrtum bloßstellte: Es beschreibe die Wirklichkeit falsch und verändere sie zugleich in verhängnisvoller Weise, indem es atavistische Zerstörungseuphorie und „apokalyptische Angst“ verbreite. Ein Jahr später veröffentlichten zwei Fachkollegen Christensens eine noch umfassendere Kritik in der „Sloan Management Review“. Sie hatten die Fallbeispiele, die Christensen für disruptive Innovationen anführt, von Spezialisten überprüfen lassen, mit dem Ergebnis, dass die meisten dem Konzept nicht entsprechen. Obwohl der Befund breite Beachtung fand, konnte er Christensen wenig und dem Disruptionsdiskurs nichts anhaben. Fallen die Gläubigen in den höchsten Wirtschaftsetagen nicht von einem Expertenprediger ab, bleibt Kritik ohne Konsequenzen.

          Indem sich Expertenprediger der symbolischen Sanktionsgewalt der Wissenschaft entziehen, erlangen sie nicht etwa eine höhere Unabhängigkeit, sondern unterwerfen sich den Aufmerksamkeitszwängen der Medien-, Tech- und Finanzindustrie. Das hat Rückwirkungen auf die Autonomie der Wissenschaft. Universitäten sonnen sich gerne im Glanz ihrer berühmten Professoren, die in der Welt für Impact sorgen, und übernehmen damit bis zu einem gewissen Grad deren fremdbestimmte Anerkennungslogik. Mehr noch: Sie signalisieren nach innen, besonders an junge Akademiker, dass Spitzenforschung kein Zweck an sich sein muss, sondern Mittel zum großen Reibach sein kann. Damit gleicht sich Wissenschaft dem Modell der Haute Cuisine an: Um ganz nach oben zu kommen, braucht es viel Leidenschaft und Leidensbereitschaft, dann aber winkt eine Existenz als „Brand“, mit Kochbuchreihen und Galaauftritten, und das Leben in der Küche darf ein Ende haben.

          Das zusätzliche Aufsehen, das Expertenprediger ihren Universitäten bescheren, geht letztlich auf Kosten der Unabhängigkeit der Wissenschaft. Es gibt aber noch eine tiefere Ironie in der Existenz von Expertenpredigern. Die meisten Exemplare der Spezies können ihrer Verachtung für Donald Trump nicht genug Ausdruck geben, und sie gehen selbstverständlich davon aus, dass er das personifizierte Gegenteil ihrer selbst ist: ignorant, irrational, impulsiv. Was des Präsidenten Wissen betrifft, haben sie durchaus recht, nur übersehen sie, dass Trump ihr dummer Bruder im Geiste ist. Der Präsident kommt aus der Mitte der urbanen Plutokratie, ist immun gegen Kritik, nutzt als Autoritätsquelle seine sprudelnden Einnahmen, hat keinen Bedarf an differenzierten Analysen und will mit großen Ideen imponieren („build the wall!“). Die Figur des Expertenpredigers ist damit die denkbar schlechteste Intellektuellenrolle, um gegenüber Trump als glaubwürdige Gegenautorität aufzutreten.

          Verkehrte Welt Frankreich

          Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten sind die Voraussetzungen für wissenschaftliche Intellektuelle in Frankreich völlig anders. Nur das vorzeitige Begräbnis fand auf beiden Seiten des Atlantiks statt. Schon vier Jahre vor Russell Jacoby hatte Jean-François Lyotard dem Intellektuellen ein „Grabmal“ in Essayform gemeißelt. Zur Todesursache machte er aber andere Angaben. Lyotard zufolge war der Intellektuelle gestorben, weil „es kein universelles Opfer-Subjekt“ mehr gebe, „in dessen Namen das Denken Anklage erheben könnte“. Damit war natürlich Sartre gemeint, die Nachkriegsinkarnation des universellen Intellektuellen, der sich als Anwalt der Unterdrückten auf der ganzen Welt inszenierte und Maximaldistanz zum kapitalistischen Establishment markierte.

          Tatsächlich war Sartre damals schon drei Jahre tot, und bereits zu Lebzeiten hatten prominente Stimmen aus der Wissenschaft seine Intellektuellenrolle für überlebt erklärt. Im Unterschied zu Lyotard wollten Michel Foucault und später Pierre Bourdieu allerdings nicht den Intellektuellen, sondern nur Sartres Verkörperung desselben begraben. Foucault ersetzte den „universellen“ durch den „spezifischen Intellektuellen“, der sich weniger umfassend, dafür umso kundiger und konkreter engagiere, während Bourdieu einen „kollektiven Intellektuellen“ beschwor, bestehend aus wissenschaftlichen Spezialisten aller Länder, die mit geballter Fachkompetenz in Konflikte intervenierten. Die Intellektuellenwürde sollte Schriftstellern abgenommen und Wissenschaftlern übertragen werden.

          Bei allen Abgrenzungsbemühungen vom Übervater Sartre blieb in einem entscheidenden Punkt alles gleich: Wissenschaftliche Intellektuelle machten Fundamentalopposition von links gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten. Foucault und Bourdieu stilisierten sich in der Theorie zu Anti-Sartres, in der Praxis traten sie als Nouveaux-Sartres auf. Sie waren Widerstandskämpfer des Wortes per Manifest und Megaphon, und als solche verbaten sie sich jeden Vorschlag zur Lösung politischer Probleme, weil sie darin, wie Bourdieu sagte, eine „Kollaboration“ mit den „Mächten des Marktes“ sahen.

          Progressive Verweigerung

          In Didier Eribon, der wiederum den neuen Bourdieu gibt, ist die Verweigerungshaltung zur progressiv verpackten Reaktion erstarrt, und in diesem Sinne haben auch Eribons Ziehsöhne Geoffroy de Lagasnerie und Edouard Louis 2016 ein Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive verfasst, in welchem sie ein ethisches „Prinzip der Verweigerung“ zu unliebsamen Debatten, Personen und Problemen propagieren. Der Philosoph Bernard Stiegler kritisiert am Manifest, es fehle ihm an einer Perspektive. Das aber ist gerade der Punkt: Der Empörungsgestus muss rein sein – und das heißt frei von Erwägungen, wie es anders sein könnte.

          Der wissenschaftliche Intellektuelle post-sartrescher Prägung ist das genaue Gegenteil des amerikanischen Expertenpredigers: ambitionierter Analytiker, schonungsloser Kritiker, Gegenautorität zu den Mächtigen, Antikapitalist und Antivisionär. Als solcher genießt er, nicht zuletzt dank des überragenden Gelehrtenranges von Foucault und Bourdieu, eine Vorbildfunktion in ganz Europa. Intellektueller zu sein bedeutet in dieser Lesart, jeden Anflug von Reformeifer oder gar Optimismus als neoliberale Anwandlung abzulehnen. Der selbstauferlegte Auftrag beschränkt sich darauf, das Schlimmste zu verhindern, und ermöglicht es, jedes Scheitern als heroischen Widerstand zu feiern.

          Ein linker Expertenprediger?

          Vor diesem Hintergrund erhält eine Ausnahmefigur wie Thomas Piketty besondere Bedeutung. Als Starökonom mit weltweiter Ausstrahlung entspricht Piketty am ehesten dem Typus des Expertenpredigers. Gleichzeitig ist er gefeit vor dem Schicksal eines Plutokratentheologen, schreibt er sich doch auch in die französische Tradition linker Intellektualität ein. Piketty greift die meritokratischen Illusionen von Rentnerkapitalisten an, kritisiert die technokratischen Strukturen der Europäischen Union und macht bei seinen Analysen, für die er ebenso virtuos auf globale Datenreihen wie auf französische Romane zurückgreift, keine Konzessionen an methodisch Minderbemittelte.

          Es ist jedoch die Kombination von Kritik und Korrektur, das reformerische Engagement, wodurch sich Piketty von den neuen Sartres und Bourdieus am markantesten abhebt. Piketty ist ein Professorenaktivist ohne technokratische Allüren. Was mit der Forderung nach einer radikalen Steigerung der Steuerprogression zur Reduktion der Ungleichheit begann, hat sich mittlerweile zu einem Demokratisierungsprogramm für die Europäische Union entwickelt. Piketty macht dabei ebenfalls Intellektuellenpolitik per Manifest, mit dem Unterschied, dass die Forderungen viel Platz einnehmen und die Namen der multidisziplinären Mitunterzeichner in den Hintergrund treten.

          Selbstverständlich stößt der Professorenaktivist bei den intellektuellen Verweigerungskünstlern in „Foucieus“ Fußstapfen auf Ablehnung. Eribon nennt Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ein „Unternehmen zur Zerstörung des linken Denkens“, weil es den Kapitalismus mittels Reformen akzeptabel machen wolle. Lasganerie wiederum spricht vom „Gegenteil eines kritischen Buches“, weil es nicht jede Form von Ungleichheit ablehne und damit eine „theoretische Regression“ in den politischen Konservatismus vollziehe. Die beiden bleiben auch hier ihrem epigonalen Habitus treu, indem sie ein polemisches Ritual reaktivieren, das schon Sartre, Foucault und Bourdieu vollzogen haben: anderen Linken das Linkssein absprechen.

          Taube Politiker

          Noch beschränkt sich die Wirkung von Pikettys Engagement auf mediale Resonanz. So hoch sie auch ist, die eigentlichen Adressaten an den politischen Schalthebeln in Brüssel und den europäischen Hauptstädten schweigen. Vordergründig dürfte die ausbleibende Reaktion der Politiker damit zu tun haben, dass ihnen der Reformvorschlag ein paar Nummern zu groß und damit im Vorhinein unrealisierbar erscheint.

          Es kommt aber etwas Fundamentaleres hinzu: Die politischen Eliten Europas nehmen, anders als ihre Vorgängergenerationen von Charles de Gaulle bis Helmut Schmidt, Intellektuellenkritik nicht mehr als Herausforderung an. Selbst Emmanuel Macron, dessen reformerische Ambitionen jenen Pikettys noch am nächsten kommen, hält sich bedeckt und lässt in Interviews durchblicken, er nehme die französischen Intellektuellen mit ihrem „instinktiven Misstrauen“ gegenüber der politischen Macht nicht ernst.

          Zumindest bei Piketty und dessen Mitstreitern macht es sich Macron zu einfach, und das wohl mit Absicht. Piketty hat im französischen Präsidentschaftswahlkampf den Sozialisten Benoît Hamon unterstützt und gehört zu den prominentesten Kritikern Macrons. Für ihn ist der Präsident ein Umverteiler von unten nach oben und damit das Gegenteil dessen, was Frankreich und Europa braucht. Sollte Macron wegen dieser Kritik einer Debatte mit Piketty ausweichen, setzt er sich dem gleichen Verdacht aus wie die Kader der alten Parteien, die er zu ersetzen trachtete: dass er, umgeben von Bürokraten, PR-Beratern und Lobbyisten, den demokratischen Streit scheut. Das ist nicht klug in einer Zeit, in der die populistische Internationale diesen Verdacht mit Erfolg schürt.

          Gäbe es kontroverse Reformdebatten zwischen führenden Politikern und Denkern, ließe sich nicht nur das Niveau der öffentlichen Diskussion heben, sondern auch das Bild vom geschlossenen Establishment entkräften. Vielleicht wäre, wenn sich Politiker der Kritik von Intellektuellen stellten, auch die Versuchung kleiner, sich über jede populistische Provokation zu empören. Noch sind die meisten europäischen Staaten, anders als die Vereinigten Staaten, in der glücklichen Lage, dass ein von gegenseitigem Respekt getragener Streit zwischen Intellektuellen und ihren Regierungen möglich ist. Nur muss er beginnen, bevor Kräfte an die Macht kommen, vor denen man als Denker nur noch warnen kann. Amerika steht wie nie zuvor für das, was es in Europa zu verhindern gilt.

          Caspar Hirschi ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen.

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