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Lob der Zeiterfassung : Her mit der Stechuhr!

Gewöhnungsbedürftig, aber hilfreich für materiell übervorteilte Wissenschaftler: die Stechuhr Bild: Andy Ridder / VISUM

Wissenschaftler müssen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Zeiterfassung nicht fürchten. Im Gegenteil.

          Das kostbarste Gut eines Wissenschaftlers ist seine Zeit. Die hat er bekanntlich zur freien Verfügung, wenn er nicht gerade Anträge schreiben, Gutachten verfassen oder Gremien beiwohnen muss, während seiner Dienstzeit also recht selten. Bücher werden deshalb meist nach Feierabend geschrieben, vorher bewegen sich die Gedanken in administrativen Bahnen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Adornos abschätziges Urteil über die bürgerliche Unterteilung des Tages in Beruf und Freizeit sollte sich der von Projekt zu Projekt schreitende Wissenschaftler deshalb besser nicht zu eigen machen. Strategischer Idealismus kommt besonders dann zu Ehren, wenn Wissenschaftlern zu verstehen gegeben wird, dass sie für ihre Arbeit keine Gegenleistung bekommen. Dann wird es feiertäglich: Wer fragt nach Geld, wo es um Ehre, Exzellenz, Erkenntnis geht? Nur Menschen mit niederen Motiven.

          Das Paradox des „fluiden Wissenschaftlers“

          Geld ist aber nun einmal die materielle Voraussetzung dafür, unsinnige Arbeiten abzulehnen und Konsens gelassen zu ignorieren. Es ist für die Wissenschaft daher ein zweischneidiges Schwert, wenn nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EugH) auch die Universitäten und Forschungsinstitute die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter kartieren sollen. Die Vorstellung, nach dem Abendkolloquium die Stechkarte zu zücken, wird als Kuriosum empfunden, und die Erfassung über Mobiltelefon führt nur tiefer in die Untiefen der vermessenen Welt. Der Widerspruch ist eben schwer zu überbrücken: Wissenschaftler sollen zugleich Beamte und Freigeister sein. Am besten: flexible Beamte. Die in der Qualifikationsphase nach einer Erhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zwölf Überstunden pro Woche ansammeln.

          Der Unmut der Administratoren und Funktionäre über das Urteil des EuGH ist verständlich: Die zeitlich erfassten Überstunden würden die peinliche Tatsache dokumentieren, dass die vielzitierten „besten Köpfe“ nicht gerade zu den Top-Verdienern gehören. Peter André-Alt, dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, ist daher zu widersprechen, wenn er eine flexible Zeit-Regelung für die Wissenschaft fordert. Der zeitgemäße Ruf nach „fluiden“ Wissenschaftlern ist nur der Versuch, die Wissenschaft einer verkehrten Welt einzupassen und Getriebenheit zum Maßstab von Forschung zu machen. Wissenschaftler brauchen aber vielmehr zeitliche Unabhängigkeit und materielle Standfestigkeit, um geistig beweglich zu sein. Deshalb muss es heißen: Her mit der Stechuhr, schreibt die Überstunden auf und legt sie den Finanzministern auf den Tisch. Wenn der Lohn dann ein der intellektuellen Qualität angemessenes Niveau erreicht, kann man weitersprechen. Erkenntnisinteresse ist kein Staatseigentum. Und jede Mitternachtsmail zum Projektantrag wird erst am nächsten Tag beantwortet.

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