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Siegeszug der Fachzeitschrift : Fortsetzung im nächsten Heft

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Auslieferung von Zeitungen und Zeitschriften, Postamt Berlin, 1892 Bild: Picture-Alliance

Kurz hieß: der Kritik zugänglich und der Ergänzung bedürftig. Der Siegeszug der Fachzeitschrift, die Aufsätze versammelt, verdankte sich einem Wissensideal des Fortschritts der kleinen Schritte.

          Lange kursierte eine heroische Geschichte der wissenschaftlichen Zeitschrift: Der fulminante Fortschritt der modernen Naturwissenschaften seit dem siebzehnten Jahrhundert sei auch dem Publikationsformat der naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift und dem damit verknüpften Evaluationsverfahren der formellen Prüfung durch unabhängige Gutachter (Peer Review) zu verdanken. In einer bemerkenswerten Studie über die wissenschaftliche Fachzeitschrift wendet sich der in Harvard lehrende Wissenschaftshistoriker Alex Csiszar gegen diese erfolgstrunkene Mediengeschichte der Naturwissenschaften („The Scientific Journal“. Authorship and the Politics of Knowledge in the Nineteenth Century. The University of Chicago Press, Chicago 2018. 368 S., 41 Abb., 45,– Dollar).

          Wie wurden wissenschaftliche Ergebnisse im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert publiziert? Csiszar konzentriert sich bei der Beantwortung dieser Frage auf die beiden akademischen Zentren London und Paris. Die Mitglieder der Royal Society in London und der Académie Royale des Sciences in Paris waren damals vor allem daran interessiert, ihre Ergebnisse mündlich in Akademiesitzungen vorzustellen und zu diskutieren. Die dort präsentierten Forschungsergebnisse wurden in irregulären Intervallen in umfangreichen und schweren, mit großer Umsicht und auf dem besten Papier gedruckten Bänden im Quartformat publiziert. Die Schwarten wurden dem Monarchen persönlich überreicht. Diese Publikationen hießen etwa „Histoire et Mémoires“, sollten bereits Geleistetes archivieren und hatten primär einen repräsentativen Charakter.

          Csiszar zeigt: Erst im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts setzte sich langsam die naturwissenschaftliche Fachzeitschrift als das maßgebliche akademische Publikationsmodell durch. Das serielle Format erlaubt, Erkenntnisfortschritte zeitnah zu publizieren. Hier ist von großem Vorteil, dass sich das an der Norm der Aktualität orientierende periodische Publikationswesen mit der an der Norm der Neuheit ausgerichteten und an innovativen Originalbeiträgen interessierten Wissenschaft verknüpfen lässt.

          Die Geheimratsecken des Wissenschaftsbetriebs

          Die Fachzeitschrift erweist sich deshalb als ideales Medium, um wissenschaftliche Prioritätsansprüche registrieren zu lassen. In einer an Fortschrittsimperativen ausgerichteten Wissenschaft geht es immer auch darum, wer einen Wissensanspruch als Erster aufstellt. Auf diese Weise wurde im neunzehnten Jahrhundert das Konzept der Veröffentlichung schrittweise von mündlichen Vortragskontexten abgekoppelt: Erstentdeckungsansprüche wurden nun als Erstpublikationsansprüche verhandelt. Die Fachzeitschrift wurde damit zum Patentregister für wissenschaftlichen Ruhm.

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