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Deutscher Sonderweg? : Wir Untertanen

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Tischkarte der amerikanischen Feministin Charlotte Perkins Gilman vom Internationalen Frauenkongress in Berlin 1904 Bild: Charlotte Perkins Gilman Papers, Schlesinger Library, Radcliffe Institute, Harvard University

Das deutsche Kaiserreich war um 1900 ein Laboratorium des demokratischen Aufbruchs. Trotzdem hält sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Legende vom deutschen Sonderweg, einem Land unter der Pickelhaube.

          Was war das für eine Zeit! Plötzlich hatte sich „in ganz Europa ein beflügelndes Fieber erhoben“, wie Robert Musil über die Jahre um 1900 notierte, „überall standen Menschen auf, um gegen das Alte zu kämpfen.“ Frauenbewegung, Sozial- und Arbeitsreform, Wandervögel und Technikeuphorie – die Welt war in Bewegung. In einer „Bilanz des Jahrhunderts“ ermittelte die „Berliner Illustrirte Zeitung“ 1899, dass die große Mehrheit der Leserschaft die Gegenwart für die glücklichste Zeit überhaupt hielt.

          Die Nationalgalerie in Berlin besaß die weltweit größte Sammlung moderner französischer Kunst. Im 1907 in München gegründeten „Deutschen Werkbund“ engagierten sich Frauen und Männer für eine Versachlichung der Alltagswelt vom Sesseldesign bis zum Städtebau. Politik war aufregend wie nie zuvor, die Wahlbeteiligung stieg im Deutschen Reich auf mehr als 80 Prozent. Die Sozialdemokratie war aus der Zeit der Sozialistengesetze gestärkt hervorgegangen, die Konservativen im Reichstag befanden sich im Sinkflug. Eine reformbegeisterte Zivilgesellschaft vibrierte im Fortschrittsglauben – wie im ganzen nordatlantischen Raum.

          Dieser Aufbruch passt schlecht in das Image, das die heutige Presse und auch viele Fachhistoriker immer noch vom Kaiserreich zeichnen. Es gibt zwar eine breite Forschung zu den Reformen, doch sie bleibt in den Sonderkabinetten der „Lebensreform“, der Kunst- oder der Frauengeschichte verborgen. Die Bühne der großen Historiographie hingegen ist bevölkert mit Pickelhauben, Junkern und tumbem Kaiser. Bekannt ist das „Flottenprojekt“, aber fast kein Name jener Parlamentarier, über deren schlagfertige Reden die Männer in den Kneipen diskutierten. Kaum einer weiß vom Internationalen Frauen-Kongress 1904 in Berlin, auf dem Feministinnen wie Carrie Chapman Catt, Anita Augspurg und Millicent Fawcett die International Woman Suffrage Alliance gründeten. Denn tatsächlich: Die Frauen betraten damals laut und unübersehbar die politische Bühne. Sie trieben die Reformbewegungen voran und bildeten ein globales Netzwerk.

          Eine Rüge des Herrschers galt als Auszeichnung

          Aller großartigen Forschung zum Trotz wird das Kaiserreich und meistens gleich die Weimarer Republik dazu nach wie vor als das Dunkelreich mit Fluchtpunkt 1933 gezeichnet. Mögen Historikerinnen und Historiker wie Margaret Anderson, Ute Planert, Andreas Biefang, Gisela Bock, Christopher Clark oder Tim B. Müller den Widersinn des „Sonderwegs“ nachweisen – er bleibt uns erhalten. Thomas Welskopp nannte ihn 2002 eine „Metaerzählung“, die selbst „weitreichende Revisionen an empirischen Annahmen“ nicht erschüttern könnten. Das Narrativ hält sich gerade deshalb umso besser, als es seit David Blackbourns und Geoff Eleys „Mythen deutscher Geschichtsschreibung“ von 1980 offiziell als überholt gilt und damit scheinbar nicht mehr reflektiert werden muss. Historiker wie Volker Berghahn, James Retallack oder Helmut Walser Smith präsentieren weiterhin bei allen Differenzierungen und klugen Analysen die deutsche Geschichte als determiniert: als Highway zum NS – ohne denkbare Abzweigungen und ohne Entkommen.

          Der an der Schullektüre von Heinrich Manns „Untertan“ gereifte öffentliche Diskurs durchdringt dabei den wissenschaftlichen. Was Fernsehfilme, Dokus und Zeitungen öffentlich beständig reproduzieren, wird auf Fachtagungen gern als faktisches Grundwissen angenommen – egal, ob es falsch ist oder unbelegtes Räsonnement: Der Reichstag sei machtlos gewesen, ohne Budget- und Gesetzesinitiativrecht; die deutsche Frauenbewegung habe mit ihrem Konservatismus einen peinlichen Ausnahmefall dargestellt; Militarismus, Konformismus, Antisemitismus seien im Deutschen Reich so krass wie nirgendwo sonst gewesen. Immer wieder outen sich gestandene Historiker mit dem Wissen, im Deutschen Reich habe das Dreiklassenwahlrecht geherrscht.

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