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Studentisches Wissen über DDR : Meinungsstark und kenntnisarm

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Gleichgeschaltet: Im Januar 1963 fand in Berlin der VI. Parteitag der SED statt. Bild: Picture-Alliance

Viele Studenten geben sich meinungsfreudig und gesellschaftskritisch. Doch über die DDR und den Sozialstaat fehlt ihnen etwas Entscheidendes – ausreichendes Wissen.

          Studenten, zumal der Politikwissenschaft, geben sich zumeist meinungsfreudig und gesellschaftskritisch. Doch worauf basieren ihre Urteile? Diese Frage stellt sich mir seit unseren Befragungen von Schülern über ihre zeitgeschichtlichen Kenntnisse und Urteile. In zwei Proseminaren mit etwa 40 Teilnehmern pro Seminar über Geschichte und Strukturen der DDR sowie Geschichte und Strukturen des Sozialstaates habe ich die Studenten in den letzten vier Semestern erst zu ihren Urteilen und eine Woche später über ihre Kenntnisse befragt. In der ersten Sitzung bat ich sie, ihre Assoziationen und Urteile über das Thema des Seminars abzugeben, und in der zweiten Sitzung verteilte ich – ohne Vorankündigung – einen Fragebogen, den die Studenten ohne Namensnennung ausfüllten, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Ergebnisse der Befragung würden in die Prüfungsnote eingehen. Sie sollten auch eine Antwort geben, wenn sie sich nicht sicher waren.

          Die häufigsten Assoziationen zur DDR waren in beiden Seminaren: Stasi, Mauer, Sozialpolitik, soziale Gerechtigkeit und Sozialismus. Die SED als den entscheidenden Faktor für die Entwicklung und Prägung der DDR nannten nur wenige. Das Verhältnis SED zu Stasi fiel bei den Antworten in etwa 1:15 aus. Diese Tendenz hat sich im zweiten Seminar über die DDR noch verstärkt: Jetzt wurde die SED nur einmal genannt, während nahezu alle die Stasi unter den gewünschten drei Assoziationen/Charakterisierungen aufführten. Als Diktatur, geschweige denn als sozialistische Diktatur, kennzeichneten die DDR nur sehr wenige befragte Studenten.

          Die in der zweiten Sitzung gestellten 13 Fragen zum politischen, wirtschaftlichen und sozialen System und zum Alltag wurden durchschnittlich zu etwa einem Drittel richtig beantwortet. In beiden Seminaren wussten nur 17 Prozent, dass es in der DDR bis 1987 die Todesstrafe gab, und nur etwas mehr als ein Viertel vermutete zu Recht, mindestens tausend Menschen seien dem DDR-Grenzregime insgesamt zum Opfer gefallen. Wie viele Wohnungen 1981 eine Innentoilette hatten – 60 Prozent – wusste oder ahnte ein gutes Drittel. Den geringen Anteil von Telefonen in Privathaushalten – 16 Prozent – konnten sich nur sechs Prozent vorstellen. Die Höhe der Rente und die Ungleichverteilung der Vermögen waren den meisten auch nicht bekannt. Sie glaubten mehrheitlich, die durchschnittliche Altersrente habe 1988 mindestens 680 DDR-Mark betragen, tatsächlich waren es 480 DDR-Mark. Nicht einmal jeder Dritte gab an, dass die reichsten zehn Prozent der Kontoinhaber 60 Prozent des Geldvermögens besaßen. Dass die Produktivität der zentralistischen Planwirtschaft im Vergleich zur sozialen Marktwirtschaft nur etwa 30 Prozent erreichte, wussten immerhin 40 Prozent der Befragten.

          Die Stasi ist der Sündenbock, die SED existierte nicht

          Auf Basis des mangelhaften Wissens konstruierte sich eine breite Mehrheit der Studenten eine DDR, wie sie nie existierte. In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die überwiegende Mehrzahl zwar keine Sympathien für die DDR hatte, sie aber auf Stasi, Mauer und (vermeintliche) soziale Gerechtigkeit reduzierte und den Diktaturcharakter ausblendete. Die DDR erschien ihnen als Stasi-Staat und nicht als SED-Staat. Das kann sich die umbenannte SED – die Linke – als geschichtspolitischen Erfolg anrechnen lassen: Sündenbock ist die Stasi, die SED existierte überhaupt nicht bzw. war eine „normale“ Partei neben anderen.

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