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Übersetzungsprobleme : Lernen von Schimanski

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Gibt es sprachgrenzenlose Solidarität? Das Wort „border“ bedeutet nicht einfach dasselbe wie „Grenze“. Bild: EPA

Bleiben in deutschen Texten englische Wörter stehen, bedeuten sie etwas anderes. Lektionen eines norwegischen Übersetzers.

          Grenze, Granica, hranica ist ein slawisches Wort. Ganz beiläufig weist Johan Schimanski darauf hin, inzwischen Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Oslo, nach Jahren an der Universität der Arktis in Tromsø. Wenn mir seine Texte nicht beim Übersetzen begegnet wären, wüsste ich das nicht.

          Mit Grenzen befasst Schimanski sich seit gut zwanzig Jahren. Er ist Norweger, zitiert Literatur aus Skandinavien, Wales, Südafrika, Frankreich, Österreich, wenn er darf im Original. Denn dass Übersetzungen als Beleg nicht ausreichen, weiß er aus eigener Spracherfahrung. Schreibt er auf Englisch, geschieht dies vor einem vielsprachigen Hintergrund, in dem jede Sprache den eigenen Wert behält. Nicht dass er beansprucht, außergewöhnliche Dinge zu sagen; den Bereich des akademisch Zulässigen verlässt er nicht. Aber was er sagt, hat einen Bezug zum Leben, der Kulturwissenschaftlern oft fehlt.

          Ein Wort wie Grenze gibt es im Englischen nicht, dort wird das Wort border verwendet; von border leiten sich andere Begriffe ab; auch sie müssen übersetzt werden, um einem Autor gerecht zu werden, der von einer vielsprachigen Wirklichkeit her schreibt. Die englischen Begriffe können nicht einfach stehenbleiben. Das ist vor allem auch eine Stilfrage, also eine Frage des Umgangs mit der Leserin, wie Schimanski höflich sagt.

          Eine höhere ideologische Aufladung

          Englische Wissenschaftstexte, die womöglich auch noch gut geschrieben sind, bauen kaum Barrieren vor der Leserin auf. Deutsche Texte tun dies regelmäßig. Durchsetzt mit englischsprachigen Begriffen, lesen sich kulturwissenschaftliche Texte im Deutschen ganz anders als im Englischen, wo sie auf den Wortschatz der Allgemeinsprache statt auf eine aus der Nichtübersetzung von Begriffen entstandene Fachterminologie zurückgreifen. Was im Englischen noch der Allgemeinsprache angehört, verwandelt sich im Deutschen zum nicht auf Anhieb verstandenen Fachbegriff. Dessen Verständnis schiebt die Leserin auf, dies umso eher, wenn er als MacGuffin aufgefasst wird, also gar keinen Sinn mehr braucht, um zu wirken. So entsteht, was Kulturwissenschaftler brennend interessieren sollte, ein stilistisch und semantisch neuer, wenn auch nicht besserer Text. Auch im Englischen freilich gibt es MacGuffins in Gestalt von Fremdworten wie categorical oder epistemological, die keinen anderen Sinn mehr haben, als Sinn anzudeuten.

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          Bei Johan Schimanski und in der Literatur, die er zitiert, spielen die von border abgeleiteten Begriffe bordering und borderscape eine wichtige Rolle. Bordering. Die Verlaufsform erlaubt im Englischen einen sprachlichen Schlenker, der im Deutschen nicht genauso einfach gelingt. Bleibt der Begriff unübersetzt, dann muss auch border stehenbleiben, das unbestreitbar Grenze heißt. Dabei gibt es im Deutschen eine Freiheit, Worte zu bilden, die dem Englischen nicht nachsteht. Zur Grenze lässt sich daher, als längst in Ableitungen wie Begrenzung, Abgrenzung, Ausgrenzung, Entgrenzung eingeführter Begriff, die Grenzung bilden, der wandernde Schatten, den die Grenze wirft. Das Wort versteht jeder, ohne es nachzuschlagen, ebenso unmittelbar wie bordering im Englischen.

          Grenzung. Wer in England O’Malley, in Deutschland Holländer oder in Norwegen Schimanski heißt, der erlebt die Grenzung ständig am eigenen Leib. Das ist indes noch nicht alles. Denn das Englische erlaubt auch eine wesentlich vertracktere Bildung zusammengesetzter Worte als das Deutsche, das für seine Zusammengesetztheit berühmt ist. Im Englischen gibt es so das deutsche Wort Landschaft als landscape auch, aber dort mutiert es, da die Endung -scape als eigenständiges Wort gedeutet werden darf, zu townscape, ethnoscape, technospace, mediascape, borderscape – letzteres meint eine Grenzumgebung ohne festen Umriss, der sich je nach Perspektive ändern kann.

          Grenze, Grenzung, Grenzumgebung. Mit diesen Begriffen lässt sich der Intention des englischsprachigen Autors im Deutschen gerecht werden, der es auf ein flüssiges Textverständnis anlegt, wie es ihm der fortlaufende Rückgriff auf die Allgemeinsprache erlaubt. Allerdings hat höhere Unlesbarkeit auch im englischsprachigen Akademikerhaushalt einen sorgsam gepflegten Platz. Johan Schimanski lässt sich das aber nicht nachsagen. Seine Texte haben, wie gesagt, den Bezug zum Leben nicht verloren. Auch bei ihm allerdings zeigt sich ein nicht lösbares Problem, das mit den Begriffen gender und gendering verbunden ist.

          Mit Geschlecht und Geschlechtszuweisung sind diese Begriffe leicht zu übersetzen, aber um den Preis eines damit geweckten Misstrauens. Denn gender und gendering erfahren mit ihrer Nichtübersetzung im Deutschen eine höhere ideologische Aufladung als im Englischen. Wer also deutsche statt der ideologisch aufgeladenen englischen Begriffe verwendet, trifft zwar eine Entscheidung für einen unmittelbar verständlichen Text, der aber nicht mehr als wissenschaftlich gilt. Insofern sind die deutschen Kulturwissenschaften ein genderscape ganz besonderer Art, eine seltsame Landschaft, die analog zu Wildnis und Gedächtnis vielleicht Geschlechtnis heißen könnte. Auf vielsprachige Beobachter wie den Professor aus Oslo muss diese Landschaft nicht selten recht sonderbar wirken. Der Begriff genderscape jedenfalls ist längst eingeführt.

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