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Künstliche Intelligenz : Es muss auch klappen, wenn wir nicht hinschauen

  • -Aktualisiert am

Eine Hilfe im Alltag?: Vor allem Pflegeroboter sind in Japan im Einsatz. Bild: AFP

Handwerkskunst reproduziert sich ganz von selbst: Mateja Kovacic beschreibt, wie die Japaner ihre mechanischen Gehilfen an Kindes statt annahmen und woher Japans Ruf als Königreich der Roboter rührt.

          Japan wird Königreich der Roboter genannt. Mehr als eine viertel Million Industrieroboter wurden gezählt; die Robotisierung von Kinderbetreuung und Altenpflege ist Regierungsprogramm. Ein Aufsatz von Mateja Kovacic erörtert die japanische Roboterliebe als diskursives Konstrukt mit anthropologischer Botschaft („The making of national robot history in Japan: monozukuri, enculturation, and cultural lineage of robots“, in: Critical Asian Studies, Band 50, Heft 4, 2018/Routledge). Die Oxforder Japanologin stützt sich auf die Bücher „Robotopia Nipponica: Recherchen zur Akzeptanz von Robotern in Japan“ (Cosima Wagner, 2013) und „Robo Sapiens Japanicus: Robots, Gender, Family, and the Japanese Nation“ (Jennifer Robertson, 2017), wenn sie ein kulturelles Branding der Maschinenwesen beschreibt, das auf eine Nationalisierung des Roboterkörpers hinausläuft.

          Die traditionelle Fertigungskunst namens „monozukuri“ wird zur Quelle innovativer Exzellenz und neuerdings sogar zu einer biologischen Ressource stilisiert. Von „monozukuri DNA“ ist die Rede, um ein Volk von geborenen Handwerkern zu bezeichnen, wenn man so will: von Robotern kraft natürlicher Ausstattung. Dienstbare Automaten in Menschengestalt gab es schon in der Edo-Zeit (1603 bis 1868). Mechanische Puppen (karakuri ningyô) servierten Tee und beherrschten das Schönschreiben oder das Bogenschießen. Da die Firma des Puppenschöpfers Hisashige Tanaka als Vorläufer von Toshiba gilt, werden sie als Japans Protoroboter hingestellt, obwohl ihre Uhrwerke aus Europa importiert worden waren.

          Der Ahnenkult verdeckt den Kulturwandel des Roboterbilds. 1924 wurde in Japan das 1920 publizierte Bühnenstück „R.U.R. – Rossum’s Universal Robots“ des Tschechen Karel Čapek aufgeführt. Das Stück machte den Begriff des Roboters populär und gab seiner Gestalt destruktive Attribute mit. In den Science-Fiction-Romanen von Jûza Unno (1897 bis 1949) kämpften Roboter gegen chinesische Soldaten. Der erste humanoide Automat der neueren japanischen Geschichte wurde zur Feier der Kaiserkrönung von 1928 vorgestellt. Er war mit flexibler Mimik ausgestattet und hieß „Gakutensoku“ („von den Gesetzen der Natur lernen“). Die Militarisierung war mit einer Rhetorik des Weltfriedens verkoppelt.

          Vom Comic-Helden zum Maskottchen

          Der „Manga-Gott“ Osamu Tezuka schuf 1952 den Roboterjungen Astro Boy, der sein nukleares Herz in den Dienst der Weltverbesserung stellt. Dass seine Abenteuer dem Technikoptimismus Vorschub leisteten, geht auf den Druck der Verleger zurück. Roboterentwickler machten den Comic-Helden zu ihrem Maskottchen.

          2014 nahm ein Robot Revolution Realization Council die Arbeit auf, das einer „roboterbarrierefreien Gesellschaft“ den Weg bereiten soll. Von den Robotern wird nicht mehr die Übernahme der Macht ihrer Erfinder erwartet, sondern die Stabilisierung des Systems. Sie sollen das Kunststück fertigbringen, Geburtenrückgang und Überalterung entgegenzuwirken, ohne dass der Mythos der Homogenität und die Antiimmigrationspolitik aufgegeben werden müssten. Sprachprüfungen halten die Zahl der Pflegekräfte aus dem asiatischen Ausland klein. Für geschichtslose Pflegeroboter sind Kulturunterschiede kein Handicap. Die Aufarbeitung der Zwangsarbeit des Kolonialzeitalters kann weiter aufgeschoben werden.

          Die Erfindungskraft der Japaner erstreckt sich auf die Tradition. Robotern wird die Inklusion in Übergangsriten zuteil; an Schreinen wird für Wohlstand und Sicherheit der beseelt gedachten Automaten gebetet. In ostentativem Kontrast zur Behandlung von Einwanderern wird Robotern eine symbolische Staatsbürgerschaft übertragen. Der therapeutisch eingesetzten Roboterrobbe „Paro“ wurde in Nanto ein Geburtszertifikat ausgestellt, das ihren Erfinder Takanori Shibata als Vater nennt. Dieser bedankte sich mit einem Lob des alten Handwerks. Die Naturalisierung der Roboter made in Japan, die Adoptionspraktiken im alten Familiensystem („ie“) spiegelt, nennt Kovacic „pseudobiologische Inkulturation“.

          Oriza Hiratas posthumanes Theaterstück „Sayônara“ von 2010 ist eine späte Reprise des Lehrstücks von Čapek: Ein Android, Pflegekraft für den letzten Menschen, der mit Krebs im Endstadium geschlagen ist, rezitiert Gedichte und Plattitüden.

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