https://www.faz.net/-in2-9konk

Jugend schreibt : Ein Übersetzer braucht Mut

  • -Aktualisiert am

Bild: von Zubinski

Erst nach dem Computer folgt der Feinschliff: Ein portugiesischer Germanist übersetzt Karl Kraus und Brecht. Für manche Zeilen benötigt der Professor mehrere Tage.

          Man muss es aus Liebe und Besessenheit machen, und das Wichtigste ist ein aufmerksamer Leser.“ So beschreibt António Sousa Ribeiro seine Tätigkeit als Übersetzer. „Fürs Übersetzen verdiene ich ein bisschen mehr, als ich meiner Putzfrau bezahle“, teilt der Portugiese lachend mit. In seiner Freizeit übersetzt der portugiesische Germanist literarische Werke, überwiegend deutsche Prosa, in seine Muttersprache. Er ist kein Berufsübersetzer, doch seine 900-seitige portugiesische Übersetzung von Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“ wurde vor kurzem mit dem Großen Preis für Literaturübersetzung der Portugiesischen Übersetzervereinigung (APT) ausgezeichnet. Literarische Übersetzer wie António Sousa Ribeiro übersetzen meist in die eigene Muttersprache. Zu dieser Sprache haben sie ein inniges Verhältnis. Der Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der renommierten Universität von Coimbra im Norden Portugals hält Sprachen für so unterschiedlich, dass eine perfekte Übersetzung von vornherein unmöglich ist.

          „Die gesamte Übersetzung basiert auf dem Paradox der Unübersetzbarkeit“, sagt António Sousa Ribeiro. Wenn man übersetzt, ist man versucht, Äquivalenzen zu finden. Dies würde aber voraussetzen, dass die Strukturen der beiden Sprachen gleich sind. Da dies aber nicht so ist, braucht ein Übersetzer viel Mut. Um seine Arbeit besser zu erläutern, gebraucht der 1952 geborene Kraus-Experte einen Vergleich. „Man muss Brücken zwischen den Sprachen bauen, man kann die Brücke auch überqueren, aber die Lücke verschwindet nie.“ Um diese Lücke so klein wie möglich zu machen, schafft man als Übersetzer oft etwas Neuartiges. Dadurch wird die Sprache dynamisch und verändert sich im Laufe der Zeit. So werden die Übersetzungen selbst historisch.

          So machte er sich in der Familie verhasst

          Deswegen sind sie auch nicht für ewig. Sousa Ribeiro zitiert Schleiermacher, der bei Übersetzungen zwei verschiedene Strategien ausmachte: Die assimilatorische, in der man die fremde Sprache an unsere angleicht, und eine verfremdende Strategie. Diese besagt, man schaffe etwas Neuartiges, denn wenn man in die eigene Muttersprache übersetzt, muss man unweigerlich verfremden. „Falls jemand anzweifelt, dass es ein Wort oder den entsprechenden Satz nicht gäbe, muss man als ein selbstbewusster Übersetzer sagen: Ab jetzt kann man es so sagen“, erklärt der gut Deutsch sprechende Professor. Die schwierigste Entscheidung bei seiner Übersetzung überhaupt war „Der Nörgler“ aus „Die letzten Tage der Menschheit“ des Kraus’schen Weltkriegsdramas. Natürlich treffe die Übersetzung mit „o eternodescontente“ nicht hundertprozentig.

          Weitere Themen

          Posen mit dem Traktor Video-Seite öffnen

          „Bayern Girls Edition“ : Posen mit dem Traktor

          Mit High Heels auf dem Trecker - das ist nicht gerade der erste Gedanke, wenn man an Feldarbeit denkt. Beim Fotoshooting für die „Bayern Girls Edition“ des Jungbauern-Kalenders 2020 zählt aber natürlich mehr die Pose, als die landwirtschaftliche Produktivität.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.