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Vortrag in Berlin : Pinker und die Antifa

Steven Pinker Bild: Picture-Alliance

Der Bestsellerautor aus Harvard trat in Berlin bei der Max-Planck-Gesellschaft auf. Die Anschaulichkeit des Vortrags begeisterte, doch eine Folie der Präsentation fiel aus dem Rahmen.

          Es ist leicht, die Heiterkeit von Steven Pinker als Unernst misszuverstehen. Grinsend tritt der Silberlockenkopf aus Harvard ans Rednerpult, wie ein Hampelmann breitet er die Arme aus und klappt sie wieder zusammen. So geschehen jetzt in Berlin, wo der Psychologe die Thesen seines Buches „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ (S. Fischer; F.A.Z. vom 12. Oktober) im Rahmen der jährlichen Harnack-Vorlesung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) vorstellte. Mit hoher Stimme und scheinbar spöttisch gespitzten Lippen beginnt er: „Von Zeit zu Zeit stellen wir uns alle ein paar tiefgründige und schwierige Fragen.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Aber er will sich nicht lustig machen über Anflüge von Tiefsinn in müßigen Sekunden. Er glaubt zu wissen, dass das, was er „die Aufklärung“ nennt, Antworten auf die uns von ihm in den Mund gelegten Fragen zu bieten hat, Fragen, die sich mit Kants Grundfragen der Philosophie („Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?“) weitgehend decken. Pinker klammert nur die theoretische Philosophie aus, deren Grundlagen dem Alltagsverstand in seinen Augen offenbar nicht in gleicher Weise fragwürdig erscheinen wie die Anfangsgründe der Praxis. In seiner Problemfassung des Zusammenhangs von Weltzustand und Erlaubnis zur Hoffnung knüpft er an die Theodizee an: „Warum ist die Welt mit Ärgerlichem angefüllt? Wie können wir sie verbessern? Wie können wir unserem Leben Sinn und Zweck geben?“

          Bevor Pinker die Fragen beantwortet, wendet er einen kleinen rhetorischen Trick an, der an die listige Gattungspädagogik des Aufklärers Lessing denken lässt: Pinker hält seine Antwort zurück, indem er verschweigt, dass er eine Antwort hat. Er suggeriert zunächst, das Vorhalten von Antworten sei ein Zeichen für naives, wenn nicht gar böses Denken. Um die Antworten, die ihn nicht überzeugen, im Modus der Karikatur präsentieren zu können, bedient er sich des Redekunstgriffs der Personifikation. „Nun, wie unwägbar diese Fragen auch scheinen mögen – viele Leute haben Antworten auf diese Fragen.“ Auch Aufklärer, so erfährt man später, sind Leute, die Antworten haben, aber sie sind angeblich auf anderem Wege zu ihnen gelangt als die zuerst angesprochenen vielen, durch Prüfen von Daten, also durch fortgesetztes, von Regeln geleitetes Fragen.

          Ein Irrläufer?

          An fraglosen Antwortvarianten präsentiert Pinker vier. Bringt man sie auf Begriffe, wie man es in einem wissenschaftlichen Vortrag eigentlich erwarten möchte (als Harnack-Redner wurde Pinker von der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion der MPG nominiert), so handelt es sich um Religion, Ethik, Nationalismus (oder Autoritarismus) und Konservatismus. Aber Pinker verweigert den von ihm verworfenen Positionen sogar die minimale Dignität der terminologischen Bestimmung. Er spricht über die abergläubischen Weltanschauungen von Leuten, die sich die Dinge nach ihrem Gutdünken oder egoistischen Kalkül zurechtlegen. Beispiel Religion: „Die Moral wird von Gott in heiligen Schriften diktiert. Wenn jeder seinen Gesetzen gehorcht, wird die Welt vollkommen sein.“ Das Christentum predigt einen solchen Perfektibilismus nicht. Peinlich, dass so etwas in einem dem Andenken Adolf von Harnacks gewidmeten Vortrag gesagt wird und in der anschließenden Diskussion unwidersprochen bleibt. (Es gibt zwar kein Max-Planck-Institut [MPI] für Theologie, aber als Ersatz des in Göttingen abgewickelten MPI für Geschichte eines „zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften“.)

          Wie unlängst in der Frankfurter Nationalbibliothek fesselt Pinker sein Publikum durch Anschaulichkeit. Dass die Aufklärung (gleich Wissenschaft plus Atheismus) die Welt besser gemacht habe und noch besser machen könne, belegen Schaubilder, auf denen die Kurven des Erfreulichen wie Lebensdauer und Lebensstandard immer nach oben zeigen. Pinker verwahrt sich gegen die Vorhaltung der Historikerin Ute Frevert vom MPI für Bildungsforschung, es gebe nicht genug Daten, um diese aufsteigenden Linien durch die gesamte Geschichte seit 1700 zu ziehen. Tatsächlich gibt er unter den Grafiken immer die Quelle der jeweiligen Statistik an, die man also Bild für Bild nachschlagen müsste.

          Umso auffälliger die eine Folie der Präsentation, die nicht nur ohne Quellenverweise, sondern auch ohne Bildlegenden auskommt. Man könnte sie für einen Irrläufer halten, weil sie nicht in die Serie der Grafiken passt. Den Satz, dass viele Leute Antworten auf die uns alle umtreibenden Sinnfragen haben, illustriert Pinker mit vier Fotos: von Donald Trump mit ausgestrecktem Zeigefinger, von Wladimir Putin am Maschinengewehr, von vermummten Islamisten – und von einer Demonstration der Antifa, erkennbar am Signet mit roter und schwarzer Fahne. Diese apokalyptischen Fußgänger stehen emblematisch nicht nur für den Nationalismus, sondern auch für den Glauben an Gott und die Unterscheidung von Gut und Böse. Mehr muss man über das Weltbild des Aufklärers Steven Pinker nicht wissen.

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