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Universitätsbibliotheken : Ein Buch für alle könnte zu wenig sein

Das Hauptgebäude der Universität bei Nacht Bild: mauritius images

Die Universität Zürich will ihre Fachbibliotheken unter einem Dach zusammenziehen. Der Plan stößt auf heftigen Widerstand. Kritiker sehen eine Bibliothek ohne Bücher heraufziehen.

          Um 1900 hatte der preußische Ministerialdirektor Friedrich Althoff, der damals als heimlicher Kulturminister galt, eine Idee. In einem Schreiben forderte er die preußischen Bibliotheken auf, sich von ihren selten benutzten Büchern zu trennen, die er in einem Schloss in Celle zusammenführen wollte. Der Protest der Bibliotheksleiter gegen den geplanten „Bücherkirchhof“ (so ein Schreiben) fiel so harsch aus, dass Althoff den Plan sofort wieder fallenließ. Für die Bibliothekare war die Auslagerung der Bücher der erste Schritt zu ihrem Niedergang. Das oberste Gebot, so ihr Konsens, ist die Nähe zum Leser.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das macht verständlich, warum der Plan der Universität Zürich, rund zwanzig ihrer vierzig Seminarbibliotheken vor Ort zu schließen und in einer neuen Zentralbibliothek zusammenzuziehen, die Züricher Universitätslandschaft in Wallung bringt. In das neue, für 2025 geplante Lehr- und Lernzentrum soll eine ganze Reihe von Instituten mitsamt ihren Bibliotheken umziehen. Ganz sicher die Ökonomen und Juristen, dazu einige geisteswissenschaftliche Institute, denen es vor dem Umzug graut. Das hat damit zu tun, dass sie dann, wie ein Kantonalsbeschluss vorsieht, die über die Stadt verstreuten Privatvillen verlassen müssen, in denen sie bisher logieren (in Zürich herrscht Wohnungsnot). Vor allem aber liegt es daran, dass die Universität die Gelegenheit zu einer grundlegenden Rationalisierung der heutigen Struktur nutzen will. Durch ein internationales Gutachten hat man sich bestätigen lassen, wie verzettelt und unrentabel diese sei.

          Den Instituten und Fakultäten würde das einen empfindlichen Autonomieverlust über ihre dann einer zentralen Leitung unterstellten Bibliotheken bringen. Manche Kritiker des Projekts sehen in dem geplanten Umzug nur den ersten Schritt zu einer Bibliothek ohne Bücher, wie sie in Bibliothekkreisen modisch ist. Projektleiter und Prorektor Christian Schwarzenegger schwelgt zwar nicht in Hightech-Visionen wie der benachbarte ETH-Bibliotheksdirektor Rafael Ball, der sich die Bibliothek der Zukunft in einem Interview als Rechenzentrum mit Büchern als Ziergegenstand vorstellte. Das neue Zentralinstitut wird aber kaum so groß sein, dass dort alle deportierten Bücher unterkommen. Auch die Zahl der Arbeitsplätze wird vermutlich schrumpfen.

          Eigendynamik der Geisteswissenschaften

          Wie man von anderen Orten (etwa der Berliner FU) weiß, ist die Folge solcher Zentralisierungen fast immer: Werke werden aus ihrem intellektuellen Zusammenhang gerissen, die Fachkundigkeit des Personals nimmt ab, Bücher werden ausgesondert. Auch in Zürich läuft der Umzug auf einen massiven Eingriff in die Bestände hinaus. Nach Darstellung der Opponenten stehen rund zwanzig Prozent der Bücher zur Disposition. Schwarzenegger spricht von der Reduktion um ein Zehntel in Präsenz- und einem Drittel weniger in Ausleihbibliotheken. Auch das wäre ein empfindlicher Einschnitt.

          Nach Darstellung der Universitätsleitung soll die Einsparung nur Zeitschriften, Lexika und Standardwerke betreffen, die in der neuen Struktur mehrfach vorhanden wären. Selten gelesene Bücher sollen auf ein Exemplar reduziert werden. In den Augen der Kritiker zeigt sich schon hieran, wie wenig die Projektplaner von der geisteswissenschaftlichen Arbeitsweise verstehen. Nicht jedes selten verliehene Buch werde in einer Fachbibliothek auch selten gelesen. Es stehe ja vor Ort. Für abwegig hält man die Ansicht, ein ganzes Fach mit einem Exemplar abdecken zu können. Jeder Geisteswissenschaftler wisse, dass die Dynamik der Forschung unabsehbar sei: Autoren werden wiederentdeckt, Interessen verlagern sich, ein Buch, das heute in den Regalen schlummert, kann morgen heiß begehrt sein. Und auch in Zürich wird es schon vorgekommen sein, dass ein Buch von mehreren Personen gleichzeitig nachgefragt wird.

          Herzkammern der Seminare

          Während die Universitätsleitung die Vorläufigkeit der bisherigen Planungen betont, geht es für die Kritiker schon um alles oder nichts. Hätte man erst einmal die Hoheit über Budget und Personal der Fachbibliotheken aus der Hand gegeben, so der Romanist Michele Loporcaro, wäre man gegen jeden weiteren Rationalisierungsschritt machtlos. Loporcaro befürchtet, dass es von vielen Werken langfristig nur noch ein Exemplar geben wird und alle übrigen Leser mit Digitalisaten und Bildschirmlektüre abgespeist würden. Was noch der Vorzugsfall wäre, denn alle ausgesonderten Bücher wird man aus Kostengründen nicht digitalisieren können.

          In schmerzlicher Erinnerung sind Loporcaro die Erfahrungen mit der 2014 errichteten Speicherbibliothek in Büron, einem kleinen Dorf nahe Luzern. In dieses hochtechnisierte Außenlager mussten die Institute auf Weisung der Universität alte Bestände schicken, unter der Androhung, dass sie andernfalls keine neuen Bücher mehr bekämen. Mehrfach vorhandene Titel wurden bei der Verlagerung bis auf ein Exemplar eingestampft. Der Zugang zu den Büchern verzögerte sich erheblich. Laut den Leitlinien der Universität, die der F.A.Z. vorliegen, soll die Speicherbibliothek auch bei dem geplanten Umzug eine Rolle spielen.

          Würden die Pläne wahr, verlören die Züricher Fakultäten nicht nur einen Teil ihrer Bücher, ihrer Autonomie und ihres Flairs, sondern auch ihre Herzkammer. Eine Fachbibliothek ist die intellektuelle und soziale Schaltzentrale eines Instituts. Bisher, so Loporcaro, sei es nicht gelungen, den Planern klarzumachen, dass ein geisteswissenschaftliches Seminar ohne Bibliothek so unvollständig wie ein naturwissenschaftliches Institut ohne Labor sei. Deutsche Universitäten werden die Züricher Vorgänge aufmerksam verfolgen. Manche von ihnen haben die Zentralisierung von Fachbibliotheken schon vollzogen, anderen steht sie bevor.

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