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Vertieftes Lesen : Von der Bleiwüste zur Lesepizza

  • -Aktualisiert am

Bild: Rainer Wohlfahrt

Soll man smartphone-gewöhnten Kindern das Lesen von Literatur bis zur Selbstpreisgabe versüßen? Wie die Schule den Anforderungen des „vertieften Lesens“ ausweicht.

          Wie viele Seiten hat denn das blöde Buch überhaupt?“ Mit dieser Frage macht ein genervter Vater aus dem Elternabend der 9c einen Hexenkessel. Das „blöde“ Buch ist „Onkel Toms Hütte“, von der Klasse nach langer Diskussion als Lektüre ausgewählt. Die Eltern sollen jetzt der Anschaffung zustimmen und erfahren, dass es mehrere Ausgaben gibt, die 200 bis 450 Seiten umfassen und im Internet auch gebraucht schon ab 99 Cent zu haben sind. Das befeuert die Rationalisten: „Wieso soll man 450 Seiten lesen, wenn das Gleiche auch auf 200 Seiten steht und viel billiger ist?“ Außerdem, so manche Eltern, sähen die Kinder sowieso bei Wikipedia nach, worum es gehe: „Glauben Sie, die quälen sich durch den Text?“ Die Lehrerin, noch neu im Beruf und didaktisch extrem unbedarft, stimmt einem Unterricht zu, der mit unterschiedlichen Textmengen und Seitenangaben stracks ins Chaos führt und unter dem Dauervorwurf leidet, die Schüler, die das Buch vor der Auswahl schon gelesen hätten, seien ganz unfair im Vorteil.

          Das Lesen als Last, als allenfalls notwendiges Übel, das es möglichst zu minimieren gilt? Vor allem dann, wenn es nicht um Sachtexte, sondern um sogenannte „schöne Literatur“ geht? Erfahrene Lehrkräfte registrieren schon seit langem ein Nachlassen der Lesemotivation und -praxis bei einem Großteil der Kinder. Das Schmökern als stundenlanges weltentrücktes Versinken in Büchern, die heimliche Karl-May-Lektüre unter der Bettdecke oder das Durchstöbern elterlicher Romane nach pikanten „Stellen“ sind weitgehend verschwundene Verhaltensweisen. Die Leseratte ist auf der Liste aussterbender Arten. Die Kinder verbringen so viel Zeit mit Whatsapp und anderen Segnungen ihrer Smartphones, dass fürs privat-freiwillige Lesen schlichtweg wenig Zeit bleibt. Damit fehlen aber all die methodischen Elemente, die das pflichtgemäß-schulische Lesen eigentlich voraussetzt: Routine, flüssige Informationsaufnahme, ermüdungs- und dadurch kopfschmerzfreier Einsatz der Augen, ein angemessener Wortschatz und die körperliche Spannkraft für eine entspannte Lesehaltung. Untrainierten Kindern sind auch 200 Romanseiten eine schier unüberwindliche Last.

          Die Schule hält dagegen, zum Beispiel mit einer Lesenacht, die mit großem Getöse im Lokalblatt verkündet wird. Verena freut sich: Mit Cola, Chips, Isomatte, Peter Härtlings „Ben liebt Anna“ und dem Smartphone („Aber nur, wenn was ist!“) findet sie sich um 19 Uhr in der Aula ein. Dort gibt es zuerst Abendessen, dann lesen die 26 Kinder reihum je eine Seite vor und diskutieren danach die Frage: „Wie ist es, wenn man einen anderen Menschen liebt?“ Klasseninterne Anspielungen, Giggeln, Gelächter, Ermahnungen der Lehrerin zur Ernsthaftigkeit – Härtlings Erfindung, Sprache und Bilder spielen keine Rolle. Sie sind lediglich Auslöser der Selbstbespiegelung. Die Literatur wird zum Themenlieferanten des sogenannten Lebensbezugs. Derart ihres Sinns entleert, braucht man sie wirklich nicht.

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