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Zum Tod von Gérard Genette : Theorie der Handtasche

Gérard Genette, 1930 bis 2018 Bild: Getty

Er liebte die Worte, die Literatur und die Unordnung. Generationen von Studenten wurden von ihm inspiriert. Über seine eigene Erzähltheorie machte sich Gérard Genette in späten Jahren lustig.

          In den Feuilletons war es um Gérard Genette etwas stiller geworden. Generationen von Studenten aber hatten ihn kultisch verehrt wie Roland Barthes, den weltberühmten Kollegen. Beide betrieben die Literaturwissenschaft mit neuen Ansätzen und waren schöpferisch wie die Schriftsteller selbst. Gemeinsam war ihnen der Hang zu Systemen und Ideologien. Doch im Gegensatz zu Barthes verfügte Genette über viel Selbstironie und Humor. Die „Narratologie“, die er als Disziplin der Literaturwissenschaft pflegte und deren Name auf Tzvetan Todorov zurückgeht, definierte er 2006 in „Bardadrac“ als „schädliche Pseudowissenschaft, deren Jargon eine Generation von Analphabeten angewidert und von der Literatur abgebracht hat“.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Ganz so locker hat Genette den Umgang mit ihr nicht immer genommen. Dem Sohn eines Textilarbeiters war seine Zukunft in der Literaturtheorie nicht an der Wiege gesungen worden. 1951 schaffte er die Aufnahmeprüfung an die Ecole Normale Supérieure, die er zur selben Zeit wie Jacques Derrida besuchte. 1956 verließ der authentische Proletarier die Kommunistische Partei. Noch vor dem Mai 68 gründete er zusammen mit Hélène Cixous und Todorov die Zeitschrift „Poétique“, zu der eine Buchreihe hinzukam, die ähnlich einflussreich wie „Tel Quel“ wurde. Seine eigenen Essays veröffentlichte Genette unter dem Titel „Figures“, deren Bände er fortlaufend numerierte.

          Sympathie für den Anarchivisten

          Die „Narratologie“ analysiert die Technik des Erzählens und die Strukturen der Erzählung. Sie erschließt den Sinn. Es geht um Zeichen und Systeme: In der Epoche der Strukturalisten und Semiologen wurde Gérard Genette zum Papst der Literaturtheorie, deren Jünger sie für ziemlich unfehlbar hielten und die eine gesellschaftspolitische Bedeutung erlangte, die sie wieder verloren hat. Ihr Erfolg ging auch auf Kosten der Schriftsteller, die von ihren Kritikern verdrängt wurden.

          Genettes wichtigstes Buch – und ein Meisterwerk der „Narratologie“ – bleibt „Figures III“, in dem er sich mit Marcel Proust beschäftigt. Selbst diesen Klassiker und den eigenen Umgang mit ihm hat er nicht von seinem späten Spott verschont. Als „Bardadrac“ bezeichnete eine teure Freundin den Inhalt ihrer Handtasche. Genette, der die Worte, die Literatur und die Unordnung liebte, befasst sich darin mit solchen sprachlichen Fehlleistungen und Schöpfungen. Auch den „Anarchivisten“ mochte er. Das Lob der „Kokotte auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ stimmt er unter dem Titel „Proustitution“ an. Bis zuletzt frönte er seiner „libido nominandi“, der Essay „Postscript“ erschien 2016. Ende vergangener Woche starb Gérard Genette im Alter von 87 Jahren.

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