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Analphabeten in Deutschland : Autokraten schätzen keine Schriftgelehrten

  • -Aktualisiert am

Mehr als sieben Millionen Analphabeten in Deutschland: Ist die Lese- und Schreibfähigkeit der Bürger ausschlaggebend für eine starke Demokratie? Bild: dpa

Für den Neurolinguisten José Morais hängt die Stärke einer Demokratie von der Lese- und Schreibfähigkeit ihrer Bürger ab. In Deutschland leben mehr als sieben Millionen Analphabeten – wie schwer wiegt das?

          Wir befinden uns gerade in der „Nationalen Dekade der Alphabetisierung“, die – erinnert sich noch jemand? – vor zwei Jahren mit einigem Getöse eröffnet wurde. In Deutschland leben rund 7,5 Millionen Menschen, die als „funktionale Analphabeten“ gelten. Sie haben zwar die Schule durchlaufen, können aber trotzdem nicht ausreichend lesen und schreiben. Weltweit gibt es nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 750 Millionen Analphabeten. Nach den Maßstäben der Weltorganisation sind das Menschen, die auch kurze, einfache Sätze weder lesen noch schreiben können. Wie viele von den funktionalen Analphabeten der Bundesrepublik darunter fallen, ist angesichts der schwankenden Definitionen unklar.

          Für José Morais, Neurolinguist von der Universität Brüssel, ist der UN-Maßstab ohnehin viel zu bescheiden. Menschen, deren Schreib- und Lesefähigkeiten sich auf diese Standards beschränken, sind für ihn „Semi-Literale“ und weit davon entfernt, den kulturuellen Reichtum und die kognitiven Möglichkeiten der Schriftkultur auszuschöpfen. Wirklich lesen und schreiben zu können geht für ihn weit über das Entschlüsseln und Produzieren von Buchstabenfolgen hinaus. Für diese tiefe Lese- und Schreibfähigkeit, jenseits der bloßen Alphabetisierung, hat sich der Begriff „Literacy“ oder „Literalität“ eingebürgert. Zu ihr gehört auch das Vermögen, komplexe Texte zu verstehen und zu verfassen, Informationen zu verknüpfen und zu kommentieren, Meinungen zu bewerten und zu begründen. Die Kompetenzen, die damit einhergehen, sind nicht auf die Schrift beschränkt.

          Literalität schärft auch die Lautverarbeitung und verbessert die mündliche Reaktionsfähigkeit, sie fördert die Fähigkeit, logisch zu denken, zu argumentieren und zu abstrahieren, andere Standpunkte einzunehmen und unterschiedliche gedankliche Rollen durchzuspielen. Dabei handelt es sich nicht um bildungsbürgerliche Spekulationen: Zahlreiche empirische Studien zeigen, dass die Literalität neuronale Netze in den visuellen und sprachlichen Zentren aktiviert und verknüpft, die in den Gehirnen illiterater Personen ungenutzt bleiben.

          Literalität und Demokratie

          Morais gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Forschern auf diesem Gebiet. Dass es bei der Literalität nicht einfach um sprachliche, sondern um schriftsprachliche Effekte geht, also um kulturelle Fertigkeiten, die sich nicht naturwüchsig entwickeln, sondern erlernt werden müssen, ist selbst bei vielen Kollegen aus den Kognitionswissenschaften und der Neurophilosophie noch nicht richtig angekommen, meint Morais. Dementsprechend werde die politische Bedeutung des Themas völlig unterschätzt. Für Morais ist die Literalität weit mehr als ein Objekt der Kognitionswissenschaft, sie ist nichts Geringeres als ein Schlüssel zum politischen Fortschritt, ein Fundament echter Demokratie (Language, Cognition and Neuroscience, 2017). Diese Perspektive wurzelt auch in der Vergangenheit des Wissenschaftlers, der als Aktivist gegen die portugiesische Diktatur kämpfte und 1969 ins Exil nach Brüssel ging.

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