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Schullaufbahn von Flüchtlingen : Ohne Warteschleife zum Abitur

  • -Aktualisiert am

Mit unterschiedlichen Voraussetzungen: Manche Flüchtlingskinder schaffen durchaus eine gymnasiale Bildungslaufbahn. Bild: Picture-Alliance

Flüchtlingskinder können durchaus eine gymnasiale Laufbahn in Deutschland bewältigen. Hamed und Anas haben vorgemacht, wie man mit Wille, Fleiß und Disziplin weiterkommt.

          Ohne Sprach-, Vorbereitungs- und Integrationskurse geht es bei Flüchtlingen nicht, meinen die meisten. Die Bildung müsse den fremden, also hilflosen Menschen zugetragen werden, und dafür brauche es viel Zeit und Geld. Dass ein Fremder in Deutschland auch ohne zusätzliche Kurs-Maschinerie, allein aus eigenem Antrieb und Fleiß, den höchsten allgemeinbildenden Schulabschluss erzielen kann, zeigen Hamed und Anas, die soeben am Ökumenischen Gymnasium zu Bremen e. V. (ÖG) ihr Abitur abgelegt haben. Beide sind jetzt 19 Jahre alt und kamen vor dreieinhalb Jahren unabhängig voneinander als „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ nach Deutschland, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können.

          Hamed ist in Afghanistan geboren, seine Familie floh, als er vier Jahre alt war, nach Pakistan. Von dort wollte sein Vater, ein Mathematiklehrer, später noch einmal kurz zurück, um nach seinem Haus in Afghanistan zu schauen, wurde dabei aber von den Taliban erschossen. Die Mutter zog mit Hamed und seinen vier Geschwistern weiter nach Iran. Von dort brach der Junge mit 14 Jahren allein auf und landete rund ein Jahr später in Hamburg, entschied sich aber dann, nach Bremen zu gehen: „Ich kannte Werder.“ Inzwischen spielt Hamed begeistert Futsal (Hallenfußball) in Bremens einziger Futsalmannschaft.

          Der Syrer Anas ist in einer behüteten Familie mit drei Geschwistern aufgewachsen. Der Vater war Bauingenieur, die Mutter Lehrerin. Anas hatte es gerade nach Abschluss der neunten Klasse in eine Eliteschule geschafft. „Da kam der IS, und meine Eltern hatten große Sorge, dass ich als ältester Sohn unserer Kurdenfamilie abgeholt und getötet würde.“ Die Familie floh deshalb in das Geburtsdorf des Vaters, von dort zog Anas als Ältester aber noch weiter zu einem Onkel – im Gepäck Bücher und Zeugnisse, um sich dort allein aufs Abitur vorzubereiten. Noch dachte er, es gehe bald wieder zurück nach Aleppo. Doch es kam anders, denn eines Tages war eine Männergruppe erschienen, die nach Dänemark wollte, weil die Situation in der Region immer schlimmer wurde. „Völlig spontan“ sei deshalb seine Entscheidung gefallen, sich als Jüngster dem Tross anzuschließen. „Wenn ich gewusst hätte, wie gefährlich das war, hätte ich es nie gemacht“, sagt Anas im Rückblick. Am 20. Dezember 2014 traf auch er in Bremen ein und ließ seine Reisebegleiter allein weiter nach Dänemark ziehen. „Ich konnte einfach nicht mehr.“

          Ein stiller Junge mit der Nase im Buch

          Die erste Nacht verbrachte er auf einer Polizeiwache, die nächsten drei Monate in einer Sammelunterkunft. Allerdings blieb Anas in der Zeit genau wie Hamed nicht untätig und wartete nicht auf Hilfe, sondern lud sich bei einem großen Warenhaus, das freies W-Lan anbot, Videos herunter, um so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. „Auf einen Sprachkurs hätte ich ein Jahr warten müssen“, sagt Anas.

          Beide Flüchtlinge haben sich Deutsch in Wort und Schrift selbst beigebracht – durch Internet und Bibliotheksbesuche. So wurden sie auch „entdeckt“. Extrawürste bei der Abiturvorbereitung und -prüfung gab es übrigens später – mit Ausnahme der Erlaubnis, ein Wörterbuch „Deutsch als Fremdsprache“ zu benutzen – nicht. Sie haben sich all die Jahre angestrengt, manchmal bis an die Grenze des körperlich Belastbaren, berichten die Lehrer, auf Partys und manch anderen Spaß Gleichaltriger verzichtet. Dafür haben sie alles, was die Schule von ihnen – genau wie von den Mitschülern – verlangt und was sie ihnen geboten hat einschließlich Klassenfahrt, uneingeschränkt mitgemacht.

          Ihre Noten im mündlichen Prüfungsfach – beide haben Politik gewählt – stehen schon fest: Hamed hat 14, Anas 15 Punkte erreicht. Ihren endgültigen Abi-Schnitt kennen sie zwar noch nicht, aber Anas rechnet „mit irgendwas um 1,1 oder 1,2“. Ein bisschen zu knapp wohl für ein Medizinstudium, aber versuchen will er es trotzdem. „Schon mit 14 wusste ich, ich will Arzt werden.“ Auch Hamed werde ein „sehr gutes Abitur machen“, heißt es, er ist zurzeit noch auf der Suche nach einem dualen Studienplatz für Informatik /Ingenieurwissenschaften.

          Von einem „gemeinsamen Kraftakt“ spricht ÖG-Schulleiter Jan Andrees Dönch, der die beiden Jungen auch deshalb so gern aufgenommen hat, „weil sie den anderen etwas in puncto Lernkultur vorgemacht haben“. Zuvor habe er aber in einem Aufnahmegespräch bekräftigt, dass Frauen in Deutschland gleichberechtigt sind und Israel als Staat anerkannt ist. „Sie sollten schließlich zu unserer Schulgemeinschaft passen“, erklärt Dönch.

          Zu den wichtigen Akteuren zählt auch Veit Schmidt. Als der promovierte Mathematiklehrer, seit sechs Jahren im Ruhestand, 2014 von den ersten Flüchtlingen hörte, die in Bremen eingetroffen waren, hat er sich „einfach so mal auf den Weg gemacht in eine der Unterkünfte, um zu schauen, was dort los ist“. Unglaublich, befand der Pädagoge: „Da saßen etwa 20 junge Männer unproduktiv vor dem Haus in der Sonne. Drinnen aber steckte ein stiller Junge die Nase in ein Buch.“ Schmidt kam mit dem „stillen Jungen“, es war Hamed, auf Englisch ins Gespräch und legte ihm spontan ein paar Matheaufgaben aus der neunten Klasse vor. „Die hat er problemlos gelöst. Das hat mich beeindruckt.“ Umgehend stand für den Pädagogen fest: Hamed musste schnell in eine normale Schulklasse. „Der Junge wollte weiterkommen, war mehr als fleißig, kaufte sich von seinem ersten Taschengeld Bücher, er las, um die deutsche Sprache zu lernen.“

          So empfahl er Hamed seiner früheren Schule, dem ÖG. Auf der Suche nach einer passenden Bleibe landete der Junge nach einem kurzen WG-Intermezzo in der Gastfamilie eines Airbus-Mitarbeiters, deren Tochter ebenfalls das ÖG besuchte, denn es stellte sich heraus, dass die WG mit dem afghanischen Kumpel seinen deutschen Sprachkenntnissen schadete. Die Abiturvorbereitung habe Hamed aber völlig selbständig gemacht, sagt Schmidt: „Wir haben uns zwar regelmäßig getroffen, aber ich habe ihm immer nur gesagt: Du schaffst das.“ Ein echtes Problem in Mathematik seien die inzwischen seitenlangen Textaufgaben, moniert Schmidt: „Da ist es für Nichtdeutsche extrem schwierig zu verstehen, was überhaupt gemeint ist.“

          Wäre die Erfolgsgeschichte auch an einer staatlichen Schule möglich gewesen?

          Auch auf Anas wurde eine pensionierte ÖG-Lehrkraft aufmerksam, Irmgard Laaf. Als sie ihn damals in seiner Flüchtlingsunterkunft traf und fragte, wofür er sich denn besonders interessiere, habe Anas „Für alles“ geantwortet. Die Pädagogin war fasziniert: „Mir war sofort klar: Der Junge vergammelt, wenn er kein geistiges Futter kriegt.“ Und so wurde auch sie umgehend aktiv und empfahl Anas ebenfalls ihrer „alten Schule“. Sie versprach, ihn zu begleiten und für ihn zu bürgen.

          Anas habe „den ganzen Tag über versucht zu lernen“, erzählt Laaf. Um die anspruchsvolle Lektüre seiner zehnten Klasse, darunter Sophokles’ „Antigone“, Goethes „Faust“ und Brechts „Guter Mensch von Sezuan“ zu bewältigen, habe er regelmäßig vorgearbeitet und stundenlang in Stadt- oder Unibibliothek gesessen. Wie bei Hamed waren weniger Mathe und Naturwissenschaften das Problem als sprachorientierte Fächer wie Deutsch und Geschichte. Nebenbei kümmerte Anas sich darum, seine Familie nachzuholen. Ein jüngerer Bruder besucht inzwischen ebenfalls die Schule des großen Bruders.

          Das Gymnasium, an das die beiden Flüchtlinge mehr oder weniger zufällig geraten sind, ist Alleingänge gewöhnt. Seine Gründerin Erika Opelt-Stoevesandt wollte 1981 einen hohen Leistungsanspruch mit christlichen Werten verbinden. Das Ganze glich schon damals einem rebellischen Akt, denn im tiefroten Bremen hätschelte man lieber Gesamtschulen und hielt Religionsunterricht für überflüssig. Am ÖG gibt es aber bis heute überkonfessionellen Religionsunterricht, Morgenandachten, Klosterfahrten, Sozialwanderungen. Es gibt aber auch Begabtenförderung, in der Unter- und Mittelstufe alle 14 Tage Samstagsunterricht und eine Profiloberstufe, die mehr als das übliche Leistungs-Grundkurs-Schema bietet. Es war auch ein Mathematiklehrer des ÖG, Winfried Kurth, der 1996 mit vier Schülern erstmals nach Hamburg zum Bundesentscheid der Mathe-Olympiade fuhr. „Weil Bremen keine Eliteförderung wollte, stieg es als letztes Bundesland in den Wettbewerb ein“, so Kurth.

          Den Erfolg seines Lernkonzepts bekam das ÖG 2006 Schwarz auf Weiß bei der ersten Pisa-Teilnahme bescheinigt: Da wich die Schule „statistisch bedeutsam von den Kompetenzwerten ab“, und zwar im positiven Sinn. In Mathematik, Naturwissenschaften, Lesefähigkeit und Problemlösen lagen die Ergebnisse zum Teil weit über denen der Bremer Vergleichsschulen und glichen dem Spitzenniveau bayerischer Gymnasien.

          Eltern müssen am ÖG Schulgeld zahlen, weil das staatlich anerkannte Gymnasium in freier Trägerschaft vom Land Bremen für jeden Schüler nur 4222 Euro bekommt. Alle anderen Bundesländer bis auf Berlin gewähren ihren Privatgymnasien teils deutlich höhere Zuschüsse: an der Spitze liegen Bayern mit 6700 Euro und Hamburg mit bis zu 6830 Euro, wie eine Übersicht der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2016 zeigt. Je nach Geschwisterzahl variiert das Schulgeld am ÖG daher zwischen 125 und 435 Euro monatlich. Bedürftige, leistungsstarke Schüler profitieren aber von der schuleigenen Stiftung, die jetzt auch den beiden Flüchtlingen zugutekam. Hätte deren Erfolgsgeschichte auch aus einer staatlichen Schule heraus erzählt werden können? Schulleiter Dönch überlegt einen Moment, dann sagt er: „Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, dort hätte man die Vorgaben der Behörde erst mal abgewartet und dann abgearbeitet. Die Jungs wären in Vorbereitungskursen gelandet, es wäre viel Zeit verstrichen. Als Schule in freier Trägerschaft können wir schnell und eigenständig handeln. Das ist ein großer Vorteil.“

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