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Mordserien in Krankenhäusern : Staatsanwaltschaften erschweren Forschung

  • -Aktualisiert am

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt beim Prozess in Oldenburg sein Gesicht hinter einem Aktendeckel Bild: dpa

Eine Studentin forscht darüber, wie man Serienmorde in der Pflege verhindern kann. Dafür braucht sie Gerichtsurteile. Für die Staatsanwaltschaften ist eine Übersendung aber zu viel Aufwand.

          Die vermutlich größte Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte spielte sich in den Jahren 1999 bis 2005 in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst ab. Der Krankenpfleger Niels H. gab jüngst über 100 Patientenmorde zu. Nun stellt sich allenthalben die Frage, wie solche Tötungsserien in Zukunft verhindert werden können. Wissenschaftliche Forschungen sind notwendig – werden aber von Staatsanwaltschaften nicht immer unterstützt. Das ergeben Recherchen von FAZ.NET.

          Die Studentin Judith Wedekind hat im Sommer 2017 ihre Bachelorarbeit „Patient*innentötungen durch Pflegepersonal - Institutionen in der Verantwortung“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg eingereicht. Die klug geschriebene Arbeit untersucht die Verantwortung von Kliniken und Pflegeeinrichtungen für das Phänomen der „Patient*innentötungen“. Dazu werden mögliche institutionelle Ursachen dargelegt und eine theoretische Fundierung des Phänomens aus institutioneller Perspektive versucht. Außerdem denkt Wedekind über Präventionsansätze nach.

          Wedekind hat bei ihren Recherchen auch Gerichtsurteile studiert. In ihrem Fazit schreibt sie darüber: „Erst  aufgrund der Lektüre dieser Urteile im Original wurde mir deutlich, wie viele unterschiedliche Faktoren Patient*innentötungen begünstigen und welchen erheblichen Beitrag Institutionen und Führungskräfte zu diesem Phänomen leisten – eine Einsicht, die ich allein durch Lektüre von zusammenfassenden Fallbeschreibungen nicht gewonnen hätte.“ Es zeigt sich also, dass Gerichtsentscheidungen eine wichtige Rolle spielen, um weitere Mordserien präventiv zu verhindern.

          Doch konnte Wedekind nicht alle erforderlichen Urteile lesen. Auf Seite 44 ihrer Arbeit beschreibt sie die Reaktionen der für den Versand anonymer Entscheidungen zuständigen Staatsanwaltschaften:

          Staatsanwaltschaft Bonn

          Die Bonner Staatsanwaltschaft besitzt zwar das Urteil im Fall „Michaela G.“ noch (Landgericht Bonn, 2006, Ks 900 Js 581/05 – 24 G3/05). Laut Staatsanwaltschaft sei aber eine Überlassung einer anonymisierten Kopie des Urteils „aufgrund des damit verbundenen Aufwandes nicht möglich“ (Schreiben des Leitenden Oberstaatsanwalts vom 29.05.2017, Aktenzeichen 3003 E – 2/17). Auf Anfrage von FAZ.NET gab die Behörde keine weitere Erklärung ab.

          Staatsanwaltschaft Oldenburg

          Auch der Staatsanwaltschaft Oldenburg war eine Überlassung anonymisierter Kopien von Urteilen aus den Jahren 2006 und 2008 aufgrund des damit verbundenen Aufwands nicht möglich (Schreiben der Leitenden Oberstaatsanwältin vom 31.05.2017, Aktenzeichen 145 E 3 VII – 26895). Nur ein aktuelleres Urteil wurde übersandt. Dazu von FAZ.NET befragt, bezeichnet die Behörde das damalige Verhalten als Versehen. „Aus dem Unterbleiben der Übersendung der weiteren Urteile dürfte kein Nachteil entstanden sein, da es sich jeweils um Taten einer Serie gehandelt hat, denen stets das gleiche Muster zugrunde liegt. Ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn dürfte mit dem Studium weiterer Urteile daher eher nicht verbunden sein.“

          Staatsanwaltschaft Freiburg

          Den Fall „Reinhard B.“ vom Landgericht Freiburg aus dem Jahr 1981 (Aktenzeichen: Ks 1/77 VII AK 47/79) konnte Wedekind nicht rekonstruieren, da die Akten von der Staatsanwaltschaft Freiburg bereits ausgesondert waren (Schreiben des Leitenden Oberstaatsanwalts vom 30.05.2017, Aktenzeichen 145 E). Auch beim Staatsarchiv Freiburg hatte sie erfolglos angefragt. Auf Anfrage von FAZ.NET gab die Behörde keine weitere Erklärung ab.

          Staatsanwaltschaft Bielefeld

          Zum Fall „Wolfgang L.“ konnte die Autorin ebenfalls  nicht umfassend recherchieren. Das Urteil vom Landgericht Bielefeld aus dem Jahr 1993 (10 Ks Js 572/90 StA Bielefeld – L1/92 X) ist laut Staatsanwaltschaft Bielefeld bereits vernichtet (Schreiben des Leitenden Oberstaatsanwalts vom    18.05.2017, Aktenzeichen 145 E – 838).

          Andere Urteile

          Dagegen sah sich die Staatsanwaltschaft Wuppertal im Stande, ein 302-seitiges Urteil aus dem Jahr 1976 (Fall „Rudi Z.“) und ein 255-seitiges Urteil aus dem Jahr 1989 (Fall „Michaela R.“) zu übersenden. Andere Urteile konnte die Studentin über juristische Fachdatenbanken abrufen.

          Gerichte sind nicht verpflichtet, Entscheidungen an die Rechtsprechungsdatenbanken zu übersenden. Dort würden sie immerhin archiviert und stünden auch der sozialwissenschaftlichen Forschung langfristig zur Verfügung. Der Passauer Strafrechtslehrer Holm Putzke fordert deshalb, dass sich der „Aufwandseinwand“ gerade bei wissenschaftlichen Forschungsprojekten auf absolute Ausnahmefälle zu beschränken habe: „Wissenschaft ist angewiesen auf die Auswertung von Primärquellen. Und die Praxis profitiert von wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht zuletzt, wenn es um Prävention von Verbrechen geht. Das wiederum dient unmittelbar dem Opferschutz.“

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