Wissenschaftsintellektuelle : Warum nicht das Schlimmste verhindern?
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Die im Vergleich zu früher stärkere akademische Rückbindung von Professorenjournalisten hat ihre Hauptursache in der universitären Karriere. Wer es heute in der Forschung zu etwas bringen will, kann sich aufgrund der unerbittlichen Konkurrenz keinen längeren Abstecher in den Journalismus mehr leisten. Jacobys Sorge jedoch, akademische Intellektuelle verlören ihre Unabhängigkeit und verlernten das Schreiben, ist von amerikanischen Professorenjournalisten laufend widerlegt worden.
Aufschlussreich ist das Beispiel Jill Lepores. Es zeigt, dass die Doppelfunktion gerade in der polarisierten Öffentlichkeit von heute einen Zugewinn an Souveränität und Freiheit bringen kann. Lepore gelingt das Kunststück, sich bei kontroversen Themen zwischen dem liberalen und konservativen Lager zu platzieren, an beiden fundierte Kritik zu üben und von beiden ernst genommen zu werden. Im „New Yorker“ tat sie es jüngst mit einer provokanten Analyse zum Siegeszug der Opferrechtsbewegung vor Gericht, den sie auf eine unheilige Koalition aus „traumazentriertem Feminismus“ und rachedurstigem Konservatismus zurückführte.
Ebenso schafft es Lepore in ihrem kürzlich erschienenen Buch über die Geschichte Amerikas, „These Truths“, die von rechts wie links zelebrierte Verweigerung, Dissens auszuhalten und Debatten zu führen, nachzuzeichnen, ohne selber in die Polarisierungsmühle zu geraten. Entscheidend dafür ist, dass Lepore als Kennerin der nationalen Konfliktgeschichte schreibt, aus der heraus sie die aktuelle Polarisierung zugleich erklären und für sich entschärfen kann. Was sonst kaum mehr geht, scheint in der Rolle der Professorenjournalistin noch möglich zu sein: eine engagierte Existenz über den Niederungen des ideologischen Grabenkampfs.
Expertenprediger
Professorenjournalisten haben jedoch wenig Gestaltungsmacht, was sich gerade im Vergleich mit wissenschaftlichen Intellektuellen des zweiten Typs zeigt. Bei Expertenpredigern handelt es sich um Wissenschaftler, die in ihrer Disziplin Spitzenforscherstatus erlangt haben und diesen anschließend in öffentliche Autorität ummünzen, um mit „großen Ideen“ aus dem Umkreis ihrer Forschung die Welt zu verändern. Expertenprediger spezialisieren sich nicht in Generalisierungen, sie generalisieren vielmehr ihre Spezialisierung, indem sie die Perspektiven, Methoden und Normen ihres Faches über dessen Grenzen hinaus anwenden. Die erfolgreichsten Exemplare dieser Spezies sind Ökonomen wie Jeffrey Sachs oder Joseph Stiglitz und Betriebswirte wie Clayton Christensen oder Erik Brynjolfsson.
Die Wirtschaftswissenschaften sind für die Ausübung der Rolle ideal: Erstens verleiht ihr durch quantitative Leistungsmessung unterfütterter Starkult Expertenpredigern mediale Aufmerksamkeit, zweitens verleitet ihr hegemonialer Geltungsanspruch zu disziplinär geeichten Welterklärungsversuchen, drittens lässt ihr technokratischer Optimismus den Weg von der Analyse zur Anwendung kurz erscheinen, und viertens ermöglichen ihre Prognosemodelle und Trendanalysen den Auftritt als Propheten – eine Funktion, in der zugleich Gestaltungsmacht und Geschäftspotential steckt.
Tatsächlich definieren sich Rang und Einfluss von Expertenpredigern wesentlich über das Einkommen. Wer etwas zählt, lässt sich sechsstellige Buchvorschüsse und fünfstellige Vortragshonorare zahlen. Die herkömmliche Anerkennungslogik ist auf den Kopf gestellt: Hatten sich klassische Intellektuelle von Zola bis Sartre durch ein selbstgefährdendes Eingreifen unter Ablehnung jedes finanziellen Nutzenkalküls ausgezeichnet, so profilieren sich heutige Expertenprediger durch den größtmöglichen return on investment. Der Intellektuelle wird zur personifizierten Marke.