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Hans Blumenberg als Filmheld : Urmensch und Bildkultur

Hans Blumenberg Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Der Philosoph Hans Blumenberg hätte am liebsten ohne Autorenfoto publiziert. Ein Film blättert jetzt sein Familienalbum auf. Gibt das zu denken?

          Beschreibung eines Menschen: „Das ist wirklich ein Grenzgänger, das macht es so spannend, der kann eben wirklich alles.“ So spricht Melanie Möller über Hans Blumenberg. Das Zeugnis wurde von Christoph Rüter für seinen Kinofilm „Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph“ aufgezeichnet. Als „Anreger“ rühmt die Berliner Latinistin den 1996 Verstorbenen. „Mehr kann man von einem Wissenschaftler gar nicht erwarten, als dass er einem Impulse gibt.“ Sie lässt sich anregen, ihrerseits über Grenzen zu gehen, etwa zwischen den Fächern. Ihre Äußerungen über den großen Vorgänger tätigte sie nicht im Vorübergehen, aber sie befand sich in Bewegung: an Ort eines VW-Busses, der zwei Hörer von Blumenbergs Vorlesungen in Münster und einen Blumenberg-Forscher kreuz und quer durch Deutschland transportierte: in die Geburtsstadt Lübeck, nach Marbach, wo die Papiere liegen, und nach München, wo die Tochter Bettina Blumenberg lebt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ein Alleskönner, der es spannend macht, indem er Grenzen überschreitet: So kann man auch das Gattungswesen Mensch bestimmen, das nicht im Wald bleibt, sondern auf die Steppe hinaustritt und dadurch seine Berufung zur Transzendenz zu erkennen gibt; die an den aufrechten Gang anknüpfenden Merkmale sind vertraut aus der philosophischen Anthropologie, die in der Zeit von Blumenbergs wissenschaftlichen Gehversuchen noch einmal eine Blüte erlebte. Wer über Anthropologie doziert, spricht notgedrungen auch von sich selbst, und Blumenberg machte keine Anstalten, das zu verhehlen. Mit einem Mobiltelefon wird Melanie Möller der Mitschnitt einer Vorlesung vorgespielt. Eine hanseatisch helle, präzise artikulierende Stimme handelt über „zwei Eigenschaften des Menschen, ein weit um sich blickendes, aber auch ein weit um sich erblicktes Wesen zu sein, und sich mit all dem zurechtfinden zu müssen, was sich daraus ergibt, auch an Nachteilen“.

          Ein Problem Hans Blumenbergs

          Dorit Krusche, die Bearbeiterin des Marbacher Nachlasses, wies am 14. Juli 2010 hier darauf hin, dass „das Thema der Visibilität“ nicht nur in der postum zusammengestellten, 2006 gedruckten „Beschreibung des Menschen“ begegnet, sondern schon in einem Vortrag, den Blumenberg 1960 vor Postbeamten hielt. In Bargteheide sagte er damals nicht nur: „Der Mensch ist das Wesen, welches Umwege machen darf“, sondern näherhin auch: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nackt sein will. Nacktheit ist direkte Zugänglichkeit; der Mensch will nur auf Umwegen erreichbar sein & erreichen können.“

          Diesem Willen kam die Erfindung von Post und Telefon entgegen. Blumenberg empfing in seinem Haus in Altenberge keine Besucher, jedenfalls keine Bewunderer, aber er beantwortete Briefe und hob das Telefon ab. Im Jahr eines runden Geburtstags war einmal Michael Krüger in der Leitung. Der Hanser-Verleger forderte ihn auf, für ein Sonderheft der „Akzente“ ein Foto zur Verfügung zu stellen. Es solle ihn „nicht am Schreibtisch“ zeigen, „vor einer Bibliothek, vielleicht noch vor einer Goethe-Ausgabe, sondern in der freien Natur, laufend“, sozusagen als Typ Urmensch. „Du liebes Lieschen!“ Krüger schlägt im Film die Hände vors Gesicht und wiederholt die Formel des Erstaunens: „Du liebes Lieschen!“ Die gespielte Gebärde, der zitierte Ausruf: nachgeholte Formen einer Umwegigkeit, die Krüger unvorsichtigerweise unterlassen hatte.

          Eine direkte, wunschgemäße Antwort hatte weiland Aby Warburg erhalten, als er sich an Anna Führing wandte, die für die Germania-Briefmarke der Deutschen Reichspost posiert hatte. „Warburg bekam die Photographie der geschmeichelten Heldenjungfrau in der glücklichsten Stunde ihres Lebens mit eigenhändiger Unterschrift.“ Diesen Satz aus Carl Georg Heises „Erinnerungen an Aby Warburg“ zitierte Blumenberg hier am 28. März 1990. Warburg hatte gespottet, die Allegorie sehe aus „wie eine kostümierte Köchin“, und sah sich triumphal bestätigt, als er herausfand, dass das nach einem Kostümfest im Stil von Hans Makart engagierte Modell im Zivilberuf Hausangestellte gewesen war – für Blumenberg ein Beispiel der Sicherheit im Geschmacksurteil.

          Ein Film muss versuchen, seinen Gegenstand sichtbar zu machen. Dass damit nicht nur ein Problem des Genres bezeichnet ist, sondern ein Problem Hans Blumenbergs, und zwar des Philosophen dieses Namens, versichert im Film die Tochter, die mit einer geläufigen theologischen Metapher laut darüber nachdenkt, ob sie das „Bilderverbot“ des Vaters übertreten dürfe. Sie zeigt Privatfotos herum. Der Bergsteiger Blumenberg, mit Sonnenbrille und offenem Hemd, ist in den Augen Melanie Möllers „der Inbegriff des Coolen“. Tatsächlich hätte sich ein Filmheldenjüngling so ablichten lassen können. Es fehlt aber die eigenhändige Unterschrift.

          Martin Meyer von der „Neuen Zürcher Zeitung“ hält einen Brief in die Kamera, dessen P.S. man lesen kann, wenn man den Film anhält: „Bekam heute die neuesten Fotos vom 94. Geburtstag Jüngers. Das Gesicht hat wieder Methexis an der eigenen Idee hinzugewonnen.“ Methexis ist in der platonischen Philosophie die Teilhabe des Abbilds am Urbild. Schon dem Literaturkritiker Blumenberg missfiel 1950 bei Ernst Jünger die Entwicklung „zu einem immer bestimmteren, subtilen, zuweilen unangenehm raffinierten Platonismus“. Für eine Blumenberg-Marke der Deutschen Post AG liefert Rüters Film kein Motiv.

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