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Schullaufbahn von Flüchtlingen : Ohne Warteschleife zum Abitur

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Anas habe „den ganzen Tag über versucht zu lernen“, erzählt Laaf. Um die anspruchsvolle Lektüre seiner zehnten Klasse, darunter Sophokles’ „Antigone“, Goethes „Faust“ und Brechts „Guter Mensch von Sezuan“ zu bewältigen, habe er regelmäßig vorgearbeitet und stundenlang in Stadt- oder Unibibliothek gesessen. Wie bei Hamed waren weniger Mathe und Naturwissenschaften das Problem als sprachorientierte Fächer wie Deutsch und Geschichte. Nebenbei kümmerte Anas sich darum, seine Familie nachzuholen. Ein jüngerer Bruder besucht inzwischen ebenfalls die Schule des großen Bruders.

Das Gymnasium, an das die beiden Flüchtlinge mehr oder weniger zufällig geraten sind, ist Alleingänge gewöhnt. Seine Gründerin Erika Opelt-Stoevesandt wollte 1981 einen hohen Leistungsanspruch mit christlichen Werten verbinden. Das Ganze glich schon damals einem rebellischen Akt, denn im tiefroten Bremen hätschelte man lieber Gesamtschulen und hielt Religionsunterricht für überflüssig. Am ÖG gibt es aber bis heute überkonfessionellen Religionsunterricht, Morgenandachten, Klosterfahrten, Sozialwanderungen. Es gibt aber auch Begabtenförderung, in der Unter- und Mittelstufe alle 14 Tage Samstagsunterricht und eine Profiloberstufe, die mehr als das übliche Leistungs-Grundkurs-Schema bietet. Es war auch ein Mathematiklehrer des ÖG, Winfried Kurth, der 1996 mit vier Schülern erstmals nach Hamburg zum Bundesentscheid der Mathe-Olympiade fuhr. „Weil Bremen keine Eliteförderung wollte, stieg es als letztes Bundesland in den Wettbewerb ein“, so Kurth.

Den Erfolg seines Lernkonzepts bekam das ÖG 2006 Schwarz auf Weiß bei der ersten Pisa-Teilnahme bescheinigt: Da wich die Schule „statistisch bedeutsam von den Kompetenzwerten ab“, und zwar im positiven Sinn. In Mathematik, Naturwissenschaften, Lesefähigkeit und Problemlösen lagen die Ergebnisse zum Teil weit über denen der Bremer Vergleichsschulen und glichen dem Spitzenniveau bayerischer Gymnasien.

Eltern müssen am ÖG Schulgeld zahlen, weil das staatlich anerkannte Gymnasium in freier Trägerschaft vom Land Bremen für jeden Schüler nur 4222 Euro bekommt. Alle anderen Bundesländer bis auf Berlin gewähren ihren Privatgymnasien teils deutlich höhere Zuschüsse: an der Spitze liegen Bayern mit 6700 Euro und Hamburg mit bis zu 6830 Euro, wie eine Übersicht der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2016 zeigt. Je nach Geschwisterzahl variiert das Schulgeld am ÖG daher zwischen 125 und 435 Euro monatlich. Bedürftige, leistungsstarke Schüler profitieren aber von der schuleigenen Stiftung, die jetzt auch den beiden Flüchtlingen zugutekam. Hätte deren Erfolgsgeschichte auch aus einer staatlichen Schule heraus erzählt werden können? Schulleiter Dönch überlegt einen Moment, dann sagt er: „Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, dort hätte man die Vorgaben der Behörde erst mal abgewartet und dann abgearbeitet. Die Jungs wären in Vorbereitungskursen gelandet, es wäre viel Zeit verstrichen. Als Schule in freier Trägerschaft können wir schnell und eigenständig handeln. Das ist ein großer Vorteil.“

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