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Die Urgeschichte der Trolle : Unhold vergeht nicht

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Verwundete Trolle sind die schlimmsten: eine prägende Darstellung von Theodor Kittelsen aus dem Jahr 1890. Bild: Picture-Alliance

Die Geschichte der Trolle reicht von der nordischen Mythologie bis zu querulatorischen Tendenzen im Internet. Rudolf Simek hat ihre Entwicklung untersucht und einige kuriose Umschwünge entdeckt.

          „Hafa þik tröll!“ – etwa: „Dass Dich die Trolle holen!“ – war in ganz Skandinavien (naturgemäß mit sprachlichen Unterschieden von Isländisch bis Dänisch) als ziemlich üble Verfluchung durchaus noch im neunzehnten Jahrhundert gang und gäbe. Im deutschen Sprachraum hätte man mit dem Wort „Troll“ vor zirka 1880 oder gar 1900 nicht wirklich viel anfangen können, legte Rudolf Simek, österreichischer Philologe, Germanist und Skandinavist aus Eisenstadt, seit 1995 Professor für Ältere Germanistik unter Einschluss des Nordischen an der Universität Bonn, unlängst in einem Vortrag im Wiener Volkskundemuseum dar. Er hat ein Buch zum Thema geschrieben: „Trolle – Ihre Geschichte von der nordischen Mythologie bis zum Internet“, erschienen bei Böhlau. Vor 1900 oder 1880 hätte man das Geschimpfe wohl mit „Dich soll der Teufel holen!“ oder Ähnlichem wiedergegeben. Ernsthaftigkeit und Bedrohlichkeit beider Fluchformeln nahmen übrigens seither im gleichen Ausmaß in beiden Sprachräumen ab.

          Was für einer also ist so ein Troll eigentlich? Eine genaue Definition fällt selbst dem Mythologiespezialisten Simek schwer, ist nahezu unmöglich, wie er offen zugibt. Das Bild vom Troll, das heute wohl am verbreitetsten ist – von riesenhaftem Wuchs, der Schädel fast ein Drittel des ganzen Kerls (oder auch der Trollfrau!), dazu eine große Knubbelnase, große Ohren, dümmlicher Blick, gerne auch mit Moos oder gar mit Bäumen bewachsen, meist allergisch gegen Sonnenlicht, ist erst entstanden mit der Geschichtensammeltätigkeit im skandinavischen Raum, die mit derjenigen der Brüder Grimm vergleichbar ist und um 1840 einsetzte. Simek führt dieses vor allem in Island, Norwegen und Schweden nach wie vor volkstümliche Phantombild hauptsächlich auf die Illustratoren Theodor Kittelsen (1857 bis 1914, Norweger) und John Bauer (1882 bis 1918, Schwede) zurück.

          In den mittelalterlichen Erzählungen – in der Skandinavistik unterscheidet man mangels Materials nicht so leicht wie in der Germanistik zwischen Sage und (Volks-)Märchen –, in welchen man der ersten aufgezeichneten Trolle habhaft werden kann, die wohl im späten neunten oder frühen zehnten Jahrhundert, also noch während der sogenannten Wikingerzeit, entstanden, sind genauere Beschreibungen quasi nicht vorhanden. Trolle in ihrer ersten Erscheinungsform standen jedenfalls mit den Riesen (jötunn, daraus norwegisch Jotun und schwedisch Jätte) in enger Beziehung. Die genaue Verwandtschaft ist freilich nicht geklärt. Beide waren Wesen der nordischen Schöpfungsmythen, den griechischen Titanen nicht unähnlich. Allerdings weder göttlichen noch unterirdischen Ursprungs, hatten sie bisweilen mehrere Köpfe, waren unförmig fett oder sonstwie missgestaltet, wobei weibliche Trolle auch als verführerisch, manchmal gar als schön bezeichnet wurden.

          Interessanterweise machten auch die hoch- und spätmittelalterlichen Aufzeichnungen skandinavischer (christlicher) Gelehrter wie etwa Snorri Sturluson oder Olaus Magnus (in seiner „Historia de gentibus septentrionalibus“ kommen Trolle vor, die wir heute eher als Zwerge verstehen würden, da sie in Schächten und Minen ihr Unwesen treiben) sie nicht einfach zu Dämonen. Andererseits wurde das Wort „Troll“ selbst in älteren Schriften schon synonym mit den Namen anderer Gestalten, etwa der untoten Bewohner von Grabhügeln, Draugr, gebraucht.

          Ein spannendes Forschungsfeld. Simek will aber nicht verhehlen, dass er mit heutigen Entwicklungen im Trollwesen unzufrieden ist. Er beklagt eine Verniedlichung, die er erstaunlicherweise mit den Mumintrollen der finnlandschwedischen Kinderbuchautorin Tove Jansson beginnen lässt. Vollends abstoßend findet er die nackten Püppchen mit neonfarbenen Wuschelhaaren aus den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Da sind ihm fast die Internet- und Patenttrolle lieber, bewahren diese doch durchaus den bedrohlichen Aspekt der mittelalterlichen Unholde. Den Namen der Störenfriede der „sozialen“ Medien bringt er deswegen, was überzeugender ist als manche alternative Erklärung aus dem Internet selbst, unbedingt mit den altnordischen Trollen in Verbindung.

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