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Steven Pinkers Daten : Protokollsätze des Hungers

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Wie viele lernten eigentlich in der Schule? Wenn es nach Bill Gates ginge, würde diese von Steven Pinker von der Internetseite „The World in Data“ kopierte Grafik (“Basic Education“) in jedem Schulbuch reproduziert werden. Sie zeigt den Anstieg des Schulbesuchs der Weltbevölkerung, umgerechnet auf eine Testgruppe von 100 Personen. Bild: CC-BY-SA/Max Roser

Gibt es wirklich immer weniger Menschen, die in extremer Armut leben? Steven Pinkers Globalisierungsoptimismus beruht auf empirischen Daten, die keineswegs, wie er meint, unbestreitbar gegeben sind.

          Noch in den elementaren Ausdrücken der schlichtesten Protokollsätze entdecken wir die implizierten Annahmen über ein gesetzmäßiges Verhalten von beobachtbaren Gegenständen“, schrieb Jürgen Habermas 1963 als „Nachtrag“ zum deutschen Positivismusstreit in den Sozialwissenschaften, der wesentlich von Karl Popper und Theodor W. Adorno ausgetragen wurde. Dass es reine Datenpunkte, intuitiv von den menschlichen Sinnen erfasst, nicht geben kann, sondern selbst elementare wissenschaftliche Beobachtungen theoriegeladen sind, war immerhin eine Erkenntnis, auf die sich selbst die sonst zerstrittenen Kontrahenten einigen konnten. Eine Tatsache, die unter dem Eindruck gewaltiger Datenmengen, wie sie in den letzten zwei Jahrzehnten verfügbar wurden, in Vergessenheit geraten kann. Auch bei öffentlichen Intellektuellen.

          Vor einem Jahr veröffentlichte Steven Pinker das Buch mit dem programmatischen Titel „Enlightenment Now“, deutsch „Aufklärung jetzt“ (F.A.Z. vom 12. Oktober 2018). Wissenschaft und Humanismus hätten, so die zentrale These, weltweit zu besseren Lebensumständen geführt, was sich unter anderem anhand der Zunahme der Lebenserwartung, des Rückgangs tödlicher Krankheiten und der Abnahme extremen Hungers zeigen lasse. „Ich bin auf Datensätze gestoßen, die belegten, dass es den Menschen immer besser geht. Die schien niemand zu kennen, weil nicht über sie berichtet wurde. Ich wollte sie abbilden und erklären“, schreibt der amerikanische Psychologe. Mit der reinen Darstellung klarer Beobachtungsdaten müsse sich noch jeder Pessimist vom Optimismus der Weltentwicklung überzeugen lassen, so die Vorstellung, die unmittelbar an den Empirismus bestimmter Aufklärer anknüpft.

          Aber was ist, wenn sich die vorgetragenen Statistiken selbst als für die Theorie zurechtgelegt und empirisch bestreitbar erweisen? Der Anthropologe Jason Hickel hat im „Guardian“ sowie in einem Blogbeitrag eine solche Widerlegung gewagt. Er nennt Pinkers Behauptungen „intellektuell unehrlich“ und attestiert ihnen, „nicht von Fakten gestützt“ zu sein. Besonders die These Pinkers, Globalisierung und Marktwirtschaft hätten weltweit zu einem extremen Rückgang der Armut geführt, ist Hickel ein Dorn im Auge. Nicht ohne Grund. Sie wurde vielfach prominent aufgegriffen, unter anderem von Bill Gates, dessen Stiftung mit enormen Summen Entwicklungsprojekte in Afrika und Asien unterstützt. Gates selbst twitterte eine Grafik von Pinker, die den enormen Armutsrückgang beweisen soll. „Viele Menschen unterschätzen, wie sehr sich das Leben in den letzten zwei Jahrhunderten verbessert hat“, schrieb der Multimilliardär. Pinkers Aufklärungsbuch nannte er sein „Lieblingsbuch für alle Zeiten“.

          Eine Verdoppelung der globalen Wirtschaftsleistung

          Jason Hickel bestreitet vor allem die Datengrundlage von Pinkers Buch. Die Weltbank sammele erst seit 1981 aussagekräftige Daten zur weltweiten Armut, indem sie Umfragen zum Haushaltseinkommen und zur Konsumtionsrate durchführe. Pinkers Statistik bildet aber die Zeitspanne von 1820 bis heute ab. Pinker greift dafür auf historische Schätzungen des Bruttoinlandsproduktes und dessen Verteilung zurück, die allerdings wenig mit der tatsächlichen historischen Armutssituation zu tun hätten, so Hickel. Insbesondere deswegen, weil von Armut betroffene Regionen des globalen Südens in dieser historischen Statistik kaum vertreten seien. Die Auswirkungen des europäischen Imperialismus auf afrikanische Kolonien etwa flössen in Pinkers Grafiken also gar nicht ein.

          Gerade dort, so Hickel, seien die Folgen erzwungener Kapitalisierung aber verheerend gewesen. Die Löhne waren nicht hoch genug, „um die Menschen zur Aufgabe ihrer Subsistenzwirtschaft zu bewegen“, weswegen die Kolonisatoren „die Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen“ mussten, indem sie „Steuern einführten, Gemeinschaftsgüter einzäunten, den Zugang zu Nahrungsmitteln einschränkten oder einfach nur Menschen von ihrem Land vertrieben“.

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