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Digital Humanities : Wenn die Saat des Digitalen aufgeht

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Erinnerung statt Vergessen: Mnemosyne aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. im Spanischen Nationalmuseum Bild: mauritius images / PRISMA ARCHIV

Bedeutet die Zunahme digitaler Interpretationstechniken das Ende einer sinnvollen Textauslegung? Über das Interpretieren von Texten in Zeiten von „Digital Humanities“.

          Was ist noch übrig vom Menschlichen in den Humanities, den Geisteswissenschaften? Hat die radikale Technisierung der Lehr- und Lernmethoden sowie der texteditorischen Erschließungsverfahren zu ihrer Enthumanisierung geführt? Sind die Geisteswissenschaften von allen guten Geistern verlassen, indem sie selbst ihre Seele digitalisiert und damit Google verkauft haben? Vom Wert der Humanities und der Notwendigkeit ihrer Rekultivierung ist allenthalben die Rede, wobei wir kaum noch wissen, was damit konkret gemeint ist. Immerhin widmen sich ganze Kongresse dieser Frage, so etwa wiederholt auch die Jahrestagung der nordamerikanischen Modern Language Association (MLA), die dieses Frühjahr in Chicago befand, dass der Verfall der Humanities ursächlich mit der Übersättigung unserer Kultur mit elektronischen Medien zusammenhänge.

          Das „deep reading“ sei verschwunden (Nietzsche sprach vom „langsamen Lesen“ als einer Kulturtechnik, ohne die es weder kritisches Bewusstsein noch ästhetisches Vergnügen geben könne) und damit das eigenständige Sicherarbeiten von Textverständnis. Der kanadische Romancier und Beobachter dieses Kongresses, Stephen Marche, befand dazu neulich im „Times Literary Supplement“, dass selbst Gebildete zunehmend unwillig seien, zwischen fälschlicher und geprüfter Information zu unterscheiden, und zu einer Gemeinschaft von Menschen werden, die sich selbst nur noch als eine Ansammlung von undifferenzierten und uninterpretierten Ziffern verstehen. Die bloße Existenz von Instrumentarien wie Facebook belege, was geschehe, wenn wir unsere Kommunikationsformen reinen Technokonstrukteuren überließen. Was Hölderlin in der zweiten Fassung seiner der Erinnerung geltenden Hymne „Mnemosyne“ mehr konstatierte als prognostizierte, bleibt ins Stammbuch der digitalen Cybermoderne als Menetekel eingetragen: „Ein Zeichen sind wir, deutungslos, / Schmerzlos sind wir und haben fast / Die Sprache in der Fremde verloren.“ Besagter Modern Language Association ist dieses Problem erfreulicherweise so wichtig, dass sie im kommenden Jahr die Frage nach dem, was es heißt, heute „Mensch zu sein“, zum Leitthema des dann in Seattle stattfindenden Kongresses erklärt hat. Die Grundfrage soll lauten: Wie haben die neuen Technologien im Bereich der Literaturwissenschaften unser Verständnis vom „Dienst am Menschlichen“ verändert?

          Gefordert ist ein engagiertes Nachdenken über die Zweideutigkeit der „techné“in Wissenschaft und Poetik, verstanden als „Technik“ im landläufigen Sinne und als Handlungsform, gar -anweisung. Nun steht seit Aristoteles die Vermutung im Raum, dass die Worte über das Handeln die Menschen mehr bewegen können als das Handeln selbst. Die Vorstellung vom Sprechen als einem Akt hat hier ihre Wurzeln. Doch bedeutet diese Konzeption auch, dass menschliches Handeln sich in Zeichen aufgelöst sieht. Zeichen wiederum deuten auf etwas, bevor wir sie zu deuten versuchen. Sie sind Fingerzeige, also eine Geste des Fingers, des digiti. Mit Fingern übt das Kind das Zählen mit ganzen Zahlen ein. Damit lernt es zu quantifizieren und Mengen entsprechend abzustufen.

          Niemand weiß wer das Wort „digital“ geprägt hat

          Man vergisst oft, dass das Digitale einer körperlichen Verweisfunktion seinen Namen verdankt. Anders als bei Begriffen wie „kategorischer Imperativ“, „Weltgeist“ oder „dialektischer Materialismus“ weiß wohl niemand zu sagen, wer das Wort „digital“ geprägt hat. Es scheint den Virtualitätslaboratorien des Silicon Valley entsprungen zu sein, ein Homunculus unter den Begriffen. Es ist, als habe „man“ einer algorithmischen Abstraktion mit unabsehbarem, „realem“ Funktionspotential eine aus dem Arsenal der menschlichen Anatomie abgeleitete Bezeichnung geben wollen.

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