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Leseforschung : Schulstunde im Pausenhof

Die Leseforschung, die mit dem digitalen Wandel aufgekommen ist, spricht sich heute klar dafür aus, das Medium von der Textgattung abhängig zu machen. Bild: dpa

Die Leseforschung hat herausgefunden, dass Texte auf Papier besser im Gedächtnis haftenbleiben und viele Schüler gern mit Büchern lernen. Die Bildungspolitik scheint das aber wenig zu interessieren.

          Die Leseforschung hat in den vergangenen Jahren so viele Vorzüge des Lesens entdeckt, dass man meinen müsste, die Bildungspolitik würde sich auf das Thema stürzen. Lesen, so ist zu erfahren, schult Konzentration, Einfühlung, Ausdruck, Vorstellungskraft, geistige Unabhängigkeit und perspektivisches Denken. Schüler, denen im Kindesalter viel vorgelesen wird, gehen lieber zur Schule und haben bessere Noten. Vielleicht reicht auch die eigene Erfahrung, um auf solche Gedanken zu kommen, aber jetzt ist es eben keine Privatmeinung mehr, sondern Erkenntnis der Wissenschaft.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Vorzüge werden offenbar zu wenig genutzt. Seit der Pisa-Studie 2001 ist die Leseschwäche deutscher Schüler bekannt, besonders was konzentrierte Lektüre und das Verständnis längerer Texte betrifft. Das war noch vor Youtube und Smartphone. Das Internet mit seinen vielen Zerstreuungsmöglichkeiten hat das Medienangebot für aufmerksames Lesen sicher nicht bereichert. Es wird zwar nicht unbedingt weniger gelesen, aber anderes und anders. Die Verlierer des Medienwandels sind das Buch und die vertiefte Lektüre. Dem Buchhandel sind in den vergangenen fünf Jahren sechs Millionen Käufer abhandengekommen, der Rückgang betrifft vor allem die junge Generation. Das heißt nicht, dass digital natives kein Interesse an Büchern hätten.

          Im Gegenteil: Amerikanische Studenten, die von der Linguistin Naomi Baron nach ihrem bevorzugten Lernmedium befragt wurden, äußerten eine klare Präferenz für das Buch. Zu einem ähnliche Ergebnis gelangte eine Studie der Fachhochschule Zürich unter Schweizer Schulkindern. Am Willen fehlt es also nicht, aber an Konzentration und innerer Ruhe. Die Tech-Industrie will die ganze Aufmerksamkeit. Und schon ein Smartphone im Nebenraum, fand eine Studie der Universität Austin von 2017 heraus, zieht Konzentration ab, schraubt die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses deutlich herunter.

          Sicher ist Lesen ein mühevoller Akt

          Die Bildungspolitik hat in der Vergangenheit wenig getan, um das Lesen zu stärken. Im Gegenteil: Schulbibliotheken wurden abgebaut, der Deutschunterricht heruntergeschraubt und das Schreiben nach Gehör nach Kräften gefördert, obwohl es den Schülern große Mühe macht, das fehlerhaft Angelernte hinterher zu korrigieren. Im gleichen Zug wurde die Schreibschrift, die Buchstaben und Bedeutung leichter als Einheit erkennbar macht, zugunsten der Blockschrift bekämpft. Auch dem Lesen selbst hat man den Kampf angesagt. Parallel zur Abschaffung des Lektürekanons wurden Bücher und längere Passagen aus den Lehrplänen gestrichen und durch kleine Textausschnitte ersetzt. Statt um Sinnverständnis geht es jetzt um Informationsentnahmekompetenz. Im bayerischen Lehrplan für Deutsch in der Gymnasialstufe, sagte der ehemalige Präsident des Philologenverbands Josef Kraus kürzlich auf einer Konferenz, komme auf siebzig Seiten dreihundertmal das Wort „Kompetenz“ vor – und ein einziger Dichtername: Goethe. Die Lektüre des „Faust“ ist selbstverständlich freigestellt. Man will die Schüler nicht überfordern.

          Sicher ist Lesen ein mühevoller Akt. Wenn man es aber einmal beherrscht, macht es den Geist geschmeidig und stärkt, wie die Neurowissenschaft herausgefunden hat, die Vernetzung der Gehirnregionen. Das Gehirn ist keine Lagerhalle mit begrenztem Platzangebot, sondern ein plastisches Organ. Je mehr es gefordert wird, desto mehr passt hinein und desto mehr sieht man die Dinge im Zusammenhang. Es gibt keinen Grund, Schülern so etwas vorzuenthalten.

          Die gestrige Sitzung der Kultusministerkonferenz hatte sich das Thema Demokratieerziehung gestellt. Man könnte nun fragen: Wäre das Lesen mit seiner Distanz zum unmittelbaren Erleben nicht das ideale Medium für die Einübung der Vermittlungsformen einer repräsentativen Demokratie? Und ist die Ad-Hoc-Welt der neuen Medien im Unterschied zu ihrer Nutzung nicht auch eine hochgradig vermittelte – mit ihren Algorithmen, Manipulationstechniken und Geschäftsinteressen?

          Konzentrierte Lernatmosphäre

          Der Buchdruck hat es erstmals für breite Schichten möglich gemacht, sich aus hierarchischer Kommunikation zu lösen. Lektüre befreit vom Zwang zur unmittelbaren Reaktion, schafft Raum für Reflexion und Individualität. Niemand zwingt den Leser zur direkten Antwort oder kann dessen Gedanken an der Mimik ablesen. Die einsame Lektüre sichert einen Moment der Unabhängigkeit, auf dem die Demokratie – natürlich nicht allein und nicht zwangsläufig – gewachsen ist. Das Gespräch ist nicht automatisch dümmer. Nur wäre es sehr unhöflich, sich mit der Antwort minutenlang Zeit zu nehmen.

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