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Sprachvarianten des Deutschen : Wägen fahren nur südlich des Mains

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Hippdebach und Drippdebach: Der Main, hier in Frankfurt, markiert auch eine Sprachgrenze Bild: Jana Mai

Drei Sprachwissenschaftler klären über lokale Ausdrucksweisen auf. Und fordern für sie die gleiche Anerkennung wie für das Standarddeutsch.

          Wo kommt ein „Päckchen“ an und wo ein „Packerl“ oder ein „Päckli“? Wo kann man „jemandem telefonieren“, ohne das „mit“ ihm tun zu müssen? Und wo ist das Meer, an dem man gesessen „hat“ oder „ist“, nicht „auf dem“, sondern „am“ Urlaubsfoto zu sehen? Wer den grammatischen Variantenreichtum der deutschen Schriftsprache kennenlernen möchte, sollte auf der Website des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache die „Variantengrammatik“ anklicken, um dort die vielfältigen Sprachlandschaften zwischen Nordsee und Alpen zu durchstreifen (http://mediawiki.ids-mannheim.de/VarGra/index.php/Start).

          Das Online-Nachschlagewerk wurde von einem Germanisten-Team unter der Leitung von Christa Dürscheid (Zürich), Stephan Elspaß (Salzburg) und Arne Ziegler (Graz) verfasst. Abgedeckt werden Deutschland, Österreich, Südtirol, Liechtenstein, Luxemburg sowie die deutschsprachigen Regionen der Schweiz und Belgiens. Das gesamte Gebiet ist in fünfzehn sprachliche Areale aufgeteilt. Dabei geht es nicht um Dialekte, sondern um Ausdrucksweisen, die im schriftlichen und öffentlichen Sprachgebrauch der jeweiligen Regionen üblich sind und dort als korrektes Standarddeutsch gelten – unabhängig davon, ob sie in den dortigen Mundarten wurzeln oder nicht. Die mit vielen Beispielen versehenen Texte zu den grammatischen Stichwörtern wenden sich auch an interessierte Laien. Karten zeigen, in welchen Gebieten die verschiedenen Varianten vorkommen und wie gebräuchlich sie dort sind.

          Um die Sprachdaten zu erheben, haben die Linguisten Artikel aus 68 Regionalzeitungen ausgewertet. Aber wie regional ist deren Sprachgebrauch eigentlich? In Blättern wie der „Stuttgarter Zeitung“, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ oder der „Wiener Zeitung“ arbeiten schließlich auch Journalisten, die nicht aus der Region stammen – das gilt auch für die Lokalteile, auf die sich die Sprachwissenschaftler konzentrierten.

          Dass gelegentlich Ausdrucksweisen vorkommen mögen, die nicht landschaftstypisch sind, hält Christa Dürscheid für möglich, aber unproblematisch: „Aufgrund der Datenmenge von knapp 600 Millionen Wörtern gehen wir davon aus, dass dies in der statistischen Auswertung zu vernachlässigen ist.“

          Verdeckte Vielfalt

          Die regionalen Unterschiede in der Phonetik und im Wortschatz des Standarddeutschen sind bereits im „Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards“ und im „Variantenwörterbuch des Deutschen“ dokumentiert. Nun leuchtet die Variantengrammatik die Flexionsformen, Wortbildungs- und Satzbaumuster eines Schriftdeutschs aus, das auch in der Grammatik mehr Lokalkolorit zeigt, als das „Standard“-Etikett vermuten lässt. Einen neuen Trend zur Regionalisierung sieht Christa Dürscheid darin nicht, vielmehr eine schon lange bestehende Vielfalt, die erst jetzt in den Blick gerate, weil sie lange von der idealisierenden Vorstellung eines völlig einheitlichen „guten Deutschs“ verdeckt wurde: „Dass es auch auf dieser Ebene mehr als eine korrekte Form geben kann, widerstrebt dieser Vorstellung.“

          Bei aller Empirie wollen die Linguisten mit ihrem Projekt auch ein sprachpolitisches Zeichen setzen: „Alle Varianten des Deutschen, die in der Variantengrammatik erfasst sind, sind gleichberechtigt, sie gehören zur deutschen Standardsprache.“ Das richtet sich, unausgesprochen, auch gegen die von Deutschlands Nachbarn oft empfundene Dominanz bundesrepublikanischer Varianten. Allerdings finden auch die Propagandisten eines speziell „österreichischen“, „luxemburgischen“ oder „schweizerischen Standarddeutschs“ wenig Bestätigung, denn die Verbreitungs-gebiete der meisten Varianten halten sich nicht an Staatsgrenzen.

          Manchmal zeigt sich auch, dass ein vermeintlicher Regionalismus gar keiner ist: So zum Beispiel die „Bögen“, die der Duden im Süden des deutschen Sprachraums verortet, während sie in der Sprachwirklichkeit auch im Norden die „Bogen“ überdecken. Anders als die „Wägen“ – die fahren tatsächlich nur südlich des Mains.

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