https://www.faz.net/-gqz-9fcw3

Literatur im Unterricht : Ist die Schule schuld am Leserschwund?

Ähnlich unangemessen wäre es, literarische Texte in der Schule in bewusster Abkehr von der diskursiven Zugangsweise zwanghaft aufs Wiederfinden der jungen Leser abzurichten. Denn zum einen haben diese eben vieles noch nicht erlebt, zum anderen eröffnet oft erst der distanzierte Blick auf die Brüche einen literarischen Text.

Ein Brief an Annette von Droste Hülshoff?

Sollte man heute noch „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff lesen? Selbst für die offensten digital natives beginnt die Novelle mit einem rekordverdächtigen Rausschmeißer. Die adelige Autorin mit dem sperrigen Doppelnamen hat dem Buch den abschreckenden Untertitel „Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“ gegeben und lässt es mit einem Gedicht beginnen – eine formale Entscheidung, die auch für erfahrene Leser immer einer besonderen Einstimmung bedarf. Aber was für eine Chance, um die Eigengesetzlichkeit von Literatur zu demonstrieren! Der Lehrer muss die Schüler jetzt nur noch geschickt über die ersten Seiten hinwegtragen, bevor der provozierend präzise, betont sachliche Stil der Droste einen ganz eigenen Sog durch die spannende, zuweilen kriminalistische Handlung entwickelt.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Doch es ist fraglich, ob die etwa in der kommentierten Schroedel-Ausgabe vorgeschlagenen „Arbeitsanregungen“ mit ihren verordneten Einfühlungen nicht gerade kontraproduktiv sind. Was haben die Schüler im Sinne einer literarischen Bildung davon, wenn sie einen Dialog zwischen der Droste und deren Mutter über die „Judenbuche“ schreiben oder einen Brief an die Autorin inklusive Rückschreiben formulieren? Welcher Erwachsene würde da nicht abwinken? Die meisten Kinder jedenfalls hassen Impulse wie diese, vielleicht sogar aus einem gewissen Qualitätssinn heraus. Warum versucht man Schüler zu einem Gedicht an die Autorin zu animieren? Zwingt man durch Arbeitsaufträge wie diese, wenn ihnen nicht eine professionelle Creative-Writing-Schulung vorausgegangen ist, nicht einfach nur zu einer Stümperei, die alle nur frustrieren kann?

Auch in dem Leitfaden „Literarisches Lesen fördern“, herausgegeben vom Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz, wird zu allerlei „kreativen Tätigkeiten rund um das Buch“ geraten. Von einer „das Textverständnis vertiefenden“ E-Mail bis zur Rap-Nachdichtung sollen sämtliche alltagsvertrauten Register gezogen werden. Aber besteht der Denkfehler dabei nicht darin, dass man das Unvertraute, das einen bereichern könnte, mit dem Vertrauten überkleistert und es damit tendenziell überflüssig macht?

Wer glaubt noch an die befreiende Kraft von Literatur?

Wäre es für den Unterricht nicht ein erstrebenswertes Ziel, bei gemeinsamer Lektüre zunächst einmal die verwickelte Erzählhaltung zu erkennen, aus der sich die präzisen Sätze der Droste herausschälen, die Schönheit und einnehmende Fremdheit dieser Sprache, die eigentümliche Erkenntnisform, die sie ermöglicht?

Wird im Literaturunterricht möglicherweise deshalb so viel eingefühlt und nachgedichtet, weil ohne sorgfältige Vorbereitung der Schüler und Lehrer nicht viel zu holen ist, weil ein anspruchsvolles spielerisches Gespräch über Literatur, das alle voranbringt, gar nicht so leicht herbeizuführen ist, weil es unkonventionell und phantasievoll sein muss und leicht misslingen kann? Weil an die befreiende Kraft der Literatur eigentlich keiner mehr so richtig glaubt?

Als Grundausstattung für jeden Schüler wird inzwischen ein eigenes Tablet gefordert. Ist es völlig unangemessen, für jeden einen eigenen Lesesessel mit großzügigem Büchergutschein und ein bis zwei Lesefreistunden pro Woche ins Gespräch zu bringen?

Weitere Themen

Blumenmeer im Brüsseler Rathaus Video-Seite öffnen

Internationale Flower-Show : Blumenmeer im Brüsseler Rathaus

Alle zwei Jahre verschönern rund 30 internationale Floristen das gotische Gebäude mit opulenten Blumenkreationen. Sie dekorieren 13 historische Räume vom Boden bis zur Decke mit mehr als 100.000 Blumen.

Topmeldungen

Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, steht Rede und Antwort beim ARD-Sommerinterview.

TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.