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Bildungspolitik aus Hannover : Wo bleibt die Nachdenklichkeit?

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Ein aufgeklärter Mensch: Das Denkmal für den Physiker, Schriftsteller und Philosophen Georg Christoph Lichtenberg in Göttingen Bild: Picture-Alliance

Das Land Niedersachsen will mit dem Programm „Bildung 2040“ die Zukunft der Schulen entwerfen. Die Leitfrage die gestellt wird, ist wichtig. Aber stimmen die Rahmenbedingungen?

          Unter dem Motto „Bildung 2040“ hat der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) vor kurzem ein Zukunftsprogramm gestartet: „Was und wie sollen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene lernen, um auch in Zukunft selbstbestimmt zur Teilhabe befähigt zu werden?“ So die durchaus vernünftige Leitfrage, die von Niedersachsen ausgeht, sich aber natürlich länderübergreifend stellt. Anders als bei einer Agenda-Politik, die auf mittelfristige Konzepte und damit klare Fahrpläne zielt, ist hier Offenheit Programm. Alles soll möglich sein, zumindest gedacht werden dürfen. Diese utopische Grundfigur will ermutigen, vorgeprägte Denkmuster zu verlassen und aufgeschlossen zu sein für das ganz andere: Querdenken und Neudenken, ein Ansatz, wie ihn etwa der Göttinger Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg exemplarisch verkörperte. Voraussetzung solchen Denkens aber ist, dass die ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen zukunftsoffene Räume überhaupt gestatten, und genau das scheint nicht der Fall zu sein.

          Wenn man genauer hinschaut, geht es der niedersächsischen Initiative um die Gestaltung von Lernen und die Ermöglichung von Bildung, das eine ist notwendige Voraussetzung des anderen, aber längst keine Gewähr, es zu erreichen. In beiden Fällen ist die Zukunftsoffenheit längst nicht mehr gegeben. Denn wie sich Lernprozesse im Zeitalter digitaler Transformation entwickeln werden, das weiß man schon ziemlich genau. Ralph Müller-Eiselt etwa, einer der Innovatoren der Bertelsmann-Stiftung, sieht das Ziel einer von jeder curricularen Vorprägung befreiten Schule als erreichbar und erstrebenswert an. In ihr gibt es keine allgemeinen Lehrpläne mehr, Nacht für Nacht entwickeln Algorithmen für jeden Schüler sein eigenes Lernpensum, das er dann Tag für Tag abarbeitet.

          Der wahre Zweck des Menschen

          Ein solche radikale Auflösung kollektiver Unterrichtsstrukturen wird von vielen jüngeren Medienpädagogen positiv gesehen. Sie betonen – nicht zu Unrecht – die erheblichen Möglichkeiten zur Individualisierung, die programmgesteuerte Unterweisung bieten kann: jedem Schüler sein eigenes Curriculum und dazu einen „Lehrer“, der unbestechlich ist, frei von Emotionen und jeder Art menschlicher Schwäche. Aber wollen wir das? Welches Schulleben deutet sich da an, wenn nicht nur phasenweise und in einzelnen Fächern, sondern durchgängig so gearbeitet würde, mit einem zwar interaktiven, aber doch unerbittlichen 1:1 Frontalunterricht?

          Ein Zweites kommt hinzu: Voraussetzung für die passgenaue Programmierung der Lernschritte ist, dass der Schüler genau diagnostiziert und mental durch-leuchtet wird. Kein „analoger“ Lehrer könnte je so tief in Geist und Psyche ein-dringen. Schon nach kurzer Zeit erfasst das System seine Lerner in allen Facet-ten, so wie es bereits jetzt schon zunehmend bei digitalen Personalrekrutierungssystemen erfolgt. So werden Menschen zu Objekten, wenn auch in bester Ab-sicht. Und die ungeheuren Datenmengen, die da generiert werden, sind von allergrößtem Interesse für alle Abnehmer: Ausbildungsfirmen, Universitäten, Versicherungen, Banken. Wenn man eine solche lebenslange Datenspur aber verhindern will, dann ist unbedingt eines zu fordern: eine gesicherte Offline-Architektur für die meisten Unterrichtsphasen. Lernprogramme haben nichts im Netz verloren, sie müssen auf schuleigenen höchstgesicherten Servern liegen. Nur in Ausnahmefällen ist der Schritt ins Netz zu gestatten. Aber kein bekanntes Digitalisierungskonzept setzt derzeit auf eine solch rigorose Abgrenzung.

          Die andere Frage ist die nach Bildung. Der Begriff wird meist gedankenlos als Summenformel aller Ziele, die mit Schule zu tun haben, verwendet. Meist ist Ausbildung gemeint, hier auch werden die digitalen Tools ihr breitestes Wirkungsfeld entfalten. Bildung im engeren Sinn hingegen, das haben alle Theorien gemeinsam, erstrebt das Ideal des selbst denkenden Menschen. Ein Konzept, das konsequent auf solcher Selbstreflexivität fußt, ist das Modell Jürgen Baumerts der vier Modi der Weltbegegnung: normativ-evaluativ, kognitiv-instrumentell, ästhetisch-expressiv und religiös-philosophisch. Man müsste es jetzt durch einen fünften Modus, den der mündigen Begegnung mit der digitalen Welt, ergänzen. Die Faustformel einer Schule, die sich daran orientieren wollte, würde lauten: so viel Praxis wie nötig und so viel Theorie wie möglich. Das hieße, gerade nicht berufsbezogen und anwendungsbasiert zu denken, es hieße, eine Institution zu bejahen, die nicht verbessern oder konditionieren will. Eine Schule wäre das, die etwas Einfaches und doch sehr Schwieriges anstrebt: nachdenkliche Menschen. Sie müsste das einlösen wollen, was Humboldt einst als „wahren Zweck des Menschen“ definiert hat, „die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“. „Zu dieser Bildung“, fährt er fort, „ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung.“

          Diese Freiheit geht im Zeitalter digitaler Entmündigung verloren, ist schon an vielen Stellen verlorengegangen. Auch die Kultusadministration dieses Landes hat kaum noch die Möglichkeit zu aktivem Handeln, wenn sie den Vorgaben der digitalen Agenda folgt. Sie müsste stattdessen erkennen, dass Schüler bei einer unkontrollierten Digitalisierung als Teil einer Maschinenwelt gesehen werden, die immer weiß, was richtig ist. Ein nachdenklicher Mensch weiß das nicht, sonst müsste er nicht nachdenken. Sie müsste erkennen, dass wir auf dem Weg sind in eine selbstverschuldete Teilmündigkeit. Das gilt es aufzuhalten. Für den Bildungsbereich heißt das, sorgen wir dafür, dass die Maschinen der Entwicklung autonomer Menschen dienen und nicht umgekehrt. Das wäre ein klarer Auftrag für die Agenda „Bildung 2040“ und zugleich Bedingung ihres Gelingens.

          Der Autor leitet das Max-Planck-Gymnasium in Göttingen und ist Vorsitzender der Niedersächsischen Direktorenvereinigung.

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