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Bildungshürden nehmen : Lesen auf dem Bildschirm leistet weniger

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Interessengesteuert: Das Aussuchen der Lektüre hilft jungen Lesern Bild: Picture-Alliance

Neugier auf eine ferne Welt: So können die Bildungshürden des Lesens und Schreibens auch von Kindern aus bildungsfernen Familien überwunden werden.

          Lesenlernen ist sekundär. Die gesprochene Sprache zu lernen geht dem Lesen bei lebenden Sprachen immer voraus. Dabei weist gesprochene Sprache eine atemberaubende Komplexität auf. Doch dieses System kann das Kind knacken, weil die Evolution hilft. Schon der Säugling kann die Sprachlaute unterscheiden. Bis sich im Alter von etwa sechs Monaten sein Kehlkopf senkt und erst damit der Rachenraum physikalisch menschliche Laute produzieren kann, hat sich das Lautsystem im Köpfchen ausgebildet. Bedenkt man, dass zur Aussprache einer Silbe etwa einhundert Muskeln im Millisekundenbereich von der Zungenspitze bis zum Zwerchfell aktiviert und auch gehemmt werden müssen, verwundert es nicht, dass das Sprechenlernen vom Lallen bis zur flüssigen Rede einige Jahre braucht.

          Etwa siebentausend Jahre nach Auftauchen der ersten Schriftzeichen gelang es der Evolution offenbar noch nicht, auch für das Lesen Pate zu stehen. „Wir sind nicht zum Lesen geboren“, so die Leseforscherin Maryanne Wolf. Entscheidend scheint zu sein, dass keine direkten neuronalen Verbindungsstränge angelegt sind zwischen Gehirnpartien für visuelles Erkennen und dem System, das Buchstabenfolgen in Wörter, in Begriffe, in Bedeutung zu übersetzen verlangt. Es gilt, die Augenbewegungen zum gleichzeitigen Fokussieren eines Punktes, zum gemeinsamen Springen zur nächsten Lesestelle motorisch zu koordinieren. Dies beherrscht ein Kind meist erst im Alter von fünf, sechs Jahren. Beim Lesen müssen die Schriftzeichen mit den mentalen Bedeutungsarealen verbunden werden, während der Gesamtzusammenhang nicht verlorengehen darf.

          Wie knackt das Kind das Schriftsystem? Im Gegensatz zum Englischen, bei dem ein unbekanntes Wort nie mit Sicherheit korrekt ausgesprochen werden kann, scheint es im Deutschen einfach zu sein, das alphabetische System zu durchschauen. Doch die Sprachlaute überlappen sich stets und beeinflussen sich wechselseitig, so besteht keineswegs, wie naiverweise angenommen, eine geradlinige Entsprechung von Lautung und Schreibung. Abgesehen davon unterscheiden sich gesprochene und geschriebene Sprache in vielerlei Hinsicht.

          Lesescheu und Schriftvermeidung

          Den Einstieg in unsere alphabetische Schrift schaffen erfolgreiche Leser in der Regel so, dass sie erst ihren eigenen Namen lesen können und bald auch schreiben. Die Namen der Geschwister, der Freunde folgen. Jedes Kind legt hier seinen eigenen Weg zurück. Der Einstieg ist damit gefühlsmäßig äußerst positiv aufgeladen, und Wörter, Texte, die interessant sind, werden mit Aufmerksamkeit wahrgenommen. Ein Gewinn ist dabei die unbewusste Erkenntnis, dass Laut und Buchstabe sich nicht überall hundertprozentig entsprechen, dass aber das Ganze ein System ist. Diese Einsicht ist Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lesenlernen.

          Wird dem Kind außerdem immer wieder vorgelesen und spürt es dabei die emotionale Wärme des Vorlesers, gewinnen Sprache und Schrift weiter an Wert. Bei Bilderbüchern, die lustig sind, Reim und Rhythmus aufweisen, können die Vorschulkinder schon nach wenigen Wiederholungen die Reimwörter selbst sagen und erfahren intellektuelle Erfolge. Zusätzlich wächst laufend der Wortschatz. Denn ein großer Wortschatz hilft beim Lesenlernen. Das Lautbild steht später immer hilfreich hinter jedem Schriftbild eines Wortes. Wie mächtig Reim und Rhythmus sind, ersieht man allein daran, dass es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Balkan noch Sänger/Erzähler gab, die als Analphabeten Gesänge mit bis zu 49.000 Versen vortragen konnten. Reim und Rhythmus als hilfreiche Geister im Umgang mit Sprache erfuhren in den letzten Jahren bei uns jedoch eher Missachtung. Aber auch Schulkinder, selbst solche, die eigentlich schon lesen können, genießen es noch lange, wenn ihnen vorgelesen wird. Sicher, Vorlesen – wie die gesamte Kindererziehung – ist mit Mühe verbunden. Erfolgreiches Lesenlernen gelingt nur durch eine intensive Lesemotivation, also Neugier auf eine ferne Welt. Frühes und häufiges elterliches Vorlesen, ein großer eigener Wortschatz. Förderung der Leseflüssigkeit durch wiederholtes Lesen sind mächtige Hilfen. Grundvoraussetzung ist das Erkennen des alphabetischen Prinzips.

          Sind diese Voraussetzungen nicht oder schwach gegeben, entsteht unweigerlich Förderbedarf. Das Dilemma ist, dass anfängliche Misserfolge zu Lesescheu und Schriftvermeidung führen und damit den Teufelskreis bis zur Bildungsverweigerung in Gang setzen. Notorische Problemfälle sind sogenannte Legastheniker, die ärztlicherseits auf fünf Prozent der Kinder geschätzt werden. Bei ihnen beobachtet man gehäuft Ängstlichkeit, Traurigkeit und verringerte Fähigkeit zur Aufmerksamkeit. Gerade an Legasthenikern erkennt man, welche Bedeutung ein stabiles Schriftbild für das Lesen (und Behalten) hat. Manche Schulanfänger können ihre Augen nicht gemeinsam auf denselben Punkt zu fixieren und bei den Lesesprüngen stets parallel führen. Das Ergebnis ist, ihr Gehirn erhält bei denselben Wörtern widersprüchliche Bilder. Und das verwirrt, es verunsichert. Wird diese Augenschwäche erkannt, was nicht allen Augenärzten gelingt, kann eine „Piraten-Augenklappe“ helfen, damit nur mit einem Auge gelesen wird und das Gehirn eindeutige Wortbilder erhält.

          Bildschirm-Lesen verlangt weniger Motorik

          Wenn die Kinder in der Vorschulzeit Gelegenheit hatten, mit Malstiften umzugehen, ihre Feinmotorik sich schon entwickeln konnte, ist für sie das Schreiben keine Überforderung. Eine ausgebildete Feinmotorik hat weder einem Kind noch einem Erwachsenen je geschadet.

          Nun hat sich in den letzten Jahren eingeschlichen, dass Kinder gleich mit Druckschrift schreiben lernen. Man wollte den Kindern das Lernen vereinfachen. Doch Druckschrift ist viel schwieriger als fortlaufende Schreibschrift. Die Wörter werden in Einzelbuchstaben atomisiert. Sie bilden keine innere Einheit mehr. Bei jedem Buchstaben muss der Stift neu angesetzt werden. Die Abstände müssen stimmen. Druckschrift braucht lebenslang viel mehr Aufmerksamkeit. Wie schon bei der Verabschiedung von Reim und Rhythmus wird auch der stillschweigende und mächtige Hilfsgeist motorisches Gedächtnis missachtet. Darauf hat schon Maria Montessori aufmerksam gemacht. Mit Druckschrift kann man nicht blind schreiben, wohl aber mit Schreibschrift. Die runde Bewegung, Motorik der Hand verbindet das Wort zur Einheit, stärkt so das Gedächtnis und das Lesen. Nach einiger Übung kennt die Hand bald die korrekte Rechtschreibung. Ein mit Druckschrift Schreibender kann sich dagegen nie in dem Maße auf sein motorisches Gedächtnis verlassen wie ein Schreiber mit Schreibschrift.

          Junglehrern, die neu vor einer Schulklasse stehen, unterlaufen übrigens bei ihren Tafelanschrieben in Druckschrift mehr Schreibfehler als ihren Kollegen mit der Schreibschrift. In ihrer Situation, gleichzeitig so vielem ihre Aufmerksamkeit widmen zu müssen, können sie sich nicht auf ihr motorisches Gedächtnis verlassen. Da bei rasch geschriebener Druckschrift oft nicht deutlich ist, ob ein Begriff zusammen- oder auseinandergeschrieben wird, erwächst den schwächeren Schülern daraus kein Vorteil. Auf die oft beklagte Unsicherheit in der Rechtschreibung braucht nicht hingewiesen zu werden.

          Ein Wort noch zum Bildschirm-Lesen. Eine Reihe von Untersuchungen hat zweifelsfrei ergeben, dass Texte auf Papier mit ihrer fixen Plazierung auf der Fläche besser behalten werden als solche auf dem Bildschirm. Bildschirm-Lesen verlangt weniger Motorik, bewirkt dagegen trockene Augen und ermüdet rascher. Die Augenbewegungen und die Haptik sind beim Bücherlesen ausgeprägter. Auch zeigen Studien, dass Studenten, die in den Vorlesungen ein handschriftliches Skript verfassen, den Inhalt der Veranstaltung besser behalten als solche, die mit dem Computer arbeiten. Offensichtlich spielt hier die Macht des fotografischen Gedächtnisses eine Rolle. Wie sehr Aufmerksamkeit – und damit das Erinnerungsvermögen – eines stabilen Bildes bedarf, lässt sich am Memory-Spiel erkennen. Selbst die quirligsten Vorschuljungen sind hier mit Begeisterung und Konzentration dabei. Erwachsene haben keine Chance gegen sie. Liegen die paarigen Bildkärtchen vermischt mit ihrer Rückseite nach oben, müssen sie nach ihrem vergeblichen Aufgedeckt werden wieder präzise zurückgelegt werden. Das Gedächtnis braucht Stabilität. Und wer hat nicht die Erfahrung gemacht, dass man sich beim Nachschlagen eines Begriffes, einer Wendung in einem Buch genau an den Ort der Seite erinnert, wo das Gesuchte gestanden hat? Auf dem Bildschirm hingegen rutschen die Wörter laufend rauf oder runter, oft noch hin und her. Der Hilfsgeist fotografisches Ortsgedächtnis hat wenig Chancen. Das alphabetische Prinzip wird am leichtesten anhand von emotional hoch aufgeladenen Wörtern gelernt. Vorlesen erweitert den Wortschatz. Schreibenlernen in der Schreibschrift sorgt für mehr Rechtschreibsicherheit. Da Kinder keine Fehler machen wollen, brauchen sie Rückmeldung über die Korrektheit ihrer Schreibanstrengungen. Wird ihnen diese Rückmeldung verweigert, sabotiert die Schule die Chance für die vielbeschworene Chancengleichheit durch Schulbildung, denn Eltern ins bildungsnahen Familien werden ihren Kindern die Rückmeldung geben, anderen fehlt sie. Für Lese-Lerner gilt: Je mehr sie gelesen haben, desto schneller merken sie, was Ramsch ist und was nicht.

          Die Bedeutung des Lesens kann nicht überschätzt werden. Es schafft nicht nur einen schnelleren Zugang zu unseren kulturellen Grundlagen, sondern auch eine enorme Entlastung für unser Gedächtnis bei gleichzeitiger Stärkung des Gedächtnisses. Dabei verändert und stärkt es das Gehirn auf vielerlei Weise. Es schafft Zeit und Gelegenheit und Anstöße zum Denken. Schriftkenntnis eröffnet die Möglichkeit, Wissen zu erwerben sowie erworbenes Wissen zu speichern und weiterzugeben.

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