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Satiriker Machiavelli? : Wie der Fürst sich lächerlich machen soll

„Solchem Namen kommt kein Lobspruch gleich“: Am 3. Mai vor 550 Jahren wurde Niccolò Machiavelli in Florenz geboren, wo er am 21. Juni 1527 starb. Sein Grabmal in Santa Croce wurde 1787 errichtet. Bild: Wikimedia

Will Machiavelli in seinem Handbüchlein für Usurpatoren wirklich Grausamkeit und imperialistisches Abenteurertum loben? Erica Benner erneuert die satirische Lesart des „Principe“.

          Am 27. Januar 2017, als Donald Trump seine Anordnung zum „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten“ unterzeichnete, kam der Philosophin Erica Benner eine Stelle aus dem einundzwanzigsten Kapitel von Niccolò Machiavellis Buch über den Fürsten in den Sinn. Das Kapitel behandelt die Frage, „wie ein Fürst regieren muss, um Ansehen zu erwerben“. Am Anfang steht ein Beispiel aus der zum Zeitpunkt der Niederschrift gerade geschehenden Geschichte. In vertrautem Ton spricht Machiavelli seine Leser an, wie der Erzähler eines Podcasts: „Wir haben in unserer Zeit Ferdinand von Aragon, den gegenwärtigen König von Spanien.“ Dessen Handlungen sollen die Regel illustrieren, die der erste Satz des Kapitels formuliert: „Nichts macht einen Fürsten so wertgeschätzt wie dass er große Unternehmungen ausführt und seltene Beispiele seiner selbst gibt.“ Eine der Unternehmungen Ferdinands: Er verjagte und enteignete die Marranen, die Nachkommen getaufter Juden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Laut Machiavelli war das „eine fromme Grausamkeit“: Der König habe sich, „um größere Unternehmungen unternehmen zu können, immer der Religion bedient“. Gemäß der deutschen Übersetzung von Gottlob Regis, die 1842 bei Cotta erschien, gab Ferdinand mit der Ausweisung der Marranen „ein Beispiel, das nicht wunderbarer und seltner seyn kann“. In der vom Übersetzer benutzten italienischen Ausgabe muss gestanden haben: „nè può essere questo esempio più mirabile, nè più raro“. Bei diesem „mirabile“ handelt es sich um einen editorischen Eingriff mit dem Ergebnis einer Glättung des Sinns. In der 1532, fünf Jahre nach dem Tod des Verfassers, in Rom gedruckten Erstausgabe steht „miserabile“ – Ferdinands demonstrativer Akt religionspolitischer Homogenisierung wäre also ein Gipfel des Erbärmlichen gewesen.

          Was soll das heißen? Dass die Aktion eigentlich geeignet war, Mitleid mit den Adressaten des Befehls zu erregen – wie es ein halbes Jahrtausend später Trumps Anordnung tat, die als „Verbannung von Muslimen“ verstanden und bekämpft wurde? Die Korrektur von „miserabile“ zu „mirabile“ trägt scheinbar dem Sujet der Erörterung Rechnung, soll es doch um beispielhafte Taten gehen, die Ruhm verschaffen. Wunderbares sorgt zwanglos für Bewunderung. Aber die Irritation darüber, dass Ferdinand sich den guten Namen durch eine spontan als böse zu bewertende Tat gemacht haben soll, kann die Streichung der beiden vermeintlich überzähligen Buchstaben nicht aus der Welt schaffen. Sie ist schon das Ergebnis des Oxymorons „pietosa crudeltà“.

          Ein Buch der Warnung vor den Fürsten

          Dass hier zusammengespannt wird, was gewöhnlich nicht zusammengehört, legt eine ironische Auflösung nahe. Es drängt sich auf, die Wendung kritisch zu verstehen. Aber wer wird kritisiert? Der König, der Grausamkeit als Frömmigkeit tarnt? Frömmigkeit, die sich als Deckmantel der Grausamkeit hergibt? Den Widerspruch mittels der Unterscheidung von Schein und Sein aufzuheben, modern gesagt durch Ideologiekritik, verfehlt Machiavellis Pointe: Ferdinand soll die Grausamkeit selbst als frommes Werk ausgegeben, just dadurch Ruhm erworben haben.

          Im philologischen Handwerk sagt eine Faustregel, dass die „schwierigere Lesart“ vorzuziehen ist. Bei leicht zu verwechselnden Wörtern, so die Erwartung, dringt durch einen Abschreibfehler typischerweise die fälschlich naheliegende, trügerisch einfache Variante in den Text ein. Im vorliegenden Fall wäre dem Setzer der Erstausgabe der entgegengesetzte Fehler unterlaufen, wenn er versehentlich statt des konventionellen „mirabile“ das provokative „miserabile“ gelesen hätte. Er hätte dann gleichsam als erster Leser den Text Machiavellis schon mit machiavellistischen Augen gelesen, im Sinne jener Meinung über die Absicht des Autors, die im Zuge der Rezeption zur herrschenden wurde: Machiavelli habe die Grausamkeit loben wollen und den Fürsten geraten, Dispositionen zu kultivieren, die nach den Maßstäben der christlichen wie der philosophischen Ethik monströs wirken.

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