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Schullaufbahn von Flüchtlingen : Ohne Warteschleife zum Abitur

  • -Aktualisiert am

Ihre Noten im mündlichen Prüfungsfach – beide haben Politik gewählt – stehen schon fest: Hamed hat 14, Anas 15 Punkte erreicht. Ihren endgültigen Abi-Schnitt kennen sie zwar noch nicht, aber Anas rechnet „mit irgendwas um 1,1 oder 1,2“. Ein bisschen zu knapp wohl für ein Medizinstudium, aber versuchen will er es trotzdem. „Schon mit 14 wusste ich, ich will Arzt werden.“ Auch Hamed werde ein „sehr gutes Abitur machen“, heißt es, er ist zurzeit noch auf der Suche nach einem dualen Studienplatz für Informatik /Ingenieurwissenschaften.

Von einem „gemeinsamen Kraftakt“ spricht ÖG-Schulleiter Jan Andrees Dönch, der die beiden Jungen auch deshalb so gern aufgenommen hat, „weil sie den anderen etwas in puncto Lernkultur vorgemacht haben“. Zuvor habe er aber in einem Aufnahmegespräch bekräftigt, dass Frauen in Deutschland gleichberechtigt sind und Israel als Staat anerkannt ist. „Sie sollten schließlich zu unserer Schulgemeinschaft passen“, erklärt Dönch.

Zu den wichtigen Akteuren zählt auch Veit Schmidt. Als der promovierte Mathematiklehrer, seit sechs Jahren im Ruhestand, 2014 von den ersten Flüchtlingen hörte, die in Bremen eingetroffen waren, hat er sich „einfach so mal auf den Weg gemacht in eine der Unterkünfte, um zu schauen, was dort los ist“. Unglaublich, befand der Pädagoge: „Da saßen etwa 20 junge Männer unproduktiv vor dem Haus in der Sonne. Drinnen aber steckte ein stiller Junge die Nase in ein Buch.“ Schmidt kam mit dem „stillen Jungen“, es war Hamed, auf Englisch ins Gespräch und legte ihm spontan ein paar Matheaufgaben aus der neunten Klasse vor. „Die hat er problemlos gelöst. Das hat mich beeindruckt.“ Umgehend stand für den Pädagogen fest: Hamed musste schnell in eine normale Schulklasse. „Der Junge wollte weiterkommen, war mehr als fleißig, kaufte sich von seinem ersten Taschengeld Bücher, er las, um die deutsche Sprache zu lernen.“

So empfahl er Hamed seiner früheren Schule, dem ÖG. Auf der Suche nach einer passenden Bleibe landete der Junge nach einem kurzen WG-Intermezzo in der Gastfamilie eines Airbus-Mitarbeiters, deren Tochter ebenfalls das ÖG besuchte, denn es stellte sich heraus, dass die WG mit dem afghanischen Kumpel seinen deutschen Sprachkenntnissen schadete. Die Abiturvorbereitung habe Hamed aber völlig selbständig gemacht, sagt Schmidt: „Wir haben uns zwar regelmäßig getroffen, aber ich habe ihm immer nur gesagt: Du schaffst das.“ Ein echtes Problem in Mathematik seien die inzwischen seitenlangen Textaufgaben, moniert Schmidt: „Da ist es für Nichtdeutsche extrem schwierig zu verstehen, was überhaupt gemeint ist.“

Wäre die Erfolgsgeschichte auch an einer staatlichen Schule möglich gewesen?

Auch auf Anas wurde eine pensionierte ÖG-Lehrkraft aufmerksam, Irmgard Laaf. Als sie ihn damals in seiner Flüchtlingsunterkunft traf und fragte, wofür er sich denn besonders interessiere, habe Anas „Für alles“ geantwortet. Die Pädagogin war fasziniert: „Mir war sofort klar: Der Junge vergammelt, wenn er kein geistiges Futter kriegt.“ Und so wurde auch sie umgehend aktiv und empfahl Anas ebenfalls ihrer „alten Schule“. Sie versprach, ihn zu begleiten und für ihn zu bürgen.

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