https://www.faz.net/-gqz-9mx3o

Gespräch mit Alex Lichtenstein : So wird es erst richtig spannend

  • -Aktualisiert am

Feuer und Flamme für diese Staatlichkeit: Das Titelbild des Februarheftes der AHR zeigt das Plakat eines anonymen Künstlers aus dem Bestand der Digital Somali Library der Indiana University. Ein Aufsatz von Julie MacArthur im Heft behandelt unter dem Titel „Decolonizing Sovereignty“ Ausnahmezustände an der Grenze zwischen Kenia und Somalia. Bild: Oxford University Press

Wie betreibt man die Dekolonisierung einer Fachzeitschrift? Der Chefredakteur der „American Historical Review“ erklärt, wie er die Vielfalt der Autorenschaft und die Lebhaftigkeit der Debatte steigern will.

          Die „American Historical Review“ (AHR), die 1884 gegründete Hauszeitschrift der American Historical Association (AHA), gab vor einem Jahr bekannt, dass sie ihren Inhalt „dekolonisieren“ wolle – wegen des Eindrucks, dass es an Diversität fehle, bei den Autorinnen und Autoren wie bei den Themen. Anfang dieses Jahres wurden die von Chefredakteur Alex Lichtenstein im Februar 2018 zur Einleitung des Prozesses der „Dekolonisierung“ ergriffenen Maßnahmen auf der Jahresversammlung der AHA in Chicago erörtert. Im Februarheft der Zeitschrift hat Lichtenstein zu diesen Diskussionen Stellung genommen und weitere Maßnahmen angekündigt. F.A.Z.

          Warum hält die American Historical Association es für geboten, ihre Zeitschrift zu dekolonisieren? Historiker schreiben über Dekolonisierung, so dass man ihre Vertrautheit mit dem Begriff voraussetzen kann. Welchen Sinn hat es, ihn metaphorisch im wissenschaftlichen Publikationswesen zu verwenden?

          Zunächst sollte ich betonen, dass diese Initiative von mir ausging, nicht von der AHA. Zwar arbeitet der Verband tatsächlich auch selbst ernsthaft daran, die Historikerzunft für eine größere Vielfalt von Stimmen und Erfahrungen zu öffnen. Und bislang unterstützt die Organisation die Veränderungen, die ich vorgenommen habe. Aber diese Bemühungen entspringen der redaktionellen Freiheit, die ich habe. Mit Bedacht habe ich den Terminus „Dekolonisierung“ und nicht „Diversität“ benutzt, weil er nicht nur die Hinzufügung ausgeschlossener Stimmen impliziert, sondern einen Wandel der Vorstellungen davon, welche Arten von Text überhaupt als Wissenschaft zählen sollen. Ich verwende den Begriff nicht metaphorisch, sondern eher als ein Signal für den Willen, etwas Neues zu versuchen. Abgesehen davon glaube ich an eine Politik der kleinen Schritte. Ich erwarte nicht, dass die AHR das Ancien Régime der Wissenschaftlichkeit in einem einzigen revolutionären Moment überwindet. In der Hauptsache geht es um den Willen, ein paar Risiken einzugehen mit dem, was wir publizieren, während wir weiter einige der traditionellen Formen von Gelehrsamkeit auf unseren Seiten bewahren. Kritiker mit Witz könnten auf die Idee kommen, mir Neokolonialismus vorzuwerfen!

          Während Ihre Zeitschrift Forschung aus der ganzen Welt publiziert, dient sie gleichzeitig als amtliches Organ der professionellen Geschichtswissenschaft in den Vereinigten Staaten. Diese Nation, gegründet von früheren britischen Kolonien, wurde im Laufe ihrer Geschichte selbst zu einer Kolonialmacht. Gibt es einen nationalen Kontext für Ihre Adaption der Idee der Dekolonisierung?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

          Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.

          Amazonas-Brände : Warum sind wir so passiv?

          Der Regenwald brennt. Das Foto des erblindeten Ameisenbären in Abwehrstellung ging um die Welt und ist zum Sinnbild geworden. Ein verzweifelter Aufruf von Brasiliens bekanntestem Naturfotografen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.