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Wiegendrucke : Besonders zum Entstauben von Dubletten geeignet

  • -Aktualisiert am

Wertvoller Wiegendruck: Das „Ars amandi“ von Ovid auf Pergament Bild: Picture-Alliance

Die Oxforder Buchhistorikerin Cristina Dondi kommt mit digitaler Technik in die hintersten Ecken und Winkel von Wiegendrucken. Nur der Brexit steht dem Projekt im Weg.

          Jede zerfallene Bibliothek hat ihre stummen Überlebsel. So nannte der Dichter Karl Wolfskehl jene aus ihrem Kontext gerissenen Bände, die nach Sammlungsauflösungen neue Besitzer finden. Wer deren Reisen entschlüsselt, dem offenbart sich zumeist auch das Leben der Vorbesitzer. Das weiß kaum jemand so genau wie Cristina Dondi, Professorin für frühe europäische Buchgeschichte an der Universität Oxford. Als ihr 2014 der ledergebundene Erstdruck von Homers Odyssee und Ilias in die Hände fiel, stand sie vor einem Rätsel: Der 1488 in Florenz gedruckte Band war im neunzehnten Jahrhundert nach Paris gelangt, doch sein Vorleben blieb unbekannt. Dondi entzifferte Namenseinträge, ordnete Zeichnungen zu und verglich die Tintenzusammensetzung. Dabei entdeckte sie eine ganze Bibliothek wieder, die Napoleons Truppen 1797 in Venedig aufgelöst hatten: die Klosterbibliothek San Giorgio Maggiore. Von dort war der Band nach Paris geschickt worden – und mit ihm Hunderte weiterer Drucke, die heute in 26 Bibliotheken auf drei Kontinente verstreut auf Rückkehr warten. Der Homer-Band steht inzwischen wieder in Venedig.

          Mit ihrem „15th-Century Booktrade Project“ erforscht Dondi die ersten, zwischen 1454 und 1500 gedruckten Bücher, die als Wiegendrucke bezeichnet werden. Seit 2009 arbeiten sechs Wissenschaftler gemeinsam mit 160 lokalen Assistenten weltweit an einem umfassenden digitalen Datensatz aller Wiegendrucke. Im Gegensatz zum „Incunabula Short Title Catalogue“ und zum „Gesamtkatalog der Wiegendrucke“ zeichnet das neue Verzeichnis anhand kleinster Hinweise die Geschichte und kulturelle Bedeutung jedes einzelnen Exemplars nach. Bisher ist ein knappes Zehntel der 500.000 verbleibenden Einzelexemplare von 28.000 verschiedenen Bänden bearbeitet worden.

          Die Spur führt bis auf den Berg Athos

          Dondis wichtigstes Hilfsmittel ist das Kassenbuch des venezianischen Buchhändlers Francesco de Madiis. Notiert ist dort der Verkauf von mehr als 15000 Wiegendrucken zwischen 1484 und 1488. Die vergilbten Zahlen auf den Seiten sind teils durchgestrichen, teils umkreist. Namensvermerke sind im Laufe der Jahre korrigiert, ersetzt, einige unkenntlich gemacht worden. Mit dem Entziffern dieser Zeilen begann Dondis Recherche, bis heute leitet die Auswertung der Verkäufe ihre Forschung. Der venezianische Händler vermerkte die Namen einzelner Kunden, notierte die Drucker und Charakteristika der Bücher. Einzelne Exemplare lassen sich so von Venedig aus durch die Bibliotheken verschiedener Privatgelehrter bis auf den Berg Athos verfolgen.

          Dondis Zahlen zeigen die schnelle Verbreitung der Drucke auch jenseits der Oberschicht. Ein kleines Gebetsbuch kostete mit vier Soldi laut Dondis Umrechnung nicht mehr als ein Friseurbesuch oder Huhn. Dondi möchte die Kluften zwischen Buchkundlern, Renaissance-Forschern, Politikwissenschaftlern und Wirtschaftshistorikern überbrücken, die schon Anselm Fremmer in seinem Standardwerk „Venezianische Buchkultur“ (Böhlau, 2001) beklagte.

          Die rapide Zirkulation von Büchern erweckte schon Jahrzehnte vor Martin Luthers Reformation so etwas wie ein europäisches Bewusstsein. Knapp fünfhundert Jahre später steht Europa wieder an einem Scheitelpunkt. Der Brexit stellt für das „15th-Century Booktrade Project“ eine ganz reale Bedrohung dar. Bisher ist für britische Projekte der Zugang zu den Mitteln des European Research Council nicht gewährleistet, der Dondis Hauptgeldgeber ist.

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