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Leipziger Studie : Autoritär sind immer die anderen

  • -Aktualisiert am

Vorstellung der Studie auf der Bundespressekonferenz in Berlin durch die Studienleiter Bild: obs

Die Autoritarismus-Studie der Universität Leipzig bescheinigt jedem dritten Deutschen autoritäre Gesinnung. Doch sie ist selbst voller Lücken und Feindbilder.

          Ausländerfeindliche Einstellungen sind in Deutschland weit verbreitet. Zu diesem Schluss kommt die „Autoritarismus-Studie“ der Universität Leipzig, die in den vergangenen Tagen großen Widerhall in den Medien fand. Den Autoren Oliver Decker und Elmar Brähler vom „Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung“ zufolge vertritt inzwischen fast jeder dritte Deutsche derartige Positionen. Im Osten stimmt demnach sogar fast jeder Zweite Aussagen wie „Die Ausländer nutzen den Sozialstaat aus“ zu. Zwar seien antisemitische Einstellungen im Vergleich zu 2016 leicht zurückgegangen, aber die Abwertung von Muslimen sowie von Sinti und Roma habe sich in der Gesellschaft verfestigt. Eine eindeutig rechtsextreme Weltsicht vertreten sechs Prozent der Bundesbürger, so die Studie, die den Titel „Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft“ trägt. Gefördert wurde sie von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen.

          Es verrät einen Sinn für mediengerechte Dramatisierung, wenn die Autoren in ihrer Pressemitteilung angeben, ausländerfeindliche und rechtsextremistische Einstellungen würden zunehmen. Das gilt nämlich nur im Vergleich der vergangenen vier Jahre. Unerwähnt bleibt hingegen, dass die aktuellen Werte unter denen von 2002 liegen. In dem Jahr begann die erste dieser Untersuchungen, die seither in einem Abstand von zwei Jahren durchgeführt wurden. Doch auch so sind die Zahlen beunruhigend genug – wenn sie denn stichhaltig sind.

          Die Ergebnisse solcher Studien hängen in starkem Maße davon ab, wie die Fragen formuliert und die Antworten interpretiert werden. Befragt wurden 2500 deutsche Staatsangehörige, die eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung bilden, zu sechs Einstellungsmustern: Befürwortung einer rechtsextremen Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Die Studienteilnehmer bekamen Fragebögen mit Aussagen vorgelegt, die nach Ansicht der Autoren rechte Vorurteile und Stereotype wiedergeben. Diese Sätze waren auf einer fünfstufigen Skala zu bewerten, die von völliger Zustimmung bis zu völliger Ablehnung reichte. Wer unentschieden war, konnte die mittlere Kategorie „teils, teils“ ankreuzen. Das wird von den Wissenschaftlern allerdings bereits als „latente Zustimmung“ gewertet. Sie unterstellen, dass sich solche Studienteilnehmer in Wahrheit nur nicht offen zu ihren rechten Ansichten bekennen wollen.

          Verweigerte Differenzierung

          In einigen Test-Aussagen kommt unzweifelhaft rechtsextreme Ideologie zum Ausdruck: Wer meint, die Deutschen seien „anderen Völkern von Natur aus überlegen“, die NS-Verbrechen würden „weit übertrieben“, „die Juden passen nicht zu uns“ oder Roma und Sinti sollten aus den Innenstädten verbannt werden, lässt an seiner Gesinnung keinen Zweifel. Andere Aussagen hingegen taugen viel weniger als Lackmustest rechter Gesinnung. Sie spiegeln nicht wirklich Einstellungen wider als vielmehr vage Situationsbeschreibungen mit einem wahren Kern, dessen Größe man wegen der Pauschalität der Formulierungen unterschiedlich einschätzen kann.

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          Wer der Aussage, dass „die Ausländer“ den Sozialstaat ausnehmen, voll zustimmt, ist gewiss ein Ausländerfeind. Aber bei den eingeschränkteren Formen der Zustimmung ist das nicht mehr so klar. Sind diejenigen, die hier „teilweise“ zustimmen, deshalb schon „latente“ Ausländerfeinde, die sich nur nicht trauen, ihren Ressentiments freien Lauf zu lassen? Immerhin kommt ein solcher Missbrauch von Sozialleistungen nicht so selten vor. Wahrscheinlicher ist also, dass solche Personen eine Differenzierung ausdrücken wollen, die die Formulierung ihnen vorenthält. Ähnlich verhält es sich mit der Feststellung der Studie, Abwertung und Aggression gegenüber Asylbewerbern hätten zugenommen. Als Beleg führen die Autoren an, dass fast achtzig Prozent der Befragten „Großzügigkeit bei der Prüfung von Asylanträgen“ ablehnen. Als sei der Wunsch nach konsequenter Anwendung der Asylgesetze schon ein Indikator für Feindseligkeit.

          Sensoren des Chauvinismus

          Fragwürdig sind auch die Tests, die chauvinistische und autoritäre Gesinnungen ans Licht bringen sollen. Sympathien für eine Diktatur oder Einheitspartei werden automatisch als Symptome einer „rechtsautoritären Gesinnung“ gewertet, obwohl die politische Ausrichtung im Fragebogen nicht genannt wird. Dass die zu bewertende Aussage die Formulierung „im nationalen Interesse“ enthält, wird SED-Nostalgiker nicht zwangsläufig von der Zustimmung abhalten. Für einen autoritären Charakter spricht es der Studie zufolge auch, wenn man unter nicht näher genannten Umständen den gelegentlichen Einsatz körperlicher Gewalt befürwortet oder meint, „Unruhestifter“ sollten zu spüren bekommen, dass sie „in der Gesellschaft unerwünscht sind“. Um welche „Unruhestifter“ es sich handelt, bleibt ungesagt. Sollen der antiautoritativen Gesinnung zuliebe auch randalierende Hooligans oder grölende Neonazis unbehelligt bleiben? Oder nur der „schwarze Block“?

          Eine chauvinistische Haltung verrät, wer meint, „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“. Als entscheidenden Sensor haben die Autoren hier nach eigener Auskunft das Wort „endlich“ eingebaut, weil es impliziere, dass hierzulande jegliches Nationalgefühl unterdrückt werde. Wer das zwar nicht meint, aber ein Bekenntnis zum Nationalgefühl trotzdem gut findet, kann dieser Ansicht allerdings nur Ausdruck geben, wenn er dieses „endlich“ ignoriert. Auch wer sich für „ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland“ ausspricht, bekennt sich damit zum Chauvinismus, denn Deutschland hat nach Meinung der Autoren ja schon eine „hegemoniale Stellung in Europa“.

          Andere Einschätzungen der europapolitischen Situation fallen folglich gleichfalls in die Chauvinismus-Kategorie. Dass siebzig Prozent der Studienteilnehmer „Altbewährtes“ nicht in Frage stellen wollen, werten die Autoren ebenfalls als Gefahr für die Demokratie. Es spricht aber eher für das logische Denkvermögen der Befragten: Man stellt etwas ja ebendeshalb nicht in Frage, weil man es für „bewährt“ hält. Übrigens könnte das ja auch die Demokratie sein.

          Schweigen über den Linksextremismus

          Für eine Vielzahl der abgefragten Aussagen gilt: Wer wie wohl die Mehrheit der Befragten mit den Regeln, Chiffren und Fallstricken des politisch korrekten Sprachgebrauchs nicht vertraut ist, gibt hier leicht die „falschen“ Antworten und findet sich dann mit wirklichen Rechtsautoritären in derselben Schublade. Die Begriffe des Rechtsextremismus und der Ausländerfeindlichkeit, die der Untersuchung zugrunde liegen, sind so weit gefasst, dass sie ihre Trennschärfe verlieren und letztlich auf jeden passen, der nicht Anhänger bedingungslos offener Grenzen ist. Die Konturen des real existierenden Faschismus werden so verwischt.

          Zugleich weist die Studie blinde Flecken auf. Ausführlich diskutiert wird die Frage, welche Rolle die Religionszugehörigkeit für autoritäre Einstellungen spielt. Dies aber nur mit Blick auf die evangelische und die katholische Kirche. Das Thema eines muslimisch motivierten Autoritarismus und Antisemitismus wird nicht einmal angesprochen. Für ihre Beschränkung auf die christlichen Konfessionen führen die Autoren statistische Gründe an. Dann fragt sich allerdings, ob die Eingrenzung der Studie auf deutsche Staatsbürger noch ein realistisches Bild der gesellschaftlichen Situation wiedergibt.

          Ebenfalls ausgeblendet bleibt dem Namen des Instituts getreu der Linksextremismus. Das überhaupt zu kritisieren, findet Oliver Decker bereits „irrational“: Links und rechts seien nicht symmetrisch, denn nur rechte Ideologien propagierten eine Ideologie der Ungleichwertigkeit. Ein merkwürdiges Argument: Als machten die linken Parolen egalitärer Menschheitsbeglückung die millionenfachen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in ihrem Namen begangen wurden, ungeschehen.

          Skepsis gegenüber ihren Methoden konterten die Leipziger Forscher in der Vergangenheit mit dem Hinweis auf die fachintern beglaubigte Qualität ihrer Verfahren und das Prestige der „Frankfurter Schule“, in der dieses Forschungsparadigma wurzelt. Doch der Verweis auf Autoritäten des Fachs ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit den Methoden und theoretischen Voraussetzungen. Die „autoritäre Persönlichkeit“, die Adorno und seine Kollegen postulierten, beruht auf einer Kombination aus empirischer Forschung, marxistischer Weltanschauung und psychoanalytischer Spekulation. Die einigende Klammer ist eine Hermeneutik des Verdachts, die den Autoritarismus allein im rechten Spektrum verortet, obwohl die Geschichte der Linken von Stalin bis zu den studentischen K-Gruppen zeigt, wie prächtig er auch unter ihrem Vorzeichen gedeiht. Die Resonanz, die die Leipziger Studien zum Rechtsextremismus in den Medien und in der Politik regelmäßig hervorrufen, ist groß. Meistens werden ihre Ergebnisse allerdings ungeprüft übernommen. Das sollte sich ändern.

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