https://www.faz.net/-gqz-97ue0

Bildungshürden nehmen : Lesen auf dem Bildschirm leistet weniger

  • -Aktualisiert am

Nun hat sich in den letzten Jahren eingeschlichen, dass Kinder gleich mit Druckschrift schreiben lernen. Man wollte den Kindern das Lernen vereinfachen. Doch Druckschrift ist viel schwieriger als fortlaufende Schreibschrift. Die Wörter werden in Einzelbuchstaben atomisiert. Sie bilden keine innere Einheit mehr. Bei jedem Buchstaben muss der Stift neu angesetzt werden. Die Abstände müssen stimmen. Druckschrift braucht lebenslang viel mehr Aufmerksamkeit. Wie schon bei der Verabschiedung von Reim und Rhythmus wird auch der stillschweigende und mächtige Hilfsgeist motorisches Gedächtnis missachtet. Darauf hat schon Maria Montessori aufmerksam gemacht. Mit Druckschrift kann man nicht blind schreiben, wohl aber mit Schreibschrift. Die runde Bewegung, Motorik der Hand verbindet das Wort zur Einheit, stärkt so das Gedächtnis und das Lesen. Nach einiger Übung kennt die Hand bald die korrekte Rechtschreibung. Ein mit Druckschrift Schreibender kann sich dagegen nie in dem Maße auf sein motorisches Gedächtnis verlassen wie ein Schreiber mit Schreibschrift.

Junglehrern, die neu vor einer Schulklasse stehen, unterlaufen übrigens bei ihren Tafelanschrieben in Druckschrift mehr Schreibfehler als ihren Kollegen mit der Schreibschrift. In ihrer Situation, gleichzeitig so vielem ihre Aufmerksamkeit widmen zu müssen, können sie sich nicht auf ihr motorisches Gedächtnis verlassen. Da bei rasch geschriebener Druckschrift oft nicht deutlich ist, ob ein Begriff zusammen- oder auseinandergeschrieben wird, erwächst den schwächeren Schülern daraus kein Vorteil. Auf die oft beklagte Unsicherheit in der Rechtschreibung braucht nicht hingewiesen zu werden.

Ein Wort noch zum Bildschirm-Lesen. Eine Reihe von Untersuchungen hat zweifelsfrei ergeben, dass Texte auf Papier mit ihrer fixen Plazierung auf der Fläche besser behalten werden als solche auf dem Bildschirm. Bildschirm-Lesen verlangt weniger Motorik, bewirkt dagegen trockene Augen und ermüdet rascher. Die Augenbewegungen und die Haptik sind beim Bücherlesen ausgeprägter. Auch zeigen Studien, dass Studenten, die in den Vorlesungen ein handschriftliches Skript verfassen, den Inhalt der Veranstaltung besser behalten als solche, die mit dem Computer arbeiten. Offensichtlich spielt hier die Macht des fotografischen Gedächtnisses eine Rolle. Wie sehr Aufmerksamkeit – und damit das Erinnerungsvermögen – eines stabilen Bildes bedarf, lässt sich am Memory-Spiel erkennen. Selbst die quirligsten Vorschuljungen sind hier mit Begeisterung und Konzentration dabei. Erwachsene haben keine Chance gegen sie. Liegen die paarigen Bildkärtchen vermischt mit ihrer Rückseite nach oben, müssen sie nach ihrem vergeblichen Aufgedeckt werden wieder präzise zurückgelegt werden. Das Gedächtnis braucht Stabilität. Und wer hat nicht die Erfahrung gemacht, dass man sich beim Nachschlagen eines Begriffes, einer Wendung in einem Buch genau an den Ort der Seite erinnert, wo das Gesuchte gestanden hat? Auf dem Bildschirm hingegen rutschen die Wörter laufend rauf oder runter, oft noch hin und her. Der Hilfsgeist fotografisches Ortsgedächtnis hat wenig Chancen. Das alphabetische Prinzip wird am leichtesten anhand von emotional hoch aufgeladenen Wörtern gelernt. Vorlesen erweitert den Wortschatz. Schreibenlernen in der Schreibschrift sorgt für mehr Rechtschreibsicherheit. Da Kinder keine Fehler machen wollen, brauchen sie Rückmeldung über die Korrektheit ihrer Schreibanstrengungen. Wird ihnen diese Rückmeldung verweigert, sabotiert die Schule die Chance für die vielbeschworene Chancengleichheit durch Schulbildung, denn Eltern ins bildungsnahen Familien werden ihren Kindern die Rückmeldung geben, anderen fehlt sie. Für Lese-Lerner gilt: Je mehr sie gelesen haben, desto schneller merken sie, was Ramsch ist und was nicht.

Die Bedeutung des Lesens kann nicht überschätzt werden. Es schafft nicht nur einen schnelleren Zugang zu unseren kulturellen Grundlagen, sondern auch eine enorme Entlastung für unser Gedächtnis bei gleichzeitiger Stärkung des Gedächtnisses. Dabei verändert und stärkt es das Gehirn auf vielerlei Weise. Es schafft Zeit und Gelegenheit und Anstöße zum Denken. Schriftkenntnis eröffnet die Möglichkeit, Wissen zu erwerben sowie erworbenes Wissen zu speichern und weiterzugeben.

Weitere Themen

Muttertag im Frauenknast Video-Seite öffnen

Modenschau für Mamas : Muttertag im Frauenknast

Auch in Peru ist Muttertag. Im Frauengefängnis von Lima findet zu Ehren inhaftierter Mütter eine Modenschau statt. Viele Frauen sitzen wegen Drogendelikten ein. Die inhaftierten Frauen können ihre Kinder nur sehr selten treffen.

51 Prozent, 365 Euro, drei Monate

FAZ.NET-Hauptwache : 51 Prozent, 365 Euro, drei Monate

Schüler haben Probleme mit der Handschrift, ein Oberbürgermeister traut sich in die Babypause und ab nächstem Jahr gibt es ein günstiges Seniorenticket. Was das mit dem Steuerzahler zu tun hat, steht in der FAZ.NET-Hauptwache.

Topmeldungen

Theresa May am Freitag bei einer Pressekonferenz in London

Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
Ein Vapiano Restaurant in der Münchner Innenstadt

30 Millionen Euro : Vapiano erhält dringend benötigte Kredite

Vapiano verkündete zuletzt eine schlechte Nachricht nach der anderen: Gewinnwarnungen, Abgänge von Spitzenpersonal, tiefrote Zahlen. Jetzt hat sich die angeschlagene Restaurantkette eine wichtige Geldspritze gesichert.

Ehemaliger Außenminister : Tillerson keilt gegen Trump

Mehr als ein Jahr nach seiner Entlassung spricht Trumps ehemaliger Außenminister Rex Tillerson im Kongress über seine Amtszeit. Dabei erhärtet er eine Sorge vieler Beobachter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.