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Diversität an Hochschulen : Die Solidarität endet an der Grenze zur Unterschicht

  • -Aktualisiert am

Hier war der Arbeiter noch dabei: Studentenprotest im Jahr 1968 Bild: © SZ Photo / Max Scheler

Die Diversitätdebatte an den Hochschulen konzentriert sich allein auf Geschlecht und sexuelle Orientierung. Dabei ist die soziale Herkunft ein viel wichtigeres Kriterium für den Hochschulzugang.

          Diversität ist kein neutraler Begriff, der natürliche und gesellschaftliche Vielfalt einfach nur beschreibt, sondern auch ein politisches Programm, das vor allem in den Universitäten enorme Konjunktur hat. Es manifestiert sich unter anderem in der Institutionalisierung von Diversitätsbeauftragten und interdisziplinär ausgerichteten Diversity-Studiengängen. Die Selbstverpflichtung zur Förderung von Diversität ist Teil des Leitbildes mancher Universitäten und auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft geworden. Diversitätspolitik meint dabei meist Repräsentationspolitik. Alle als relevant definierten Gruppen innerhalb einer Institution sollen auf den verschiedenen Positionen gleich repräsentiert sein.

          Menschen unterscheiden sich bekanntlich bezüglich sehr verschiedener Merkmale voneinander. Der universitäre Diversitätsdiskurs definiert aber die Merkmale Geschlecht und sexuelle Orientierung als besonders relevant. Neben Frauen sollen Personen, die einer LGBTIQ-Orientierung (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex, Queer) folgen, anerkannt, geschützt und entsprechend in den Institutionen repräsentiert sein. Aus der Perspektive der Diversitätsvertreter ist es besonders alarmierend, wenn sich Gruppenmerkmale überlagern und zu einer „intersektionalen Benachteiligung“ von Personen führen.

          Diskurse über Diversität sind selbst Bestandteil der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. Es ist auffallend, dass in den skizzierten Klassifikationen von Diversitätsmerkmalen und Gleichstellungspolitiken eine zentrale Benachteiligungskategorie so gut wie keine Erwähnung findet: die soziale Herkunft. In den sechziger Jahren bildete die sogenannte Klassenfrage ein zentrales Motiv der Studentenbewegung. Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs für Personen aus den unteren Klassen sind mit der Institutionalisierung des zweiten Bildungswegs geschaffen worden. In den siebziger Jahren hat sich dann die Frauenfrage und seit Beginn der Jahrtausendwende das Thema Diversität ins Blickfeld geschoben. Die soziale Herkunft ist in der Folge zur vergessenen Seite des Diversitätsdiskurses geworden. Auch der Migrationshintergrund einer Person spielt im universitären Diversitätsdiskurs keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

          Repräsentation der Geschlechter

          Die Frage, welche Gruppen in bestimmten Institutionen über- und welche unterrepräsentiert sind, ist allerdings allein empirisch zu beantworten. Schaut man sich unter dieser Perspektive die Diversität der Studenten an, die zahlenmäßig die größte Gruppe an Universitäten bilden, dann ergeben sich zum Teil überraschende Befunde. Mit einem Frauenanteil von 48,5 Prozent innerhalb der Studenten im Jahr 2017 kann die Gleichstellung von Frauen beim Zugang zu tertiären Bildungseinrichtungen als weitgehend abgeschlossen angesehen werden, auch wenn der Frauenanteil zwischen den Fächern und Fächergruppen variiert und vor allem in den Ingenieurwissenschaften deutlich geringer ausfällt. Auch auf der Ebene der Doktoranden beträgt der Frauenanteil mittlerweile 45,2 Prozent (2016). Die im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts starke Zunahme der Bildungsbeteiligung von Frauen ist eine der bedeutsamsten Veränderungen der Sozialstruktur Deutschlands.

          Natürlich bedeutet eine ausgewogene Repräsentanz unter Studenten nicht, dass die Frauen auch auf den oberen Hierarchiestufen einer Universität mit den Männern gleichgezogen haben. So lag laut Bericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (2016/2017) der Frauenanteil bei Professuren im Jahr 2017 bei 23,4 Prozent, 1997 waren es sogar nur neun Prozent. Diese Kennzahl umfasst allerdings sowohl Professuren, die vor mehreren Jahrzehnten besetzt wurden, als auch Neuberufungen. Möchte man ein gültiges Bild der gegenwärtigen Ungleichheit zeichnen, so lohnt der Blick auf die Entwicklung der Neuberufungen. Hier lag der Frauenanteil im Jahr 2003 noch bei 17,8 Prozent. Er hat sich bis 2017, also innerhalb von 14 Jahren, auf 33,4 Prozent erhöht. Ungleiche Geschlechterrepräsentation besteht auf der Ebene der Professuren also weiter fort.

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