https://www.faz.net/-gqz-9bpa1

Vergleichbares Abitur : Poolaufgaben wurden geändert?

Mit Hilfsmitteln aller Art: Rostocker Schüler beim Englisch-Abitur in diesem Frühjahr Bild: ZB

Dass alle Schüler übereinstimmende Prüfungsaufgaben im Abitur bekommen, soll die Noten bundesweit vergleichbar machen – zumindest in der Theorie. In Wirklichkeit liegt das aber noch in weiter Ferne.

          Im hilfsmittelfreien Teil des vierteiligen Mathematik-Abiturs, in dem keine Taschenrechner oder ähnliche Geräte zugelassen waren, hat ausgerechnet Bayern Taschenrechner zugelassen. In Sachsen-Anhalt wurden im Mathe-Abitur Sachverhalte erfragt, die nie im Unterricht behandelt wurden, und in Baden-Württemberg unterzeichneten fast 30 000 Bewohner eine Protestpetition gegen ein Englisch-Abitur, das ihnen zu schwer erschien. Bekannt ist, dass Mecklenburg-Vorpommern im Englisch-Abitur bei derselben Aufgabe aus dem Aufgabenpool ein zweisprachiges Wörterbuch erlaubt, Baden-Württemberg nur ein einsprachiges. Auch für den Zeitrahmen gibt es unterschiedliche Bestimmungen. Der Durchschnitt des Englisch-Abiturs sei jedoch nicht schlechter ausgefallen als in früheren Jahren, versicherte die zuständige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Und in Niedersachsen brachen Unbekannte einen Tresor mit Abituraufgaben auf, so dass die Abiturklausuren im letzten Moment geändert werden mussten. Das ist die Bilanz der diesjährigen Abiture.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          In ihrer jüngsten Sitzung haben die Kultusminister beschlossen, dass die Aufgaben aus dem sogenannten Aufgabenpool vom Jahr 2021 an nicht mehr geändert werden dürfen. Man glaubt im ersten Moment, sich verhört zu haben. Die Poolaufgaben wurden von den Ländern auch noch geändert? „Es gibt keine Norm, wie viele Aufgaben entnommen werden müssen oder können, und es gab auch die Möglichkeit, Aufgaben ,redaktionell anzupassen‘“. Damit sei eigentlich gemeint gewesen, dass Begrifflichkeiten unterschiedlicher Länder angeglichen werden, doch dabei blieb es keineswegs. Einzelne Länder hätten die Aufgaben so stark abgeändert, dass sie kaum noch wiederzuerkennen gewesen seien, sagt Schulsenator Ties Rabe (SPD), dessen Stadtstaat Hamburg die Aufgaben unverändert gelassen hat. Das hat Rabe nicht wenig Protest eingebracht. „Ich will, dass Hamburger Schüler auf Bundesliga-Niveau mitspielen und nicht irgendwann einen Malus bekommen, weil man das Hamburger Abitur nicht ernst nimmt“, sagt Rabe. Deshalb wollte Hamburg die Poolaufgaben auch nicht ändern. Allerdings habe es auch in seinem Stadtstaat erheblichen Druck gegeben, die Aufgaben zu ändern – sowohl von der Öffentlichkeit als auch von der Bildungsadministration selbst. Absurderweise seien es dieselben Prüfer vor Ort, die Abweichungen im Heimatland organisieren wollten, aber auch bundesweit die Aufgaben normiert hätten, berichtet Rabe. Für Minister sei die Annäherung an mehr Vergleichbarkeit mit „vorprogrammiertem Ärger“ verbunden, sagt Rabe. Dennoch gelte es, daran zu arbeiten, möglichst viel Vergleichbarkeit zu erreichen, die von allen in Deutschland gewollt werde.

          Als die Kultusminister im Jahr 2017 den sogenannten Aufgabenpool in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch begründeten, versuchten sie den Eindruck größerer Vergleichbarkeit zu erwecken. Die Bundesländer konnten sich jetzt bei ihren Abiturprüfungen aus einem gemeinsamen Aufgabenpool „bedienen“. Verantwortlich für die Ausarbeitung der Poolaufgaben ist das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität Berlin. Geglaubt haben ihnen das schon damals nur diejenigen, die nicht rechnen konnten. Denn die Kultusministerkonferenz (KMK) kann bisher nur den geringsten Teil der Abiturgesamtwertung beeinflussen. Sie widmete sich nicht dem Problem, dass zwei Drittel der Abiturnoten aus den Leistungen der letzten beiden Schuljahre bestehen und die eigentliche Abschlussprüfung nur ein Drittel der Wertung ausmacht. Hier driften die Anforderungen in den einzelnen Bundesländern weit auseinander. Inwiefern die Länder die Poolaufgaben verändert haben, weiß das IQB, darf es aber nicht sagen, weil die KMK es verhindert.

          Weitere Themen

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Abstimmung bei einer Landesmitgliederversammlung der Grünen in Hamburg im April 2019

          An der Grenze der Möglichkeiten : So viele Grüne wie nie

          Die Grünen stehen derzeit weit oben in der Wählergunst – und das schlägt sich auch in der Mitgliederzahl nieder. Immer mehr Menschen wollen Mitglieder der Partei werden. Doch das bringt die Organisation an ihre Grenzen.

          Nach Eurofighter-Absturz : CDU verteidigt Luftkampfübungen

          Die Bundeswehr müsse dort üben, wo sie im Ernstfall auch eingesetzt wird, sagt CDU-Verteidigungsfachmann Henning Otte. Ein AfD-Abgeordneter macht sich derweil über die Bundeswehr lustig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.