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Literatur im Unterricht : Ist die Schule schuld am Leserschwund?

Betreutes Lesen Bild: dpa

Um Kinder für Bücher zu interessieren, braucht es keine Tablets, sondern Freiheit der Lektüre. Wie sieht guter Literaturunterricht aus – und ist es weltfremd, für jeden Schüler einen eigenen Lesesessel zu fordern?

          Jungen Menschen in der Schule die Unwiderstehlichkeit literarischer Texte zu vermitteln war wohl noch nie so schwierig wie heute. Fast alles, was ihnen im Alltag als im weitesten Sinne erzählerisch begegnet – Videospiele, Youtube-Videos, Fernsehserien –, ist um ein Vielfaches kurzweiliger als das, was sich in Büchern abspielt. Zudem hat die Literatur, anders als die Unterhaltungsindustrie, ein Nachschubproblem. Es gibt sie ja, die literarisch geprägten Buchserien für Jugendliche, die wie „Harry Potter“ erstaunlich mühelos ein großes Publikum erreichen. Die Einzelbände aber sind schnell ausgelesen, und die beschwerliche Suche nach ähnlich faszinierendem Lesestoff beginnt von vorne.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Es war andererseits aber auch noch nie so leicht, Schüler an das Lesen literarischer Texte heranzuführen. Bücher sind trotz Einsparungen bei den Bibliotheken verfügbarer als je zuvor. Von der – auch in dieser Beilage intensiv abgehandelten – Frage abgesehen, ob das Lesen auf digitalen Endgeräten ebenso intensiv wie Buchlektüre sein kann, gelangt ein Jugendlicher heute mit Hilfe weniger Klicks im Handumdrehen an Abertausende literarischer Texte. Und es gibt ja nicht ohne Grund immer neue Rekordzahlen bei den Studenten der Literaturwissenschaft. Darf man die These wagen, dass literarische Texte im 21. Jahrhundert mit das Zugänglichste sind, was es überhaupt gibt?

          Unter einem bestimmten Aspekt war das Heranführen von Kindern an die Literatur über die letzten Jahrhunderte hinweg sogar immer gleich einfach. Man muss zum Genuss literarischer Texte nicht erst mühsam Bildungsgüter anhäufen, denn Kinder bringen im Grunde alles mit, was man für ästhetische Erfahrungen benötigt, selbst für so rätselhafte, dunkle Formen wie das Märchen. Dieses Phänomen kann man auch in der Oper oder im Kunstmuseum beobachten, in denen sich Kinder ja in so ziemlich nichts, was ihnen dort begegnet, widerspiegeln können, weder in der Architektur noch in dem, was auf der Bühne oder in den Ausstellungsräumen passiert. Und doch sind sie in den meisten Fällen wie gebannt von dem, was ihnen an Fremdartigem dort begegnet. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass sie die Wertschätzung, die ihnen hier im öffentlichen Raum entgegengebracht wird, lieben.

          Paradoxie des Literaturunterrichts

          Worin besteht nun die Unwiderstehlichkeit literarischer Texte, deren Konsum ja meist nicht öffentlich, sondern sehr privat erfolgt? Wenn man bei der Lektüre alle Erfahrungen wegstriche, die es woanders, im literarischen Serienfernsehen, im Sachbuch, in Zeitungsreportagen oder der reinen Unterhaltungsliteratur auch gibt, bliebe am Schluss wohl eine meditative Erfahrung in Kombination mit einer ästhetischen. Wobei die meisten philosophischen Ästhetiken darin übereinstimmen, dass Kunst eine zwanglose alternative, anschauliche Erkenntnis ermöglicht, die an ein Spiel erinnert und daher, wenn man sich nicht dagegen sperrt, als Form von Freiheit erlebt wird.

          Das Problem für die Schule besteht nur darin, dass sie diese Erfahrung verordnet und institutionalisiert. Um den spielerischen und sehr kindgemäßen Zugang mit Literatur nicht zu verderben, muss sie daher eine besonders schonende Form der Vermittlung praktizieren, die eben nicht darauf abzielt, einen Text diskursiv zu erschließen und in seiner Bedeutung einzuschränken. Es ist paradox: Obwohl sich Literatur als sprachliche Kunst besonders für diskursive Zugänge zu eignen scheint, reichen diese nur bis zu einem bestimmten Punkt. Das Eigentliche bleibt unaussprechlich, kann nur umkreist werden, das definiert die Kunst nun einmal.

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