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Steven Pinkers Daten : Protokollsätze des Hungers

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Aber auch für die Gegenwart sei die Datenlage komplexer, als Pinker zugebe. Hickel verweist darauf, dass in „Enlightenment Now“ die Armutsgrenze bei 1,90 Dollar pro Tag angesetzt ist. „Die meisten Forscher“ schätzten diesen Wert aber als „viel zu niedrig“ ein. Die Weltbank rechnet mittlerweile in Niedriglohnländern mit einem Mindesttageslohn von 3,20 Dollar, in Ländern mit mittlerem Durchschnittseinkommen mit mindestens 5,50 Dollar pro Tag, die man erhalten muss, um nicht in die Armutskategorie zu fallen. Gemäß diesen Vorgaben leben 2,4 Milliarden Menschen weltweit gegenwärtig in Armut, mehr als dreimal so viele wie in Pinkers Statistik. Hickel betont außerdem, dass es, setzt man die höheren Grenzen an, mehr als zweihundert Jahre dauern würde, bis die Armut weltweit abgeschafft wäre – was fast eine Verdoppelung der globalen Wirtschaftsleistung erfordern würde. Die Auswirkungen eines solchen Wachstums auf den Klimawandel kann man sich auch ohne Statistik ausmalen.

Ein marxistischer Ideologe

Jason Hickel sieht hinter diesen empirischen Fehlgriffen aber nicht nur handwerkliche Fehler. „Der Punkt meines Beitrags ist, dass die Geschichte der globalen Armut komplexer ist, als Sie und Gates bereit sind anzuerkennen, und dass die Daten Ihr Narrativ der neoliberalen Globalisierung nicht unterstützen“, gibt er Pinker zu bedenken. Der wirtschaftliche Erfolg einiger asiatischer Länder beruhe, anders als von Pinkers Erzählung nahegelegt, „nicht auf neoliberalen Märkten“, sondern auf „staatlicher Industriepolitik, Protektionismus und Regulierungen“. Eine ökonomische Liberalisierung habe etwa in China zwar stattgefunden, aber „schrittweise und zu eigenen Bedingungen“. In Afrika, wo der Internationale Währungsfonds und die Weltbank neoliberale Strukturreformen gefördert hätten, wie die Abschaffung von Zöllen, Subventionen und Sozialleistungen, die Privatisierung von Land und öffentlicher Daseinsvorsorge, sei das Gegenteil passiert. Die Menge der Menschen in absoluter Armut sei dort um 1,3 Milliarden gewachsen – und sogar proportional von 62 Prozent auf 68 Prozent.

Steven Pinker antwortete auf Hickels Kritik mittels einer E-Mail, die er online publizieren ließ. Er behauptet einen herrschenden „Konsens über die globale wirtschaftliche Entwicklung“ und bezeichnet Hickel als „marxistischen Ideologen“, der es nicht ertragen könne, „dass die Daten massive Verbesserungen“ der Lebensumstände „aufgrund von Märkten und Globalisierung“ anzeigten. Die Verbesserung der Welt, so Pinker, käme auch ohne „Abschaffung des Kapitalismus und globale Umverteilung“ aus. Ohne auf die statistischen Argumente bezüglich der Messung von Armut einzugehen, beschwört er den Anstieg von Lebenserwartung, Lesefähigkeit, Bildung und Fähigkeit zum Konsum. Mit seinem Verweis auf die gewalttätige Integration der Kolonialbevölkerungen in das kapitalistische System reproduziert Hickel laut Pinker „romantische Märchen“ über die Vergangenheit. Für die Darstellung weltweiter Entwicklungen sei die Festlegung einer Armutsgrenze „willkürlich und irrelevant“, weil der „Trend überall gleich“ bleibe.

Die Antwort fällt dürftig aus und ist ihrer Argumentation nach mehr politisch als wissenschaftlich. Sie beweist aber ironischerweise gerade die Bestreitbarkeit vermeintlich objektiver Statistiken. Indem Pinker so auf empirische Beobachtungen zurückgreift, dass sie sich in sein Bild liberaler Modernisierung fügen, zeigt er, dass auch Daten und Grafiken „gemacht“ und insofern der Theoriebildung nicht enthoben sind. „Unsere Welt in Daten“, wie die Website heißt, auf die Pinker zum Beleg seiner Thesen oft zurückgreift, ist eben deutlich interpretationsbedürftiger, als jede empiristische Theorie zur Geltung bringen könnte. Wissenschaft schließt immer auch Selbstkritik ein – diese einfache Erkenntnis stünde gerade jenen gut zu Gesicht, die sich öffentlich so vehement auf die Tradition der Aufklärung berufen.

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