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TU Dortmund : Diversität als Monolog und Herrschaftsinstrument

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Bild: Picture-Alliance

Chronik einer Demontage: Die Rektorin der TU Dortmund schafft die Institute für Sprach- und Literaturwissenschaft mit einem Federstrich ab.

          Das Institut für deutsche Sprache und Literatur der TU Dortmund hatte einen guten Ruf: Seine Studien zum Wandel der Sprache im digitalen Zeitalter oder zur Mehrsprachigkeit haben die germanistische Forschung ein gutes Stück vorangebracht. Vor einigen Jahren hatte sich das Institut zudem ein Forschungsprofil gegeben, das unter dem Titel „Differenz und Variation“ eine enge Kooperation zwischen Sprach- und Literaturwissenschaftlern vorsah. Von DFG-Gutachtern wurde dieser Verbund als Alleinstellungsmerkmal der Dortmunder Germanistik gelobt.

          Doch das Institut für deutsche Sprache und Literatur existiert seit mehreren Wochen nicht mehr. Es wurde am 4. April von der Rektorin, Ursula Gather, aufgelöst. Dasselbe Schicksal ereilte das Institut für Anglistik und Amerikanistik. Die Rektorin hatte ihre Aktion mit dem Dekan der Fakultät, Gerold Sedlmayr, abgestimmt, der als Anglist somit bei der Beseitigung seines eigenen Instituts mitwirkte. Die Internetpräsenz der Institute wurde abgeschaltet, alles, was auf die Institute verwies – Stempel, Formulare, E-Mail-Signaturen –, durfte ab sofort nicht mehr verwendet werden.

          Organisatorisch existieren beide Fächer in Dortmund nur noch als Ansammlungen von Lehrstühlen. Damit gibt es an der Fakultät Kulturwissenschaften nur noch das Institut für Journalistik, denn auch das Institut für Geschichtswissenschaft wird abgewickelt, wenn der letzte verbliebene Lehrstuhlinhaber in Kürze in den Ruhestand geht.

          Chronik einer Demontage

          Die Gründe für die Auflösung des germanistischen und des anglistischen Instituts, die das Rektorat auf Anfrage nennt, sind vage und unklar: Danach war die „Handlungsfähigkeit“ der Fakultät durch eine zu komplexe und kleinteilige Gliederung in Institute und Lehrstühle „eingeschränkt“. Das habe „viele Probleme“ verursacht und studentische Beschwerden ausgelöst. Stutzig macht allerdings, dass die Institute jahrzehntelang existiert haben, ohne dass solche „Probleme“ aufgetaucht wären. Der beruhigend gemeinte Hinweis des Rektorats, dass es keine rechtliche Notwendigkeit für die Existenz von Instituten gebe, kann die Drastik dieses Eingriffs nicht verschleiern.

          Wer bei den Dozenten und Mitarbeitern der ehemaligen Institute nachfragt, stößt auf eine Atmosphäre der Einschüchterung. Das Rektorat droht jedem mit juristischen Schritten, der sich ohne Abstimmung mit der Pressestelle äußert. Zitieren lässt sich deshalb niemand, Fragen werden nur nach der Zusicherung von Vertraulichkeit und von außerhalb der Diensträume beantwortet.

          Aussagen und Dokumente, die dieser Zeitung vorliegen, fügen sich zur Chronik einer Demontage. Ihren Anfang nimmt sie 2017, als die Literaturwissenschaftlerin Gudrun Marci-Boehncke geschäftsführende Direktorin des Instituts für deutsche Sprache und Literatur ist. Mit zwei Kolleginnen, der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Nieberle und der Linguistin Barbara Mertins, hat sie nicht nur gemeinsame Forschungsinteressen im Bereich Diversität. Die drei Professorinnen versuchen auch, die Aufgabenbereiche und die Personalstruktur des Mittelbaus zugunsten ihrer Lehrstühle zu verändern. Das scheitert am Widerstand im Institut und am Personalrat.

          Von oben nach unten

          Zum Bruch kommt es am 4. Juli 2018: Bei einer Institutskonferenz erklären die drei Professorinnen ihren sofortigen Austritt aus ebendiesem Institut. Zugleich verkünden sie ihre Absicht, ein „Institut für Diversitätsstudien in Kognition, Literatur, Sprache und Medien“ zu gründen, das gleichrangig neben den anderen Instituten der Fakultät stehen soll. Am selben Tag schließen sie sich zu einer Arbeitsgemeinschaft gleichen Namens zusammen, die eine Vorstufe des künftigen Instituts bilden soll.

          Eine organisatorische oder wissenschaftliche Notwendigkeit für ein eigenes Institut für Diversitätsforschung gibt es nicht. Diversität, Gender und Inklusion müssen als Inhalte in der Dortmunder Germanistik nicht erst etabliert werden, Themen wie inklusiver Sprachunterricht oder inter- und transkulturelle Literatur sind dort seit langem Bestandteil von Forschung und Lehre. Auch um enger zu kooperieren, müssen die drei Professorinnen kein eigenes Institut errichten. Trotzdem können sie sich auf die Unterstützung des Rektorats berufen.

          Gute Kontakte bestehen nicht nur zu Ursula Gather, sondern auch zur Prorektorin für Diversitätsmanagement, Barbara Welzel, mit der Sigrid Nieberle in universitären Veranstaltungen und Projekten zusammenarbeitet. Barbara Welzel vertritt die Ansicht, dass Veränderungen in der Universität vor allem von oben nach unten durchgesetzt werden müssen. In einem Aufsatz zum „Veränderungsmanagement“ an Universitäten macht sie als Problem aus, dass Wissenschaftler angesichts solcher Maßnahmen „zu Widerstand neigen“, zumal sie „über ein erhebliches Maß an Unabhängigkeit“ verfügen und der „Norm der akademischen Freiheit“ anhängen.

          Klagen bei der Beschwerdestelle der Universität

          Um ihre Ziele durchzusetzen, sollte die Hochschulleitung Netzwerke aus passenden Akteuren knüpfen, „Lenkungsgruppen“ aus neu berufenen Professoren bilden und diese Agenten des Wandels mit „Incentives“ motivieren. Die Ereignisse in Dortmund sind eine Illustration dieses Verschnitts aus System- und Managementtheorie.

          Für das germanistische und das anglistische Institut beginnt das Endspiel im Januar 2019, als Sigrid Nieberle im Namen der Arbeitsgemeinschaft beim Rektorat die Errichtung des Instituts für Diversitätsstudien beantragt. Das Rektorat stimmt zu, möchte das Vorhaben aber von der Fakultät bestätigen lassen. Am 23. Januar steht die beantragte Institutsgründung auf der Tagesordnung der Sitzung des Fakultätsrats, dem zwei der AG-Professorinnen angehören. Die Mehrheit der Mitglieder begrüßt die Inhalte der geplanten Diversitätsforschung, äußert sich aber kritisch zur Gründung eines eigenen Instituts. Sie sieht angesichts des günstigen institutionellen Umfeldes keine Notwendigkeit dafür, befürchtet stattdessen eine Auflösung der Germanistik und eine Gefährdung der Deutschlehrerausbildung.

          Diese Bedenken sind berechtigt: Zwar bekunden die drei Professorinnen ihre Absicht, die Studierfähigkeit des Fachs weiterhin zu gewährleisten. Doch seit ihrem Austritt aus dem germanistischen Institut hat sich gezeigt, dass die Praxis anders aussieht. Da sie sich nicht mehr am gemeinsamen Institutsmanagement beteiligen, sondern für die Zulassung zu ihren Lehrveranstaltungen eigene Regeln definieren, geraten Studenten immer wieder in schwierige Situationen und beklagen sich bei der Beschwerdestelle der Universität.

          Ärger und Verunsicherung

          Als die Professorinnen von Mitgliedern des Fakultätsrates nach den Gründen ihres Austritts gefragt werden, bleiben sie im Allgemeinen. Sie sprechen von mangelnder Wertschätzung seitens ehemaliger Institutskollegen und von einer fehlenden Vertrauensbasis. Um welche konkreten Vorwürfe es geht, ist nach wie vor offen: Auch Nachfragen dieser Zeitung blieben unbeantwortet.

          Die Fakultätsratssitzung jedenfalls läuft nicht gut für Nieberle, Mertins und Marci-Boehncke. Die Gründung des Instituts wird mit elf Nein- gegenüber zwei Ja-Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. In den folgenden Wochen versucht der Dekan in Gesprächen mit Mitgliedern der Fakultät auszuloten, unter welchen Bedingungen es doch noch eine Zustimmung zu einer Institutsgründung geben könnte. Doch die Bedenken bleiben.

          Mittlerweile gibt es Veränderungen in der AG für Diversitätsforschung. Eine vierte Germanistikprofessorin, die dort zwischenzeitlich Mitglied war, verlässt die AG wieder. Dafür tritt eine Anglistikprofessorin ein, die zuvor ihr altes Institut verlassen hat. Das wird dem Rektorat den Anlass bieten, neben dem Institut für Germanistik auch das Institut für Anglistik und Amerikanistik aufzulösen, obwohl es dort keine vergleichbaren Verwerfungen gegeben hat.

          Am 4. April ist es dann so weit: Ursula Gather beendet die Existenz der Institute mit der Begründung, „außergewöhnliche Konflikte“ und Beeinträchtigungen des Lehr- und Prüfungsbetriebs hätten diesen Schritt unabdingbar gemacht. Was sie nicht erwähnt, ist, dass die vom Rektorat unterstützten Aktionen der AG für Diversitätsforschung diese Situation erst geschaffen haben.

          Falls diese Unterstützung machtpolitisch motiviert war, hat sie sich ausgezahlt: Die Aufspaltung der Institute in einzelne Lehrstühle bedeutet eine Schwächung der Fakultät gegenüber der Hochschulleitung. Sie erschwert zugleich den Lehr- und Prüfungsbetrieb innerhalb der Fächer, da sich jetzt die einzelnen Lehrstühle untereinander abstimmen müssen. Das immerhin funktioniert nach Angaben des Fachschaftsrates Germanistik inzwischen leidlich, nachdem in den vergangenen Monaten ausfallende oder überbuchte Lehrveranstaltungen und kurzfristig veränderte Lehrformate zu Ärger und Verunsicherung unter den Studenten führten.

          Wie es an der Dortmunder Fakultät Kulturwissenschaften weitergehen wird, ist unklar. Die Rektorin empfiehlt ein einjähriges Moratorium. In dieser Zeit soll die Fakultät „neue Binnenstrukturen“ entwickeln. Welche das sein könnten, darüber lässt sich momentan nur spekulieren.

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