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Theorieübersetzung : Ist das Deutsch, oder kann das weg?

  • -Aktualisiert am

Im Zentrum vieler Vorträge: Jacques Lacan Bild: Picture-Alliance

Eselsbrückenbauer unter sich: Eine Tagung zum Übersetzen von Theorie wirft die Frage auf, ob letztere durch einen Sprachwechsel sogar an Klarheit gewinnen kann?

          Eine Frage, die man auf dieser Tagung gut hätte stellen können, lautet: Warum sind eigentlich so viele Theoretiker auch Übersetzer von Theorie, warum betreibt häufig Theorie, wer Theorien aus der einen Sprache in eine andere übersetzt? Diesen Eindruck drängt jedenfalls die Liste derjenigen auf, die auf Einladung des Literaturwissenschaftlers Wolfgang Hottner unter dem Titel „Theorieübersetzungsgeschichte“ am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin sprachen. Die Geschichte des Instituts ist selbst ein gutes Beispiel für das Zusammengehen von Theorie und Übersetzung. Viele Übersetzer französischer Philosophie ins Deutsche studierten hier Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie brachten, so Hottner in seiner Einführung, das „poststrukturalistische Programm überhaupt erst ins Spiel“ und begründeten mit den bei Suhrkamp, S. Fischer, Merve und Co. veröffentlichten Bänden unseren Theoriekanon. Wenn, wie die Ankündigung der Tagung vorschlug, Theorie eng mit ihren Übersetzungen verbunden und damit die Geschichte der Theorie auch eine ihrer Übersetzungen ist, sollten daraus Einsichten zu gewinnen sein in das, was Theorie war und sein kann.

          Unter den anwesenden Theoretikern waren kaum drei, die nicht selbst Texte übersetzt hätten, unter den Übersetzern keiner, dessen Vortrag nicht höheren theoretischen Ansprüchen genügt hätte. Einige allgemeine Gedanken zum Thema: Theorie ist auf Übersetzungen bezogen, weil sie sich auf andere Theorien bezieht und selbst Arbeit an Sprache ist. Sie ist außerdem ein genuin internationales Phänomen. Umgekehrt setzt Übersetzen mindestens ein Verständnis von Sprache voraus, bedarf also einer, sei es implizit bleibenden, theoretischen Einstellung zur Sprache. Ich jedenfalls fühlte mich zwischenzeitlich wie in einem großen Übersetzungsworkshop: Da wurden stirnrunzelnd Nachfragen zu einzelnen Passagen gestellt. Man führte besonders gelungene oder misslungene Übersetzungen vor und besprach sie nicht zuletzt auf die Frage hin, was überhaupt eine gelungene oder nichtgelungene Übersetzung sei.

          Es kam der schöne Gedanke auf, die Spezifik von Theorie sei es, durch ihre Übersetzung zu gewinnen statt zu verlieren. Unübersetzbarkeiten, die Schwierigkeiten der Rückübersetzung von Zitaten, überhaupt „heikle Stellen“ erwiesen sich als Motoren des Übersetzens. Das war von einem für den Nicht-Übersetzer und Nicht-Theoretiker spröden Charme, zumal viele der Anwesenden sich kannten und auf die gleichen Referenzen verwiesen. Es ging um Treue oder „Unverfrorenheit“ (Johannes Kleinbeck), um die Frage, ob nicht die Verve beim Übersetzen die größte Treue gegenüber – ja, wem eigentlich darstellt? Als Esther von der Osten, Übersetzerin von Hélène Cixous, fragte, wie man einen (absichtlichen) Fehler übersetze, wurde überall genickt – die Frage leuchtete hier offensichtlich jedem und jeder ein.

          Gekaperter Diskurs

          Dass Jacques Lacan und Jacques Derrida im Zentrum viele Vorträge standen, konnte nicht überraschen: Lassen sich doch sowohl die lacansche Psychoanalyse als auch die Dekonstruktion als fortgesetzte Theoretisierungen des Gedankens verstehen, dass an der Stelle des Ursprungs immer schon die Übersetzung (und deren, it has to be said, Unmöglichkeit) stehe. Beide Autoren haben wichtige Beiträge zur Theoretisierung der Übersetzung vorgelegt. Das heißt allerdings auch, dass eine Übersetzungstheorie mit Bezug auf sie nicht neu ist. In der postkolonialen Theorie erfuhr das Thema eine Aufwertung und Politisierung. Die Tagung konnte diesen Diskussionen neue Nuancen abgewinnen, indem etwa Alexander García Düttmann im Unterschied zu postkolonialen Aneignungen von Derridas Philosophie mit ihrer Betonung von Kontamination und Hybridität das bei diesem Denker ebenfalls vorhandene Begehren nach einer Reinheit der Sprache akzentuierte.

          Was bedeutet es, Texte zu übersetzen, die schon einmal übersetzt wurden, wie verhält man sich zu Übersetzungstraditionen und Rezeptionskontexten? Wie steht es um das in Theorieübersetzungen so beliebte Stehenlassen originalsprachlicher Begriffe, wenn dieses Stehenlassen selbst schon zu einer Gewohnheit geronnen ist? Im Bestehen auf diesen Fragen, aber auch im Widersprechen, in ihrem Aufrufen und dann doch Übergehen – jetzt würde ich es anders übersetzen, aber ich sage mir, dass es vielleicht auch nichts macht – zeichnete sich vielleicht auch die historische Situiertheit der Tagung selbst ab. Einige Jahrzehnte entfernt vom Theoriekult in den Geisteswissenschaften und den damit einhergehenden Grabenkämpfen wahrte sie zugleich Distanz zur derzeit vielen opportun erscheinenden Abfertigung der Theorie.

          Die Rede vom Enthusiasmus eines kleinen Guerrillakämpfers, die den Theorieübersetzer (oder zumindest einen bestimmten) nach Düttmann auszeichnet, brachte eine subjektive Dimension des Übersetzens zur Sprache. Vor allem aber in Nebenbemerkungen und Flurgesprächen wurde etwas von der Arbeit des Übersetzens hörbar, das in den Theoretisierungen zumeist abwesend blieb. Da ging es um die Frage der Ökonomie, als jemand ächzte, dass er manchmal keine Lust habe, aber mit dem Übersetzen halt (mehr oder weniger schlecht) seinen Lebensunterhalt bestreite. Es ging um die Frage von Veröffentlichungsbedingungen, als ein anderer erzählte, dass man ein weiteres Buch eines Autors deshalb nicht gemacht habe, weil die ersten zwei auf so wenig Resonanz gestoßen seien.

          Welche Rolle Vergütung und Verkaufszahlen, Verlage, institutionelle Kontexte, Westbindung und Eiserner Vorhang, Migrationsgeschichten, Geschlechterstruktur oder die Klassenexklusionen der Universität für die Übersetzungen von Theorie spielen und damit, folgt man der Arbeitshypothese der Tagung, eben auch für die Theorie selbst, ob solche Stichworte etwa auch Gründe für die Zentralität der Arbeiten Lacans und Derridas im deutschen Theoriekontext anzeigen könnten, all das war im Tagungsraum kaum Thema.

          Antonia von Schöning erläuterte, wie der Mathematikerin Ada Lovelace ihre Übersetzung der Beschreibung der „Analytical Engine“ von Charles Babbage erlaubte, einen Diskurs zu kapern, von dem sie weitgehend ausgeschlossen war. Es gelang ihr gerade deshalb, weil sie die übliche Hierarchie zwischen Primärtext und Übersetzerkommentar (den „notes“) nicht antastete. So wurde sie zur ersten Programmiererin.

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