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Hochschulen in Rhein-Main : Aller guten Dinge sind sieben

Entwicklungsfläche: Auf dem Westend-Campus der Uni Frankfurt haben die Arbeiten für den Neubau der Sprach- und Kulturwissenschaften begonnen. Ist er fertig, muss nur noch die Zentralbibliothek umziehen. Bild: Wolfgang Eilmes

Mehr Mut zum Streit, weniger Quotitis und Buden, die man bezahlen kann: Was wir uns für die Hochschulen der Frankfurter Region im neuen Jahr wünschen.

          1. Studenten und Professoren lernen, andere Meinungen auszuhalten

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgendes Szenario: Ein Lehrstuhlinhaber der Frankfurter Universität lädt Thilo Sarrazin zu einem Diskussionsabend ein. Statt ein Hausverbot für den Autor zu fordern, rufen Fachkollegen und Asta zum Besuch der Veranstaltung auf – um Sarrazins Islam-Thesen nach guter akademischer Sitte mit scharfen Argumenten zu sezieren. Ein frommer Wunsch, gewiss, aber dass die Redefreiheit an deutschen Unis noch Chancen hat, wurde vor einigen Wochen in Siegen bewiesen. Dort konnte der AfD-Kulturpolitiker Marc Jongen einen Vortrag halten, ohne aus dem Saal gebuht zu werden. Allerdings musste sich der Hausphilosoph der Rechtspartei dort auch heftige Kritik gefallen lassen. Die Goethe-Uni hat im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie zumindest die Anwesenheit von Andersdenkenden ertragen kann, als sie trotz Protesten einen Kongress des unter Homophobie- und Misogynieverdacht gestellten Soziologen Gerhard Amendt in ihren Räumen duldete. Der nächste Lernschritt wäre, im Wiederholungsfall die rhetorische Auseinandersetzung mit umstrittenen Gästen auf geeigneter Bühne zu ermöglichen. Mit Toleranz ist es wie mit einem Zahnarztbesuch: Zuerst tut es weh, aber hinterher ist man froh, es gewagt zu haben.

          2. Den Hochschulen bleiben neue Quoten erspart

          Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ein Koalitionsvertrag zwischen der CDU und den Grünen ohne neue Quote ausgekommen wäre. Aber da sei der heilige Regulatius vor: Für Studienbewerber, die sich verpflichten, später als Landarzt zu praktizieren, soll es in Hessen künftig eigene Studienplatz-Kontingente geben. Viele Dekane und Studentenvertreter lehnen das ab, weil sie es für unsinnig halten, Medizin-Anfänger noch vor Studienbeginn auf einen bestimmten Berufsweg festzulegen. Die alt-neuen Regierungspartner hat das augenscheinlich wenig beeindruckt. Hoffentlich greift jetzt die andernorts schon grassierende Quotitis nicht auch noch in Lehre und Forschung um sich. Für die Frauenförderung etwa gibt es intelligentere Ansätze – Mentorinnen-Netzwerke zum Beispiel und frühes Ermutigen talentierten Nachwuchses, am besten schon in der Schule. Begabung braucht keine Quoten, das beweisen Landärztinnen, Uni-Präsidentinnen und Leibniz-Preisträgerinnen schon jetzt jeden Tag.

          3. Es wird noch mehr getan, um den Wohnungsmangel zu bekämpfen

          Auch in diesem Winter sind unter den Frankfurter Mainbrücken noch keine Studenten gesichtet worden, die auf muffigen Matratzen hockend mit klammen Fingern ihre Hausarbeit in den Laptop tippen. Trotzdem tun Asta-Vertreter recht daran, immer wieder auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum hinzuweisen. Was Quartiers-Knappheit und Lebenshaltungskosten angeht, landet Frankfurt in den einschlägigen Negativ-Statistiken regelmäßig hinter München auf Platz zwei, und auch in den anderen Hochschulstädten der Rhein-Main-Region ist das Studentendasein alles andere als billig. Die scheidende hessische Landesregierung hat zwar manches unternommen, um für mehr preisgünstige Buden zu sorgen, aber gleichzeitig mit dem Verkauf des früheren Frankfurter Polizeipräsidiums zum Premium-Preis Zweifel an ihrem Sinn für sozialverträgliche Wohnungspolitik geweckt. Mit mehr Einsatz auf diesem Feld könnte sich der designierte Superminister Tarek Al-Wazir in den hiesigen Unis einiges an Sympathie hinzuverdienen.

          4. Angela Dorn reüssiert als hessische Wissenschaftsministerin

          Weiblich, jung und demnächst Ressortchefin: Ihr bevorstehender Karrieresprung sei Angela Dorn von Herzen gegönnt. Bedenklich nur, dass die Grüne ihn auch einer sehr traditionellen, sehr männlichen Macht-Arithmetik verdankt. Weil sie Landeschefin ihrer Partei ist, hat sie eines der neu zu vergebenden Ministerämter verdient – so die aus anderen politischen Lagern bekannte Logik. Kompetenz wird da zur Nebensache: Durch besonderes Interesse an Wissenschaft und Kunst ist Dorn bisher nicht aufgefallen. Das galt vor fünf Jahren auch für ihren Vorgänger Boris Rhein von der CDU, der jedoch zumindest Kabinetts-Erfahrung mitbrachte. Aber sei’s drum: Dorn wäre nicht die Erste, der es gelänge, sich in ein fremdes Metier einzuarbeiten. Möge ihre Lernkurve so kräftig steigen, wie es die Stimmenzahl der Grünen bei der Landtagswahl tat.

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