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Wissenschaft vs. Tatort : Ist das Boxen ein Doping-Sumpf?

  • -Aktualisiert am

Schmutziger Ring? Fiona Wyss als Kerry Breitlinger (links) und Tabea Buser als Martina Oberholzer im „Tatort: Ausgezählt“ Bild: dpa

Gleich am Anfang des neuen „Tatort“ stirbt eine Boxerin im Ring an den Nebenwirkungen von Anabolika. Dem Zuschauer wird ein überaus schmutziger Sport präsentiert. Wie sehr stimmt das mit der Realität überein?

          Sowohl Profi-Boxerin Martina als auch ihre Gegnerin sind im „Tatort: Ausgezählt“ gedopt. Mit welchen Mitteln wird beim Boxen nachgeholfen?

          Prof. Dr. Mario Thevis (Leiter des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln):

          Die positiven Befunde, die weltweit in den letzten Jahren gemeldet wurden, resultierten in den allermeisten Fällen aus anabolen Wirkstoffen. Diese unterstützen unter anderem den Muskelaufbau. Im Kontext des Dopings ist das schlüssig, da beim Boxen sowohl eine hohe Muskelkraft als auch Regenerationsfähigkeit benötigt wird. Zudem wurden so genannte Diuretika vorgefunden, die zur Steigerung des Urinflusses eingesetzt werden. Beim Boxen wird in Gewichtsklassen gekämpft und wenn solche Mittel kurz vor dem Wiegen verabreicht werden, kann das Körpergewicht durch den Flüssigkeitsverlust deutlich und kurzfristig gesenkt werden. Außerdem lagen vermehrt Fälle vor, in denen Stimulanzien verabreicht wurden, wahrscheinlich um die Aggressivität und die Widerstandsfähigkeit im Wettkampf zu erhöhen. Dabei handelt es sich meist um amphetaminähnliche Präparate. Ein bisschen wie die Fliegerschokolade im zweiten Weltkrieg.

          Im „Tatort“ wird Boxerin Martina entführt. Via Webcam können die Ermittler sie in ihrem Versteck sehen. Ein Countdown auf dem Bildschirm zählt runter, wie lange Martina noch ohne Wasser überleben kann. Nach und nach wird die Zeit aber immer weiter verkürzt, weil Martina wegen der Einnahme von Diuretika angeblich so viel Wasser verliert. Ist das realistisch?

          Prof. Dr. Mario Thevis

          Das hängt maßgeblich von der Art und den Mengen der Diuretika ab, die verabreicht werden. Bei einer gängigen therapeutischen Dosis kann die Urinmenge, die eine gesunde Person abgeben würde, durchaus verdoppelt werden. Dies sollte aber nicht zu einer unmittelbar lebensbedrohlichen Situation führen.

          An einer Stelle im „Tatort“ erwähnt eine Figur, dass vor allem Anfänger sich Wachstumshormone aus der Tierzucht besorgen würden. Ist Ihnen das schon untergekommen?

          Dieses Szenario ist tatsächlich nicht auszuschließen. Einige der Substanzen, die in der Vergangenheit berichtet wurden, haben keine Zulassung für den Einsatz am Menschen. Sie stammen aus der Veterinärmedizin und wurden teilweise auch, mehr oder weniger legal, in der Tiermast eingesetzt. Ob die überführten Athleten vor allem zu den hier genannten Anfängern oder Profis gehörten, kann aus Sicht des Dopingkontroll-Labors nicht gesagt werden, da alle Proben kodiert und anonymisiert vorliegen.

          ***

          Frau Gotzmann, im „Tatort“ heißt es, die Behörden tappten beim Thema Doping im Dunkeln. Wie schwierig ist es, dopende Boxer zu überführen?

          Andrea Gotzmann

          Andrea Gotzmann (Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping Agentur NADA):

          Wir unterscheiden in Deutschland die Bereiche Amateur- und Profiboxsport. Die Amateurboxer sind im Kontrollsystem der NADA verankert und werden regelmäßig von der NADA kontrolliert. Zudem sind die Nachwuchsathletinnen und -athleten in die Maßnahmen der Präventionsarbeit eingebunden und werden über die Gefahren von Doping aufgeklärt. Im Profiboxen liegt eine andere Konstellation vor. Viele der Profiboxställe sind in Deutschland nicht an das sportrechtliche Regelwerk, den sogenannten Welt Anti-Doping Code (WADC) beziehungsweise den Nationalen Anti-Doping Code (NADC) gebunden. Damit fehlt die sportrechtliche Grundlage in diesem Bereich, jederzeit und unangekündigt Dopingkontrollen durchführen zu können und mögliche Verstöße entsprechend zu ahnden. Leider verkennen die Verantwortlichen im Profiboxsport die Wichtigkeit dieser Maßnahmen als Beitrag zum Schutz der Athletinnen und Athleten sowie der Integrität eines fairen Sports.

          „Wenn du nicht dopst, kannst du deine Karriere gleich an den Nagel hängen“, heißt es an einer Stelle im „Tatort“. Warum fangen Sportler mit Doping an?

          Für Doping kann es unterschiedlichste Auslöser bei Athletinnen und Athleten geben: Das kann Druck durch eine zu hohe Erwartungshaltung an die Leistungsfähigkeit durch das Umfeld der Sportlerin oder des Sportlers sein, aber auch eine normale sportliche Krise oder Verletzungen, die das Trainingspensum reduzieren. Aufgabe der NADA ist es, Sportlerinnen und Sportler darin zu bestärken, diese Krisensituationen zu erkennen und sich selbstbestimmt und aktiv gegen Doping zu entscheiden. Dafür sind Präventionsmaßnahmen ein essenzieller Bestandteil unserer Arbeit. Das NADA-Team bietet nicht nur praktische Entscheidungshilfen, sondern arbeitet auch aktiv an Veränderungen der sportlichen Strukturen. Im Rahmen der Verhältnisprävention ist es essenziell für Sportlerinnen und Sportler Bedingungen zu schaffen, die sie in schwierigen Situationen auffangen. Dazu gehört unter anderem die Möglichkeit der dualen Karriere, damit sie finanziell nicht ausschließlich von ihrer sportlichen Leistung abhängig sind. Gerade im Amateurbereich ist das besonders wichtig.

          An einer Stelle sagt eine Figur, dass die Hälfte aller Spitzensportler lieber Dopen und in fünf Jahren sterben würde, wenn dafür der Erfolg garantiert wäre. Welche Maßnahmen gibt es denn, damit Sportler gar nicht erst mit Doping anfangen?

          Die Präventionsarbeit ist elementarer Bestandteil wirksamer Anti-Doping-Arbeit. Dabei sind Information und nachhaltige Aufklärung die Hauptanliegen der NADA-Prävention. Dazu wurde das nationale Programm „Gemeinsam gegen Doping“ aufgelegt, mit dem Athletinnen und Athleten, sowie deren sportliches Umfeld in ihrem Einsatz für saubere Leistung unterstützt werden.

          Über verschiedene Maßnahmen werden insbesondere Nachwuchs-Amateurboxerinnen und -boxer, aber auch ihre Trainerinnen und Trainer, ihre Eltern, die zuständigen Anti-Doping-Beauftragte der Verbände, Lehrerinnen und Lehrer an den Sportschulen sowie ihre Betreuerinnen und Betreuer für die Anti-Doping-Thematik sensibilisiert. Zu den verschiedenen Maßnahmen im Boxsport gehören zum Beispiel Schulungen vor Ort, ein E-Learning-Kurs oder eine Online-Plattform mit allen wichtigen Informationen zum Thema.

          Die Fragen stellte Kais Harrabi

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