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Wissenschaft vs. Tatort : Müssen Notaufnahmen so chaotisch sein?

  • -Aktualisiert am

Kommissar in der Klinik: Peter Faber (Jörg Hartmann) fühlt sich unwohl Bild: WDR/Thomas Kost

Im neuen „Tatort“ herrscht Ausnahmezustand. Überarbeitete Ärzte, wartende Schwerverletzte, Kleintiere im Pausenraum. Lassen sich Notaufnahmen nicht besser organisieren? Wir haben einen Experten gefragt.

          Im neuen „Tatort: Inferno“ kommt die Notaufnahme nicht gut weg: Kameraüberwachung, mangelnde Sicherheitsbestimmungen, durch Patienten überfüllte Flure und überarbeitete Pfleger, die im Pausenraum Kleintiere halten. Entspricht das dem Status quo?

          Dr. med. Michael Wünning (Chefarzt im Zentrum für Notfall- und Akutmedizin Hamburg):

          Die Notaufnahme ist für viele ein Mythos, den es zu entschlüsseln gilt. Selbstverständlich halten wir keine Kleintiere im Pausenraum, da überzeichnet der „Tatort“. Aber es gibt dort durchaus Dinge, die den Alltag abbilden. Es ist zum Beispiel manchmal so, dass unsere Patienten auf dem Gang stehen. Notaufnahmen nehmen Menschen in Not auf, das muss man sich immer vor Augen halten. Das kann man nicht planen. Ich leite eine Notaufnahme in Hamburg, zu Stoßzeiten behandeln wir dort bis zu 35 Patienten gleichzeitig. Müssen wir einen Patienten beobachten, dann geht das oft nur auf dem Flur.

          Notaufnahmen sind also schlecht organisiert?

          Sie sind defizitär organisiert. Für einen Patienten, der zu uns kommt und wieder geht, bekommen wir 35 Euro, die Kosten für eine ambulante Behandlung betragen aber etwa 135 Euro. In einem Jahr beläuft sich das bei allen deutschen Notaufnahmen auf ein Minus von über einer Milliarde Euro. Die Notaufnahmen brauchen mehr Personal, aber dafür fehlen die Mittel. Das Arbeitsaufkommen für die Mitarbeiter ist nicht kalkulierbar, bei hoher Auslastung kann man an seine Belastungsgrenzen kommen. Gleichzeitig sind die Wartezeiten für die Patienten mit weniger dringlichen Erkrankungen oftmals lang.

          Und das lassen sich die Patienten gefallen?

          Michael Wünning

          Es wurde gerade eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass 76 Prozent der hessischen Notaufnahmemitarbeiter körperlich attackiert und sogar 97 Prozent von ihnen verbal beschimpft wurden. Die Gewalt von Patienten gegenüber dem Personal ist zunehmend ein Problem. In den letzten vier Jahren sind in den deutschen Notaufnahmen jährlich fünf bis sieben Prozent mehr Patienten gekommen. So schnell kann man keine neuen Räume schaffen oder genügend Personal finden. Ein Krankenhaus kann so schnell nicht wachsen. Auch für die Mitarbeiter ist das unbefriedigend. Resilienz wird ein immer wichtigeres Thema: Wie halte ich dem Druck stand? Dafür ist zum Beispiel eine Hotline geplant, über die Mitarbeiter mit Experten über ihre Probleme sprechen können. Im Wartezimmer bekommen das die Patienten nicht mit.

          Wieso rennen plötzlich alle in die Notaufnahme?

          Das Krankenhaus ist ein Spiegel der Gesellschaft. Gesundheit wird heute wie ein Konsumgut begriffen. Wer nachts im Internet shoppen kann und dank Video on Demand immer das schauen kann, was er möchte, der möchte das auch für seine Gesundheit. Und das ist kein deutsches Phänomen, die starke Frequentierung von Notaufnahmen sehen wir überall in der westlichen Welt. Gleichzeitig passt die Notaufnahme nicht in unseren getriebenen Alltag. Sobald man die Notaufnahme betritt, verändert sich das Leben des Betroffenen sofort, es geht ja um die Gesundheit. Das kann zu Aggressionen führen. Da geht es dem Migranten übrigens nicht anders als dem Manager. Es ist ein kultur- und schichtübergreifendes Phänomen.

          Was unternehmen die Notaufnahmen, um den vielen Patienten gerecht zu werden?

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