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Expertin für Säuglingsschreie : Babys werden total unterschätzt

Hinter Babyschreien verbirgt sich stammesgeschichtliche Sprachentwicklung, sagt Prof. Kathleen Wermke von der Universität Würzburg. Bild: Picture-Alliance

Babyschreie spiegeln den stammesgeschichtlichen Spracherwerb des Menschen. Das sagt Kathleen Wermke, sie hat eine halbe Million Laute von Säuglingen ausgewertet. Neue Folge unserer Reihe „Nerdalarm“.

          Sie sagen, Babylaute ähnelten denen von Singvögeln mehr als denen von Affen. Wie ist das zu erklären?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Kathleen Wermke: Wir haben festgestellt: Frisch geschlüpfte Singvögel erlernen ihren Gesang in ganz ähnlicher Weise wie menschliche Säuglinge ihre vorsprachlichen Laute erwerben. Singvögel sind eines der besten Modelle für die Anfänge des Spracherwerbs bei Kindern. Viele denken, die Affen sind dafür gute Prototypen, und viele Affenforscher verteidigen das auch mit Vehemenz - es sind unsere nächsten Verwandten und es gibt eine hohe Prozentzahl an Übereinstimmung beim Genom. Ich meine aber, die Prozentzahl ist dabei völlig irrelevant, weil selbst 99,9 Prozent Übereinstimmung nichts über die Größe des riesigen Abstands zwischen den Affen und dem Humanum aussagen würden. Affenmütter reden kaum mit ihren Babys, sondern sie interagieren intensiv mit Gestik und Körpersprache, während menschliche Mütter oft schon sofort nach der Geburt damit beginnen, ihr Baby anzusprechen. Wir sprechen mit unseren Nachkommen, Affen sind relativ stumm, sie haben ein paar angeborene Kontakt- und Ruflaute und lernen dann eigentlich im Wesentlichen nur noch, in welchem Kontext sie anzuwenden sind: bei Gefahr aus der Luft, bei Bodenfeinden und so weiter. Im Gegensatz zu Affen haben Singvögel, wie zum Beispiel Zebrafinken, tatsächlich auch Lernphasen, in denen sie von einem Tutor, einem Gesangsvorbild, lernen und ihre ersten primitiven Laute modifizieren.

          Wie kamen Sie zu den Babylauten und zu der menschlichen Sprachentwicklung?

          Am Beginn meiner Forschungen Anfang der Achtziger - ich habe Verhaltensbiologie an der HU studiert und war danach Assistentin am Universitätsklinikum Charité - habe ich wie viele Forscher damals Babystimmen analysiert, um potenzielle Störungen von Gehirnfunktionen frühzeitig zu erkennen. Es zeigte sich dabei, dass sich die Säuglingsschreie über die ersten Lebenswochen sehr schnell veränderten und rasant komplexer wurden. Dann habe ich in Zusammenarbeit mit Werner Mende von der Akademie der Wissenschaften in Berlin überlegt, warum das so sein könnte. Wir haben herausgefunden, dass das damit zusammenhängt, dass die Babylaute im Verlauf der ersten Monate einem universalen, mit der physiologischen Reifung raffiniert abgestimmten Entwicklungsprogramm folgen. Menschliche Babys fangen mit einfachen Melodiebögen in ihren Weinlauten an, die aus einer ansteigenden und nachfolgend absteigenden Melodiekontur bestehen; sie kombinieren diese Bögen dann und es entstehen Zweier- und Dreierbögen. Sie machen auch regelhaft Pausen zwischen den Bögen ohne dabei erneut einzuatmen und haben so, wenn sie sehr fit und gesund sind, schon ein richtiges rhythmisch-melodisches Repertoire. In den Weinlauten der Neugeborenen fanden wir vier Melodiegrundtypen, die alle miteinander und gleichzeitig noch in unterschiedlicher Zahl innerhalb eines Weinlautes miteinander kombiniert werden können.

          Prof. Kathleen Wermke

          Inwiefern war diese Entdeckung erstaunlich?

          Es ist ja eigentlich unlogisch, dass ein „Warnsignal“, wie das in der Literatur den Babyschreien unterstellt wurde, permanent geändert wird. Ich verändere ja auch an einer Sirene nicht ständig die Töne. Also ist Babyweinen viel mehr als eine Bio-Sirene. Werner Mende und ich haben die These aufgestellt, dass das mit Evolution, also mit Sprachentwicklung zu tun haben muss. Mittlerweile, nach mehr als 30 Jahren Forschung und vielen Untersuchungen - wir haben hier am Zentrum inzwischen fast eine halbe Million Baby- und Kleinkindlaute im Archiv - sind wir der Meinung, dass wir mit dieser Theorie recht haben, dass das die einzige Erklärungsmöglichkeit für die reichhaltige Entfaltung der Babyweinlaute ist. Wir sehen in den Babylauten von Anfang an wahrscheinlich sogar Spuren dessen, was die Vormenschen vor etwa zwei Millionen Jahren von sich gegeben haben.

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