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Buch oder Bildschirm? : Wie Hochschulverbände auf die Stavanger-Erklärung reagieren

Digital oder analog? Der Kontext ist entscheidend Bild: Jens Gyarmaty

Mehr als 130 Wissenschaftler fordern in der Stavanger-Erklärung eine differenzierte Sicht auf die Bildschirm-Lektüre. Lange Texte seien besser auf Papier zu lesen. Was heißt das für die Hochschulen?

          Für alle, die lange Texte gern auf Papier lesen, mag es keine Überraschung gewesen sein, aber was bisher nur mit Neigung begründet werden konnte, ist jetzt wissenschaftliche Empirie: Mehr als 130 internationale Wissenschaftler haben auf der Basis von 54 Studien festgestellt, dass das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser ist als beim Bildschirmlesen, und in der Stavanger-Erklärung empfohlen, das Lektüremedium je nach Ziel zu wählen und für lange Informationstexte Papierversionen vorzuhalten. Die Publikation der Erklärung fällt in eine Phase, in der die Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen fieberhaft die nächste Phase der Digitalisierung einläuten. Müssen die Strategiepläne jetzt neu geschrieben werden?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zunächst: Dem Wissenschaftler-Netzwerk E-Read werden durchweg hohes wissenschaftliches Niveau und ausgewogenes Urteil bescheinigt. Auf breite Zustimmung stößt die Forderung, dass sich Lektüre nicht ausschließlich auf den Bildschirm beschränken dürfe. Es könne nicht darum gehen, das Lesen von auf Papier gedruckten Texten pauschal durch digitale Formate zu ersetzen, meint Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Vielmehr müsse man Schülern und Studenten die „Urteilsfähigkeit vermitteln, selbständig und begründet zu entscheiden, in welchen Zusammenhängen sie zum Buch und wann sie zum Smartphone oder Tablet greifen“.

          In eine ähnliche Richtung geht die Antwort des Hochschulforums Digitalisierung, das die HRK und den Bund bei der technischen Modernisierung der Hochschulen berät. Digitalisierung dort, wo es sinnvoll ist, meint auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und empfiehlt die richtige Balance beim Einsatz von Computermedien in der Bildung, und zwar pädagogisch begründet.

          Zwischen Papier und Bildschirm wählen

          Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, merkt an, dass sich die Ergebnisse der Stavanger-Studie auf das Lesen im Bildungsbereich und weniger auf die Forschung im engeren Sinn bezieht. Ob man die Ergebnisse nun auch auf die Wissenschaft übertragen kann oder erst weitere Forschung abwarten muss, wäre also noch zu klären. Wenn die Strukturen erst einmal geschaffen und die Gelder verteilt sind, ist der Spielraum für nachträgliche Korrekturen allerdings begrenzt.

          So hält es Robert-Jan Smits, der Open-Access-Beauftragte der Europäischen Kommission, nur für eine Frage der Zeit, bis das Verständnis langer Informationstexte auf dem Bildschirm genauso gut wie auf Papier sein werde. Das widerspricht zwar den Ergebnissen der Wissenschaftler, denen zufolge auch die digital sozialisierte Generation lange Texte auf Papier besser versteht. Aber Smits’ Open-Access-Agenda hat sich vom Papier nun einmal lebhaft verabschiedet.

          Zwischen Papier und Bildschirm kann aber nur kompetent gewählt werden, wenn beide Formate vorhanden sind, was aus Kostengründen nicht immer möglich sein wird. Bedenkt man die gewaltigen Strom- und Wartungskosten digitaler Produkte, wollen hybride Publikationen von langer Hand geplant sein. Die Forscher empfehlen den Förderinstitutionen daher, sich von Beginn an die Frage nach dem passenden Medium vorzulegen. Also: jetzt, sofort, unverzüglich. Digitalisierung, so ihre Botschaft, ist keine Naturgewalt.

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