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Provenienzforschung : Ist das Kunst, oder muss das wieder weg?

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In der Diskussion um die Moral und Politik von Provenienzen ist die akademische Welt gegenüber den Kulturinstitutionen im Vorteil. Sie ist nicht im verwaltungsrechtlichen Sinn für die erforschten Objekte zuständig, kann also frei über den Umgang mit diesen reflektieren und weitreichende Forderungen stellen. Die Öffentlichkeit als Adressat dieser Überlegungen sollte aber im eigenen Interesse bedenken, dass die behördenmäßig verfassten Institutionen der Erbepflege Rechtspflichten haben, die kulturwissenschaftliche Kontextualisierung nicht ad hoc einschränken kann. So dürfen staatliche Museen ihr Eigentum nicht ohne entsprechende Rechtsgrundlage herausgeben – und zwar ganz unabhängig vom guten Willen der Akteure vor Ort.

In Savoys Positionspapier zu ihrem Leibniz-Projekt-Cluster ist der neutrale Kernbegriff „translocations“ von wertenden Vokabeln umrahmt: Ungleichheit wird a priori vorausgesetzt. Angesichts stets asymmetrischer Machtverhältnisse soll ein Teilprojekt die Identifikation mit den „source communities“ suchen und die „Perspektive der Enteigneten“ einnehmen. Die translozierten Gegenstände wiederum, die selbst kein Heimweh kennen, firmieren – subtil vermenschlicht – als „displaced objects“.

Die Analogie zu „displaced persons“ scheint auf den ersten Blick überzeugend, doch wollten viele der im Zweiten Weltkrieg aus ihren Herkunftsländern verschleppten Zivilisten nicht mehr repatriiert werden, sondern strebten die Einbürgerung im Westen an oder suchten Wege nach Palästina. Der afrikanische Postkolonialismus-Forscher Achille Mbembe forderte jüngst auf einer Hamburger Tagung dazu auf, die der Restitutionsdebatte zugrundeliegenden Konzepte von Heimat und Eigentum zu überdenken. Weder die Migration der Menschen noch die der Objekte lässt sich umkehren. Puristische Entflechtung ist nicht die Antwort auf die Dynamiken der Globalisierung.

Die Diskussion über die zwischen 1909 und 1913 aus Deutsch-Ostafrika nach Berlin gelangten Dinosaurierknochen erlebte neulich eine unerwartete Wende. Der Außenminister von Tansania, Augustine Mahiga, lobte die deutschen Anstrengungen zur Erhaltung und Präsentation des Skelettes des Brachiosaurus im Naturkundemuseum. Statt eine Restitution zu fordern, plädierte er für zukunftsgerichtete Formen der Zusammenarbeit. Denn letztlich gehörten die strittigen Fossilien weder Tansania noch der Bundesrepublik, sondern der Menschheit.

Um dem materiellen Kulturerbe gerecht zu werden, ist es notwendig, die Auseinandersetzung mit dem sinnlich-ästhetischen Wert und dem ursprünglichen Gebrauchszusammenhang um die verfügbaren Provenienzangaben zu ergänzen. Viele Museen haben das längst erkannt. Auf der Homepage der Porzellansammlung im Topkapi-Palast in Istanbul findet sich der freimütige Hinweis, dass man bei vielen Spitzenstücken aus China schlicht nicht mehr sagen kann, ob sie als diplomatische Geschenke oder als Kriegsbeute an den Hof des Sultans gekommen sind.

Bei alldem sollte nicht unter den Tisch fallen, wie sehr die territoriale Streuung des Kulturerbes zur Bildung und zum gegenseitigen Verständnis der Menschen beiträgt. Zu Recht weist Savoy darauf hin, dass die von der Roten Armee 1945 abtransportierten Alten Meister aus deutschen Sammlungen heute in russischen Provinzmuseen hängen, wo sie „ganzen Schulklassen sinnliche Begegnungen mit westeuropäischer Kunst ermöglichen“.

In gleicher Weise müsste das für eine Berliner Kindheit, die einst in Dahlem gezeigten Südseeschiffe und die Nofretete gelten.

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