https://www.faz.net/-gqz-9iymg

Städtepartnerschaften : Macht und Ohnmacht der Provinz

  • -Aktualisiert am

Beides keine Provinzler: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnen 1963 im Élysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Bild: dpa

Die deutsch-französische Freundschaft schlägt sich auch in den Kommunen nieder. Manchmal ist die Ähnlichkeit der Städte verblüffend, wie in Gütersloh und Châteauroux.

          Am Alten Kirchplatz finden sich eine Spielhalle, ein Pizzaservice, eine Sushibar und ein Goldankauf. Alles in schwarzweißem Fachwerk, rund um die Kirche, an der nur der Turm noch alt ist. Im Krieg wurde sie zerstört und im Nachkrieg nüchtern wieder aufgebaut. An der Schmalseite des Rathauses ein Glockenspiel, schräg wie eine Tonleiter, darüber eine große Uhr, auch das erinnert an Zeiten, als Nüchternheit geboten war und nicht jeder eine Uhr besaß. Fußgängerzonen zerfressen das Gesicht der Stadt und lassen sie aussehen wie anderswo auch. Der Platz am Rathaus, öde, dürfte jetzt fertig sein, immer noch öde. Anderes wäre nötig, vor allem eine neue Nutzung für den aufgelassenen Militärflugplatz der Briten, aber das übersteigt die Kräfte der Stadt. Immerhin gibt es einen Namen, den jeder kennt. Bertelsmann – der Name holt Gütersloh aus dem Limbo unbekannter Orte heraus, so wie Boehringer Ingelheim, Würth Künzelsau, Bayer Leverkusen. Eine Universität, eine Institution von herausgehobener Bedeutung gibt es in Gütersloh nicht. Aber Bertelsmann, außerdem Miele, nicht zu vergessen.

          Kilometerweit führt der Weg an Druckhaus und Verlagsverwaltung vorbei. Selten macht ihn jemand zu Fuß. Weit hinter dem Bahnhof dann die Konzernzentrale; gegenüber, etwas zurückhaltender, die Stiftung. Ihre Architektur wirkt offen, wie die eines Ministeriums, also geht am Empfang denn doch kein Weg vorbei. Am See gibt es schöne Spazierwege, wo Leute aus dem Haus ganz angelegentlich vorübergehen. So sieht es aus in der deutschen Provinz. Auf einmal gerät man in eine Umgebung, die wirkliche Macht verstrahlt, als sei sie dort richtig am Ort, nicht in einer selbstbespiegelnden Mitte, in Berlin oder München oder wie solche Orte denn heißen. Mit Gütersloh als Stadt freilich hat die Bertelsmann-Stiftung wenig zu tun. Letzthin allerdings hat sie sich doch ein wenig mit ihr befasst.

          Gütersloh gehört zu den vielen deutschen Städten, die seit langem eine deutsch-französische Städtefreundschaft unterhalten, mit Châteauroux (Indre), einer Stadt, die Gütersloh in vieler Hinsicht ähnelt. In der Studie „Städtepartnerschaften – den europäischen Bürgersinn stärken“, die von der Bertelsmann-Stiftung im Januar 2018 vorgelegt wurde, kommen Gütersloh und Châteauroux daher vor. Sie belegt empirisch, was eigentlich niemand bezweifelt, dass Städtefreundschaften nämlich unvorhersehbar nützliche und einprägsame Folgen haben. Unbelegt ist nur, dass die Nutzung „sozialer Netzwerke“ dabei irgendetwas verbessern könnte. Das zu sagen ist bei der Stiftung Pflicht, so wie der Verweis auf Gott in der evangelischen Kirche. Den Wert der Studie mindert das indessen kaum.

          Geteilte Probleme

          Die Stadt Châteauroux liegt genau in der Mitte Frankreichs, also ganz am Rand, denn die nationale Politik befasst sich mit Paris und der Île de France und lässt den Rest des Landes links liegen. Anders als Gütersloh hat Châteauroux noch einen Flughafen. Eine gewaltige Luftwaffenbasis liegt seit einem halben Jahrhundert brach und wird nun neu genutzt. Bei einem entspannten Abendessen in Gütersloh unterhielten sich letzthin die beiden Bürgermeister über ihre Flugplätze. In Gütersloh war die britische Luftwaffe stationiert, während Châteauroux den größten Luftwaffenstützpunkt der Amerikaner in Europa besaß. Dann zog De Gaulle die Notbremse, was sich heute als segensreich erweist. Denn vor ein paar Jahren konnte die Stadt die stillgelegte Basis vom französischen Staat für einen symbolischen Betrag erwerben. Bedingung ist nur, dass sie den durch Verkauf oder Verpachtung entstehenden Gewinn mit ihm teilt, nach Abzug der Kosten, versteht sich.

          Da seufzte der Bürgermeister von Gütersloh tief auf. Denn erwerben könnte seine Stadt die ehemaligen Militärgelände der Briten schon, aber sie müsste sich dafür tief verschulden. Die Bundesregierung sieht es gar nicht ein, die Bürger der Stadt für siebzig Jahre unkontrollierten Fluglärm und städtebauliche Erdrosselung großzügig zu entschädigen, wie der französische Staat es weitblickend tut. Hochverschuldete Gemeinden nützen keinem, vor allem nicht dem Staat, der schließlich doch die Zeche zahlt. In Deutschland überlässt der Bund das gern den Ländern.

          Die Hälfte aller Bürgermeister in Frankreich, so heißt es, will sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Gil Avérous dagegen, der Bürgermeister von Châteauroux, hat noch viel vor. In seiner Stadt gibt es nachhaltige Bewegung in einem Niedergang, der alle französischen Mittelstädte und damit den Zusammenhalt des ganzen Landes bedroht. Gütersloh wiederum hat Bertelsmann und ansonsten schlechte Karten, wie die Sache mit dem Flugplatz deutlich zeigt, die aus Anlass der Städtefreundschaft erhellend zur Sprache kommt. Wenn die auch im Großen nichts ändert, schafft sie doch im Kleinen einen Emotions- und Informationsfluss, wie er sonst nicht nur zwischen Politikern kaum zustande kommt.

          Ganz unterschiedliche Gruppen von Bürgern in den beteiligten Städten lernen sich persönlich kennen und schauen einander in den Kochtopf. Die beiden Bürgermeister sind dabei von denen, die über Erfolg oder Misserfolg ihres Handelns entscheiden, gleich weit entfernt. Aber unter den Vorzeichen des deutschen Föderalismus kann der Staat sich seiner kommunalen Mitverantwortung offenbar besser entziehen als im zentralistischen Frankreich. Das gibt doch zu denken.

          Weitere Themen

          „Dschinn“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dschinn“

          „Dschinn“ läuft ab Donnerstag, den 13. Juni auf Netflix.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Feinde der Freiheit

          Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten könnte der schaurige Höhepunkt einer leider nicht beispiellosen Hetze in asozialen Netzen gewesen sein. Die Urheber sind Staatsfeinde. Sie müssen bekämpft werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.